Kunst
Charmeoffensive mit Blumenmeer: „Bloom up“ in der Kunsthalle Baden-Baden
Metergroße gelbe Forsythienblüten, die am Ende des Aufgangs von der Decke spießen. Im großen Saal stehen Mitgiftschränke mit Rosenkranz- und Bauernrosendekor; gelb-rot schattierte Tulpen zieren das Exemplar der Maria Abalonia Kälterin aus Schrozberg aus dem Jahr 1764, die Inschrift lautet: „Bet und arveit, so erhelt uns Gott alle Zeit“. Im Eck hängt herzallerliebst eine rote Mega-Mohnblüte des spanisch-kosovarischen Künstlerpaars Petrit Halilaj und Álvaro Urbano unter dem Oberlicht.
Wie eine Glocke ist die „ach-wie-schöne“ Feier einer von ihren Herkunftsländern erschwerten schwulen Liebe drapiert; der Titel „16. März 2019“ ist mit einem Zweisamkeitsereignis der beiden Künstler verbunden. Die Kunsthalle Baden-Baden gleicht nicht ohne Grund einem charmeoffensiven Blumenmeer. Denn im Hintergrund der ersten, herrlich sinnlichen Kooperationsausstellung der Kunsthalle mit dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe blühen Kontroversen.
Das Karlsruher Schloss, die Unterkunft des die Menschheitsgeschichte kulturhistorisch überblickenden Landesmuseums, wird auf Jahre hin saniert. Im Herbst 2024 fällte das baden-württembergische Kunstministerium die Entscheidung, das Haus in der 40 Kilometer entfernten, auf zeitgenössische Avantgardekunst abonnierten Kunsthalle einzuquartieren. Voran die Kunsthallen-Direktorin Çağla Ilk hat die mutmaßliche Degradierung zur Interimsspielstätte damals scharf kritisiert – allerdings auch aus persönlichen Gründen.
Ihr Vertrag wurde nicht verlängert, die Stelle nicht neu ausgeschrieben. Wohl der Hauptgrund der für das Land sehr praktischen Kollateralentsorgung: Ilk, bei der Venedig-Biennale als Kuratorin des deutschen Pavillons noch hoch gelobt, hat die Kunsthalle mit einem arg verkopften Programm quasi leergefegt.
2500 Besucher im Jahr soll ihre letzte Besucherstatistik ausweisen. Für das Traditionshaus verheerend. Für das Stuttgarter Ministerium ein Argument, das badische Kooperationsmodell als Win-Win-Lösung zu inthronisieren. „Bloom up“, das jedenfalls ist sicher, wird den Zuspruch im Haus massiv nach oben korrigieren. Auffällig, wie dabei der Eindruck einer feindlichen Übernahme durch die Karlsruher vermieden wird.
Alles streng paritätisch
Alles also streng paritätisch. Eckart Köhne, der Direktor des Badischen Landesmuseums, hielt sich bei der Pressekonferenz auffällig im Hintergrund. Die Pressefrau der Kunsthalle durfte alle begrüßen. Die sehr gute, auch für ein romantisches Date in der Schau nutzbare App wurde gemeinsam er- und vorgestellt. Das städtische Gartenamt ist bei „Bloom up“ mit eingebunden. Vor allem: Kunsthallen-Kuratorin Christina Lehnert und ihr Karlsruher Kollege Christiaan Veldmann haben die Schau als Zusammenspiel arrangiert.
Eine Expertin für zeitgenössische Kunst, jüngst noch Programmmacherin der Göteborg-Biennale, und jemand mit Expertise fürs Mittelalter, insbesondere auch Altäre. Den beiden sind auf der Spur des immer neu mit Bedeutung aufgeladenen Motivs sinnfällig-anschauliche, auch niederschwellig genießbare Konstellationen gelungen. Um kritische Positionen, bei Ilk ein Schwerpunkt, geht es dabei eher leise – und am Rand.
