Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Der Republikaner Robert Blum und seine Pfingstreise in die Rheinpfalz

Hinauf zum „Eschbacher Schloss“: auf der Madenburg hielt Robert Blum 1848 eine seiner mitreißenden Reden.
Hinauf zum »Eschbacher Schloss«: auf der Madenburg hielt Robert Blum 1848 eine seiner mitreißenden Reden.

Wenn vom 9. November als deutschem Schicksalsdatum die Rede ist, wird ein Ereignis meist vergessen: die Hinrichtung des Politikers, Schriftstellers und demokratischen Vordenkers der Frankfurter Paulskirchen-Versammlung Robert Blum. 1848 wurde er hingerichtet – bei Wien. In der Pfalz hatte er nicht erst seit einer „Pfingstfahrt der Linken“ besonders viele Anhänger.

Die Deutschen und der 9. November! Kein Datum verbindet gleichzeitig so viele Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte wie dieser Tag, und es erstaunt immer noch, warum dieser Tag nicht der Nationalfeiertag der Bundesrepublik ist. Der Mauerfall von 1989 und die Ausrufung der Republik bereits 1919 sind sicher die positiven Daten. Dass Hitler dann aber 1923 auf den Tag genau fünf Jahre danach versuchte, mit seinem Marsch auf die Feldherrnhalle in München die neue Demokratie zu stürzen, war kein Zufall. Und 15 Jahre später waren er es und seine Anhänger, die mit den Pogromen gegen die jüdischen Mitbürger die nationalsozialistische Hassideologie brutale Realität werden ließen.

Ein anderer 9. November ist dagegen weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Es ist der Tag, an dem der Abgeordnete des Paulskirchenparlamentes Robert Blum im Jahre 1848 hingerichtet wurde. Dass dieser Mann einmal zum Politiker und im 19. Jahrhundert zum Volkshelden werden sollte, darauf deutete in seiner Jugendbiografie nichts hin.

Mit spitzer Feder

Am 10. November 1807 kam er in Köln als Sohn eines Küfers und eines früheren Dienstmädchens in ärmlichen Verhältnissen zur Welt. Der Vater starb, als der Junge gerade acht Jahre alt war, und da die Mutter eine weitere Ausbildung für Robert nicht finanzieren konnte, musste der hochbegabte Junge das Kölner Jesuitengymnasium bereits nach der 6. Klasse verlassen. Ein handwerklicher Broterwerb war für ihn unmöglich, da seine Sehkraft schon seit Kindheitstagen stark eingeschränkt war. So arbeitete er in verschiedenen kaufmännischen Berufen, unter anderem in München und Berlin. Die schwierigen äußeren Bedingungen hinderten den wissensdurstigen jungen Mann nicht, sich auf allen möglichen Gebieten fortzubilden.

Nach seiner Rückkehr nach Köln im Jahre 1830 fand er im Theater ein neues Betätigungsfeld, das seinen geistigen Neigungen und Fähigkeiten entsprach. Vom Theaterdiener arbeitete er sich hoch zum Sekretär, Bibliothekar und Kassierer. In diese Zeit und ganz besonders nach seinem Wechsel nach Leipzig 1839 fallen auch seine ersten schriftstellerischen Versuche, mit denen er auch sein bescheidenes Gehalt aufbessern konnte. Es waren nicht nur schöngeistige Produkte, sondern hier wurden schon die Ansätze zu einem politischen Engagement deutlich. Blum arbeitete aber nicht nur mit spitzer Feder, sondern er entwickelte mehr und mehr ein rhetorisches und organisatorisches Talent. All diese Fähigkeiten stellte er in den Dienst der sächsischen Landtagsopposition und warb für liberale und nationale Ideen. Und dies nicht nur im Königreich Sachsen. Er knüpfte Kontakte in ganz Deutschland und schuf so in modernem Sinne ein Netzwerk für die liberale Bewegung.

„Landesübliches Trinken“

Kein Wunder, dass er mit seiner Popularität im politischen Entscheidungsjahr 1848 im Frankfurter Vorparlament als Vizepräsident und in der Verfassungsgebenden Nationalversammlung als Mitglied des Verfassungsausschusses eine bedeutende Rolle spielte. Er war es, der die Linke zu der ersten Fraktion im Parlament organisierte. Hier ist nicht der Platz, ausführlich auf seine politischen Leistungen einzugehen. Es bleibt festzuhalten, dass er in seiner Führungsrolle zunehmend Probleme bekam, weil er dem radikalen Flügel der Partei zu gemäßigt war und dem anderen Teil als „roter Republikaner“ galt. Zumindest für kurze Zeit wollte er dieser belastenden Situation entfliehen und unternahm im Juni 1848 mit Parteifreunden eine Reise in die Pfalz.

