Traumorte RHEINPFALZ Plus Artikel Der Pool, so cool – träumen Sie sich auch dahin?

Der Pool, herrlich, Sonnenstrahlen glitzern Verheißungen ins gletscherblaue Aqua, mattes Treiben am Beckenrand.
Der Pool, herrlich, Sonnenstrahlen glitzern Verheißungen ins gletscherblaue Aqua, mattes Treiben am Beckenrand.

Der private Pool ist eine paradiesische, paradoxe Anderswelt, in der alles passieren kann. Eine schmachtende Kulturgeschichte.

Der Pool, herrlich, Sonnenstrahlen glitzern Verheißungen ins gletscherblaue Aqua, mattes Treiben am Beckenrand. Egales Herumliegen, driftende Zeit, Wassereis am Morgen. So cool, der Pool, der existenzielle, weltentrückte Ort des sanften Vergessens, das Feld für den End-Plan-A: auf dem Rücken liegen, schweben, dann schaukelt ein riesiger Gummi-Flamingo an einem vorbei. Wattierte Geräusche, Ray-Ban-Sonnenbrillen, Licht flutet wie auf den Bildern von David Hockney aus L.A., auf „Dive In“ oder „A Bigger Splash“, 1967, auf dem ein Sprungbrett im Vordergrund ins Offene weist, das Spritzwasser eines Eintauchens eruptiert aus dem ansonsten menschenleeren Becken, im Hintergrund ein beigerotes Gebäude, ein Palmenpärchen. Wer sich – gerade jetzt – beim Anschauen von Hockneys gemalten Polaroids nicht einen Pool herbeisehnt, um zu entkommen, am besten gleich im Garten eines Case-Study-Hauses von Richard Neutra in Palm Springs, hat leider gar kein heißes Herz.

Am besten Palm Springs: Haus von Frank Sinatra.
Am besten Palm Springs: Haus von Frank Sinatra.

Palm Springs, Bad Dürkheim

Dabei geht die Hambacher Höhe als Schauplatz der Imaginationen natürlich auch, oder Bad Dürkheim, die Stadt, für den das Immobilienportal ImmoScout mit 32 Prozent und weitem Abstand die meisten Angebote mit Schwimmbädern in ganz Deutschland ausweist. Wer keinen hat – wie unsereins Krethi und Plethi – stellt sich halt vor, dass einem der rotgekachelte Dachterrassen-Pool des Hotel Unique in São Paulo durch eine schicksalhafte Fügung plötzlich allein gehört. Der transferiert sich fast komplett klimaneutral per Google-Earth ins „Amankila“-Hotel auf Bali, dessen neun Villen ein privates Becken inkludieren, während der Hauptpool über drei Wasserterrassen verfügt, auf denen die Blicke der Badenden mit dem Meer verschwimmen. Auch dort fühlt es sich bestimmt an, als dauere der Sommer ewig, ließe sich narzisstisch nichts tun, ohne Folgen, könnte man zur Amphibie mutieren – sein eigener Filmstar sein, im Kopfkino des Lebens. Sich also in Schlabbershorts dösend, schwerelos fühlen wie der junge Alain Delon in orangegemusterten Slim-fit-Badehosen in „Swimmingpool“ an der Seite der bikineten Romy Schneider (und vice versa), die Beine planschen im genau richtig kalten Wasser. Am privaten Pool empfindet sich der Mensch einfach als seine bessere Version.

Sich fühlen wie Romy Schneider in „Swimmingpool“.
Sich fühlen wie Romy Schneider in »Swimmingpool«.

Das Meer auf dem Lande

Ultimativ aber ist in diesem Zusammenhang das Vorbild Faye Dunaway, wie sie auf dem Foto von Terry O’Neill 1976 am Schwimmbecken des Beverly Hills Hotels auf einem Liegestuhl versunken dahinfließt. Es ist der Morgen nach der Verleihung. Ihr Oscar steht auf dem Tisch daneben. Am Pool, dem Quallen-losen Meer auf dem Lande, sind noch immer die schönsten Bilder entstanden.