So wie bei Willem de Rooijs weißem Üppig-Bouquet aus Löwenmäulern, Eustoma, Chrysanthemen, Lilien, Gerbera, Anthurien, Rosen, Nelken und Schleierkraut. Dazu hat der Konzeptkünstler die zum Landesmuseum gehörende Sammlung Bildarchiv Staufen ausgewertet und Fotos daraus in einer Vitrine ausgelegt: Eine Erstkommunion-Prozession, eine Schafherde weidet im Schnee, ein Hochzeitszug zieht durch die Straßen; Aufnahmen zeigen das Lazarett in Frankenthal 1916. Weiße Menschen, überhaupt die Farbe Weiß, dominieren die Bilder. De Rooijs will das „Weißsein als eine kulturell-gesellschaftliche Norm in diesen Sammlungen“ dechiffrieren. So zwischen Sinn und Sinnlichkeit, zwischen Jahrtausenden schwebend, geht es dahin.
Tausend handbemalte Blüten eines toten Trompetenbaums in unterschiedlichen Verwelkungszuständen liegen in der Installation von Allora & Calzadilla, die auf Kolonial- und Klimaeffekte auf Martinique aufmerksam macht. Baden-Badener Licht fällt und zeichnet Blüten auf dem Boden. Zwischendrin sind mittelalterliche Architekturfragmente mit Rankenornament platziert. Für die Ausstellung aktuell entstandene Arbeiten interagieren mit einem Blumenkragen auf der Brust eines Sargdeckels aus dem alten Ägypten, 3000 vor Christus, 19 Reihen stilisierter Blüten wie Kamille, Lotus und Papyrus.
Klein gefaltete Blattpäckchen waren damals Grabbeigaben – Sinnbild für den Kreislauf des Lebens. Auch inhaltlich nur einen Schritt entfernt läuft „Requiem“, der letzte Film des litauischen Künstlers und Filmemachers Jonas Mekas (1922–2019), auf einer Leinwand: eine 84-minütige Abschiedselegie mit Momentaufnahmen aus urbaner Flora, die durch jede Ritze sprießt. Daneben ist eine Pietra dura mit Verkündigungsbild aus der Landesmuseumssammlung gehängt, das Geschenk des Großherzogs Cosimo III. de’ Medici an Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden. Eine Einlegearbeit aus Halbedelsteinen, darunter Achat und Lapislazuli. Die dargestellte Lilie steht für Marias unbefleckte Empfängnis. Geburt und Tod sind so im Blumenmotiv vereint.
Tieferen Sinn ergibt auch das Nebeneinander eines keramischen Salbgefäßes (um 390 v. Chr.), der Tapisserie „Pilger im Garten“ von Edward Burne-Jones und William Morris aus dem Jahr 1901 – und eines lieblosen Gebindes, an dem ein Zettel geheftet ist: „Zum Geburtstag meines jüngsten Sohnes bekam ich einen Tankstellenblumenstrauß“.
Belia Zanna Geetha Brückner zeigt in ihrer Installation ritualisierte Selbstentschuldigungsgesten gewalttätiger Männer. Auf der Tapisserie ist eine sich anbahnende, toxische Entjungferungsfantasie dargestellt. Derweil erkennen mythologisch Bewanderte auf dem Salbgefäß mit den blühenden Anemonen ein Sinnbild für das Adonisfest, zu dem im antiken Athen nur Frauen zugelassen waren: ein Akt der Selbstermächtigung. Bildung nützt also; wo sie fehlt, helfen Inszenierungen wie die „atmosphärische Intervention“ der norwegischen Geruchsforscherin Sissel Tolaas dem Lückenschluss auf die Sprünge. Dabei sondern bewegliche Hocker Düfte ab, es riecht diffus nach Kräutern, Zimt, Klosterluft, natürlich Blumen. Ganz betäubt sitzt man so vor Hans Baldung Griens und Hans Gitschmanns Dorothea-Fenster, das 1513 für das Kartäuserkloster am Johannisberg in Freiburg geschaffen wurde.
Die frühchristliche Römerin hatte sich geweigert, einen heidnischen Statthalter zu heiraten, wurde dafür gefoltert und hingerichtet. Noch posthum schickte sie der Legende nach dem höhnischen Schreiber Theophilus einen Blumengruß. Was soll man sagen, hat funktioniert. Der Kritiker ist dadurch bekehrt worden.
Die Ausstellung
„Bloom up. Die Sprache der Blumen.“ Große Landeskunstausstellung. Bis 10. Januar 2027 in der Kunsthalle Baden-Baden. www.kunsthalle-baden-baden.