Blums Sohn Hans schilderte 1878 in der „Gartenlaube“ die Pfalzreise seines Vaters. „In dieser monatelangen, ruhe- und beinahe freudlosen Thätigkeit bot die Pfingstreise der Linken in die Rheinpfalz … eine wunderbar reiche geistige und körperliche Erfrischung. Beinahe die ganze dortige Bevölkerung harmonirte damals mit Blum’s Parteirichtung. Nun denke man sich die ganze Linke des Parlaments von der „fröhlichen Pfalz“ eingeladen und bewillkommnet, … geleitet von Tausenden von Bürgern; in jedem größeren Orte zum Reden und dem landesüblichen Trinken gezwungen, beherbergt, gefeiert wie Gott in Frankreich – und man wird ermessen, welch reiche Freude hier Blum beschieden war. Alle Huldigungen wendeten sich ihm, dem Führer zu, namentlich alle Huldigungen der patriotisch begeisterten Frauenwelt…“

Die rund 50 Abgeordneten trafen sich an Pfingstsamstag in Mannheim und fuhren über den Rhein nach Ludwigshafen. In der fahnengeschmückten Stadt fand ein „erhebender Austausch der Gesinnungen“ statt. Von dort ging es mit der gerade ein Jahr alten Ludwigsbahn nach Neustadt, wo die Deputierten „wahrhaft großartig“, unter anderem mit einem opulenten Abendessen, empfangen wurden. Zur Nachtruhe waren sie dann in Bürgerhäuser eingeladen. Für den nächsten Tag brach man zu einer Reise in die Südpfalz auf. In Edesheim war ein Triumphbogen mit der Inschrift „Uns Euer Werk, Euch unsere Kraft“ errichtet worden. Landau war nur ein Zwischenhalt, da im Irrglauben, der Zug käme nicht in die Festung, nichts vorbereitet war.

Das eigentliche Ziel war die Madenburg. Sicher nicht wegen der prachtvollen Aussicht. Eher war es die Erinnerung an ein symbolträchtiges Ereignis, das gerade fünf Jahre zurücklag. 1843 feierte man in ganz Deutschland den Vertrag von Verdun, der 1000 Jahre zuvor die Keimzelle des späteren Deutschen Reiches schuf. In Landau war während des 10. Musikfests des Central-Musik-Vereins am 9. und 10. August ein Umzug auf die „Eschbacher Schlossruine“ geplant. Die Feier fiel aber buchstäblich ins Wasser. Die etwa 20.000 Festgäste wurden von Sturm und Regen überrascht und rutschten mehr als sie liefen nach Eschbach hinunter. An diesen „Eschbacher Rutsch“ erinnert noch heute der „Rutschbrunnen“.

Hier also sprach Blum, in seiner begeisternden Art. Der Weg führte zurück Richtung Neustadt und man machte in Bad Gleisweiler Halt. Johann Jakob Schneider, der Besitzer des Bades, ein bekannter Liberaler und Sohn eines Landauer Jakobiners, hatte eingeladen. Edenkoben und die Villa Ludwigshöhe, waren die letzten Haltepunkte. Endstation war schließlich Neustadt. An Pfingstmontag ging das Programm mit Besuchen in Maikammer und Hambach weiter. Zu einem Abstecher auf das Hambacher Schloss reichte die Zeit nicht mehr. Aber die Hambacher Fahne wehte dann bei einer großen Versammlung in Neustadt. Etwa 8000 Zuhörer sollen es dort gewesen sein, die den „feurig gefühlten Worten“ Blums lauschten. Auf der Rückfahrt nach Mannheim über Bad Dürkheim, Mußbach und Deidesheim versammelten sich wiederum Hunderte von Zuschauern und Zuhörern. Den Abschluss der Reise war ein Abstecher auf die Limburg, wiederum mit schwungvollen Reden.