Inszeniert von dem legendären Architekturfotografen Julius Shulman, adorable Aufnahmen alltagsenthobener, altersloser Körper, das Haar streng gescheitelt und zum absichtslosen Zopf gebunden. Die Mode- und die Filmindustrie haben es von jeher verstanden, was heute Instagram erledigt, die Pool- als Eden-gleiche Anderswelt zu etablieren, als einen existenziellen Ort, an dem alles passieren kann: nichts, Sex, gute Gespräche bei einem alkoholfreien Margarita. Ersatzweise dem von Charles Schumanns 1979 erfundenem Cocktail „Swimmingpool“, Wodka, Ananassaft, Kokosnusscreme, Sahne, ein Schuss Blue Curacao. Was die Architektur betrifft, weisen Funde darauf hin, dass der extraterrestrische Ort des absichtslosen vor sich hin Wesens schon seit der Indus-Kultur auf dem Gebiet des heutigen Pakistan existierte – seit 2800 bis 1800 vor Christus.

In der Antike dann waren mit Mosaiken dekorierte Schwimmbecken en vogue, während das Mittelalter Wasser fürchtete. Das Wort „piscine“, Schwimmbad, taucht erstmals in Denis Diderots berühmter „Encyclopédie“ 1751 auf, dabei pflegte der europäische Adel zu der Zeit eher die Variante innen. Der Außenpool kam eigentlich erst in US-amerikanischen Industriellenvillen an der Ostküste auf, bevor er nach dem Zweiten Weltkrieg zum klassischen Vorstadt-Accessoire der die feinen Unterschiede pflegenden Mittelschicht avancierte. In Deutschland heute, gibt es laut Bundesverband Schwimmbad und Wellness e. V. circa 762.700 private Swimmingpools. Andere Statistiken sagen: 2,1 Millionen, was wohl mit der Definition zusammenhängt. In der Kunstgeschichte dagegen finden sie sich scheinbar ubiquitär.

Nackte am Naturpool

Auf Lukas Cranachs „Das goldene Zeitalter“ umtanzen Nackte einen Naturpool, Tizian illustriert die tragische Geschichte des Jägers Aktaion der „Diana beim Bade“ überrascht, um als Hundefutter zu enden, Auguste Renoir zeigt „Die Badenden“ als sinnliche, aufgewühlte Nymphenschar. Für den Surrealisten Salvador Dalí war der Raum, in dem sich die Zeit formschön verflüssigt, der Pool eben, das Schwimmbad, ein Gebärmutterersatz. Derweil sind Literatur und Film auch bevölkert von Menschen, die vergehen und tot am und im Wasser treiben.

Weil Pools so toll sind – stimmt doch?! – eignen sie sich ideal als Sinnbild paradiesischer Zustände, die bedroht sind von Tod und Zerstörung. Burt Lancaster durchschwimmt so in der Verfilmung von John Cheevers 1964 erschienenen Kurzgeschichte „Der Schwimmer“ als geläuterter Heimkehrer Ned Merrill die Vorstadtpools seiner ehemaligen Villengegend. Er nimmt Drinks, sinniert über das Gewesene – am Ende seines „Schwimm-Marathons“ sitzt er zerstört an seinem eigenen Schwimmbecken, das längst zugewuchert dümpelt.

Aquamarine Sinnkrisen

In F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ (1925) wird der Anti-Held beim einzigen Bad des Sommers in seinem palastartigen Pool erschossen – für etwas, was er ausnahmsweise nicht getan hat. Sowieso ist die im oder am Wasser liegende Leiche seit Billy Wilders Streifen „Sunset Boulevard“ (1950), in dem es den Drehbuchautor Joe Gillis gleich in der ersten Szene erwischt hat, ein Sinnbild. Auch die letzten Fotos von Marilyn Monroe sind am Pool entstanden.

Krise in Badehosen: Dustin Hoffman in die „Reifeprüfung“.
Krise in Badehosen: Dustin Hoffman in die »Reifeprüfung«.

Nicht alles glänzt im Leben der Schönen und Betuchten so aquamarin, wie es scheint, soll das heißen. Zumindest hat man auch am Pool Existenzkrisen wie der blutjunge Dustin Hoffman, der in „Die Reifeprüfung“ in Badehosen an seinen Herkunftsverhältnissen laboriert und dann doch lustvoll erfüllten Sex erlebt – mit Mrs. Robinson. Der Film, schrieb die „New York Times“ damals, zeige „ein erschreckendes Bild der rohen Vulgarität der Schwimmbad-Reichen“. Heute würde man vielleicht auf die Klimabilanz verweisen, denn ein Pool verdunstet im Jahr dieselbe Menge Wasser, die er fasst. Hilft alles nichts, wer will, kann sich schließlich – „Bleistift, Schere, Frosch“, besser noch kraulend – im Pool von aller Schuld reinwaschen, vorerst. Bleib doch, Traum, du bist so schön.

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