Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein tröstlicher Totentanz: „Requiem(s)“ entfacht Begeisterungssturm im Pfalzbau

Zum Abschied gehört auch eine wilde Feier des Lebens: „Requiem(s)“ von Angelin Preljocaj.
Zum Abschied gehört auch eine wilde Feier des Lebens: »Requiem(s)« von Angelin Preljocaj.

Wie lebt man weiter, wenn der andere wegsinkt? Gastspiel „Requiem(s)“ des Ballet Preljocaj im Pfalzbau reißt Paare auseinander und denkt bildgewaltig über Trauer nach.

Hach, wie lieblich umspielen sich Paare in weißen Hemdchen zu barocken Klängen. Fast könnte man sagen beliebig, ein bisschen banal. Kaum kommt dieser Gedanke auf, da schlägt die Bombe ein und vibriert bis in die Eingeweide. Sand spritzt über die Videoleinwand. Als sich der Staub legt, fällt der Blick auf eine Straßenschlucht gesäumt von Häusern, von denen nur noch kriegszerfetzte Gerippe übrig sind. Davor sind Menschen zu Boden gefallen, leblos. Der Reigen auf der Bühne wurde jäh beendet, die Paare auseinandergerissen.

Wie der Schriftsteller Primo Levi bemerkt hat, der den Holocaust überstanden hat, gibt es „einige Arten zu überleben und viele Arten zu sterben“. Und der Choreograf Angelin Preljocaj dekliniert beides durch, besonders eindrucksvoll in dieser Kriegsszene. Als die Übriggebliebenen in Zeitlupe reagieren, wirkt jede kleine Geste nun bedeutungsvoll. Sie nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise des Abschieds, auf der sie das Unbegreifliche zu verstehen suchen: den Tod. Und das gelingt dem französischen Choreografen Angelin Preljocaj, der in den 80er- und 90er-Jahren sämtliche großen Preise abgeräumt hat und Aufträge von der Pariser Oper bis zum New York City Ballet erhält, auf hinreißend behutsame, ja tröstliche Weise.

Keine Scheu vorm schlummernden Leichnam

Rührend, wie sich die Partner an den Leichnam der Geliebten anschmiegen, mit ihrem Bein das erschlaffte Bein zu bewegen suchen. Auch in anderen Szenen gibt es immer wieder diesen Danse macabre, in dem die Lebenden den gefallenen Corpus aufrichten und elegant umherwirbeln. Es ist ein Totentanz, der festhalten will, der keine Scheu vor dem Leichnam kennt, der nur entschlummert scheint. Doch wie macht man – zurückgeblieben – weiter?

Die Überlebenden des Bombenangriffs legen sich bäuchlings auf die Toten und heben dabei Arme und Beine in die Luft wie Fallschirmspringer. Und das erinnert an einen Satz aus dem „Tagebuch der Trauer“, in dem der Philosoph Roland Barthes den Verlust der Mutter verarbeitet und das der Choreograf bei seiner Recherche gelesen hat: „dass dieser Tod mich nicht vollständig vernichtet, heißt, dass ich entschlossen bin zu leben, verzweifelt, wahnsinnig entschlossen, und dass deshalb die Angst vor meinem eigenen Tod ständig da ist“. Krämpfe erfassen die Lebenden, bis schwarz verhüllte Figuren heranschreiten und ihnen den breitkrempigen Hut der Trauer aufsetzen. Man braucht sie, diese Totengräber, diese formellen Gestalten, die den Übergang ins Jenseits begleiten und manifestieren, manchmal gewaltsam, wie zwei maskierte Männer, die den Trauernden die Leiche entreißen.

Der 69-Jährige, der mit seiner Kompanie in Aix-en-Provence beheimatet ist, choreografiert nicht nur die komplexen Gefühle des Verlusts – etwa wenn sich eine Mutter an den unerklärlichen Tod ihres Babys erinnert und dazu Frauen ihre leeren Arme wiegen. Angelin Preljocaj interessiert sich auch für die Rituale, also bestimmte Gesten und Arten des Beisammenseins, mit denen eine Gesellschaft ihren Zusammenhalt bildet.

Der wissende Finger der Ikonen

Es ist der Begräbniskult, der am Anfang der Zivilisation gestanden haben könnte. Weil sich eine Vielfalt an Ritualen herausgebildet hat, erschafft Preljocaj eine Ikonografie im Umgang mit dem Tod und lässt ein Tableau ins andere übergehen: archaische Bräuche wie das Frühlingsopfer, bei dem aus einem Kreis von Frauen eine erwählt wird und sterben muss. Oder Christliches wie die Kreuzabnahme Jesu oder die Pietà. Auch Heiligenbilder werden zitiert, wenn weiß verhangene Figuren mit Schein um den Kopf den Finger wissend gen Himmel erheben. Die Kostüme von Eleonora Peronetti sind dabei ebenso kongenial wie das mystische Lichtdesign von Éric Soyer, das bei aller Düsternis und Intimität den Durchblick wahrt.

Der Choreograf erwähnt in einem Interview das indonesische Volk der Toraja, die in einer Zeremonie die Mumien von den Felsgräbern herabholen, um sie neu einzukleiden und mit ihnen zu feiern. Der Choreograf übersetzt das Makabre in eine wunderschöne Szene: Kokons, in denen ein Körper kauert, schweben über den Familien. Sie strecken die Arme aus, erhaschen die Hand, dann gleitet ein Fuß heraus und sie ziehen die Verstorbenen sanft zurück in ihre Mitte. Was manche Kulturen tatsächlich zelebrieren, wünschen sich andere insgeheim. Oder mit den Worten des Liedermachers Reinhard Mey in seinem Abschied an den Sohn, „die Entschlossenheit, dich in die Welt zurückzulieben“.

Erst Stillstand, dann Jubel

Der Plural im Titel von „Requiem(s)“ bezieht sich auch auf die Vielfalt der Musik, von mittelalterlichen Gesängen über das Requiem von Mozart, das er in seinen letzten Lebensmonaten geschrieben hat, bis zu Heavy Metal und einer verzweifelten Feier des Lebens mit dem Ruf „Wake up!“. Doch der Höhepunkt wird von einem Moment des Stillstands markiert: Das Ensemble sitzt im Schneidersitz, tanzt tranceartig nur mit Händen und Armen, mit sich ringend und betend, gegenläufig und vielschichtig in einem geordneten Durcheinander. Bis alle wegsinken. Leblos. Stille. Am Ende sind wir alle sterblich.

„Requiem(s)“ berührt, ohne im Schmerz zu schwelgen, weil der Tanz dem Neoklassischen stilvoll verpflichtet bleibt. Trotz vereinzelten Längen ist das so intensiv von den 19 Tänzer(innen) durchlebt, dass das Publikum im Pfalzbau am Freitag begeistert aufjubelte und aufsprang.

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