Dieser romantische Ausflug mit einem regelrechten Redemarathon, von dem leider nur die Ansprachen in Neustadt überliefert sind, sollte das letzte schöne Erlebnis Blums sein. Nach seiner Rückkehr wurde er sogleich in die aktuellen politischen Wirren hineingezogen. Mit drei weiteren Abgeordneten der Nationalversammlung wurde er nach Wien geschickt, um sich vor Ort ein Bild von den dortigen Unruhen zu machen. Vom Beobachter wurde er zum Akteur. Er hielt feurige Reden, befürwortete den Straßenkampf und kämpfte bei einer Miliz mit. So fand sich ein Vorwand, den eigentlich durch die Immunität geschützten Abgeordneten zum Tode zu verurteilen. Die Hinrichtung erfolgte am 9. November, einen Tag vor seinem 41. Geburtstag. Die Erschießung Blums war ein politischer Willkürakt. Mit ihm sollte der Kopf der Linken getroffen werden und die Nationalversammlung desavouiert werden.

Sammeln für die Witwe

Blums Tod war ein Schock für seine zahlreichen Anhänger in ganz Deutschland. Es kam zu Unruhen, so auch in Rockenhausen. Rund um den Donnersberg besonders viele Anhänger, im März 1849 fand bei Kirchheimbolanden das erste Gefecht des Pfälzischen Aufstands der Freischärler gegen die preußische Armee statt. Dem Tod des republikanischen Vordenkers Robert Blum folgten Trauerfeiern mit Tausenden von Menschen, allein in Baden in mehr als 30 Städten und Gemeinden. In unzähligen Zeitungsartikeln wurde seiner gedacht, und er wurde schon fast heroisiert. Für seine Mutter, der Witwe und den Sohn wurde überall gesammelt.

Blums letzter Wunsch, „das Vaterland möge seiner gedenken“ ging in Erfüllung. Zumindest im 19. Jahrhundert. Sogar im Volksmund blieb sein Name lange Zeit präsent. „Erschossen wie Robert Blum“, sagte man, wenn man erschöpft war. Der erwähnte Hans Blum schrieb: „Noch als ich 1864 zum ersten Male in der schönen Pfalz war, traf ich überall die lebendigste Erinnerung an diese Pfingstreise der Linken und besonders an Robert Blum. „Hier hat er gestanden, gesprochen“ – erzählen noch heute die Alten, die damals jung waren. Und auf dem Eschbacher Schloß stand einst auf steinerner Platte eingegraben, daß hier auf den Trümmern des gebrochenen Bischofssitzes, … Robert Blum gesprochen habe zum Volke über seine heiligsten Rechte und Ziele. Der Stein ist zerschlagen von der Wuth einer baierischen Soldatenschaar. Neue Trümmer haben sich zu den Trümmern gesellt, die einst Melac’s Wüthriche gebrochen. Die Gebeine des gefeierten Redners und Volksmannes modern an den Ufern der Donau. Das erzählt das Eschbacher Schloß von der Pfingstfahrt der Linken.“

Und jetzt eine Briefmarke

Später verschwand dieser aufrechte Demokrat – wie viele andere – aus dem kollektiven Gedächtnis. Was erinnert heute noch an Robert Blum? Der nach ihm benannte Preis des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, der an Personen vergeben wird, die sich im besonderen Maße für die Religionsfreiheit eingesetzt haben. Und seit 1999 steht ein neuer Gedenkstein, errichtet auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck, am Eingang der Madenburg.

Was bleibt sonst noch? Rockenhausen hat einen Robert-Blum-Platz mit einer Robert-Blum-Linde. In einigen Gemeinden sind Straßen nach ihm benannt. Bundespräsident Steinmeier hat einen Saal in Schloß Bellevue nach dem „leidenschaftlichen Demokraten“ benannt, und hier fand sinnvollerweise auch das große Gemälde „Die Parteigänger“ von Carl Wendling aus dem Landauer Rathaus Platz, das eine Szene aus der Französischen Revolution darstellt. Letztendlich könnte die zum 9. November erscheinende Sonderbriefmarke Robert Blum wieder ins allgemeine Gedächtnis zurückrufen.

Ein Gedenkstein am Eingang der Burg erinnert an Robert Blums Besuch.
Ein Gedenkstein am Eingang der Burg erinnert an Robert Blums Besuch.
 Robert Blum, Politiker und Dichter.
Robert Blum, Politiker und Dichter.
Die Hinrichtungsszene 1848 in Wien.
Die Hinrichtungsszene 1848 in Wien.
Gemeindebau des Roten Wien.
Gemeindebau des Roten Wien.
 1848 von den ersten Demokraten gepflanzt, heute denkmalgeschützt und vom Verkehr befreit: die Robert-Blum-Linde in Rockenhausen
1848 von den ersten Demokraten gepflanzt, heute denkmalgeschützt und vom Verkehr befreit: die Robert-Blum-Linde in Rockenhausen.
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