Pfalzgeschichte(n)
Der Pfalz-Gedenkstein in München
Der Erste Weltkriegs war 1918 zu Ende, die Pfalz von französischen Truppen besetzt. In Bayern sah man die Gefahr, dass der linksrheinische Regierungskreis abgetrennt werden sollte. So entschloss man sich, in der Hauptstadt München ein Denkmal als Zeichen zu setzen – sowohl für die Zusicherung der Zugehörigkeit der Pfalz zu Bayern wie auch für die Kriegsopfer, die in bayerischen Regimentern gefallen waren.
Den Anstoß dafür gab der Bildhauer Bernhard Bleeker (1881-1961). 1919 war er als Lehrer an die Akademie der Bildenden Künste in München berufen worden. Bereits in seinem ersten Jahr dort erhielt er den Auftrag, das Grabmal des 1917 verstorbenen Gründers der Frankenthaler Firma Klein, Schanzlin und Becker, Johann Klein (1845-1917), zu erstellen. Dazu reiste er 1922 nach Frankenthal und wurde bei der Anreise mit der Wirklichkeit der besetzten linksrheinischen bayerischen Pfalz konfrontiert. Während der Zeit seines Aufenthalts in Frankenthal kam ihm, so schilderte er es später, der Gedanke, einen Gedenkstein für die Pfälzer Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu entwerfen.
Knappertsbusch dirigiert
Nach seiner Rückkehr nach Bayern nahm er Kontakt auf mit dem „Offiziers-Verein 18. Infanterie-Regiment“, der wegen der französischen Präsenz am Friedensstandort Landau nicht dort , sondern in München gegründet. Die Offiziere schlugen vor, einen „Bayern und Pfalz Denkstein-Verband“ zu gründen mit dem Zweck, „die Errichtung eines Denksteines zu München für die im Weltkrieg gefallenen Angehörigen der ehemaligen Pfälzer Truppenteile und die Feier der Steinenthüllung“ zu organisieren. Bleeker empfahl daraufhin, für die Aufstellung in München „etwas zu schaffen, das ihrem ganzen Blutopfer, ganzen Gehalte und erschütternden Anteil an den noch nie dagewesenen Kriegsfolgen Ausdruck zu verleihen hätte“. Vorab hatte der Bildhauer jedoch erklärt, „daß die gesamte Lage unseres Vaterlandes nur eine sehr einfache Ausführung gestatten, die aber schön sein könne und solle“.
Zur Finanzierung wurden nun militärische und zivile Verbandsmitglieder angeschrieben, das süddeutsche Konzertbüro veranstaltete ein Konzert mit Generalmusikdirektor Hans Knappertsbusch zugunsten des Denkmals, es wurden Werbebriefe und Bild-Werbekarten an die bayerischen Regierungskreise mit der dann erfolgreichen Bitte um finanzielle Unterstützung geschickt.
Prominenz zur Einweihung
Gleich darauf begann die Diskussion über den möglichen Aufstellungsort. Gedacht war zunächst die Errichtung zwischen einer halbkreisförmigen Baumgruppe am Südrand des Englischen Gartens oder an der Südostecke des Hofgartens. Man kam jedoch überein, einen „ausgezeichneteren Platz zu wählen, da unter den jetzigen Verhältnissen ein solches Denkmal nicht bloß dem Gedächtnis der Gefallenen dienen könnte, sondern zugleich eine ständige Mahnung an die Leiden der besetzten Pfalz und an ihre Zugehörigkeit zu Bayern sein sollte“. Und schließlich einigte man sich auf einen Strandort am „Rand des Platzes bei der Feldherrnhalle, und zwar auf dem Gehsteig an der Arkadenmauer zwischen Hofgartentor und Residenz“.
Der dann von Bildhauer Breeker geschaffene Denkstein wurde in einer Broschüre folgendermaßen beschrieben: Die äußere Form zeige „zwei aufeinander ruhende Würfel verschiedener Größe (Bayern und Pfalz) mit Bekrönung durch Lorbeerkranz und Stahlhelm, mit Doppelwappen auf dem unteren Würfel … unter Festhaltung des Grundgedankens [wurde] die Höhe des Aufbaues auf etwa drei Meter beschränkt, der Abschluss durch den kleineren Würfel gebildet, dieser auf vier Stahlhelme gestellt und der ursprünglich gedachte, übliche Sockel weggelassen“. Die Vorderseite des großen Würfels trägt das bayerisch-pfälzische Doppelwappen, die Rückseite zeigt ein Schwert mit Band und die Jahreszahlen 1914 und 1918. Auf der Vorderseite des kleineren Steins steht: „Der Pfalz und ihren im Weltkrieg gefallenen Söhnen“, die Rückseite lautet: „Pfalz, Bayern und Reich in Treue unlöslich verbunden“. Die vier Stahlhelme sollten die Verbindung von pfälzischen und bayerischen Regimentern verdeutlichen, durch die Widmung wurde dies ebenso hervorgehoben wie die Distanzierung vom aufkeimenden Separatismus.
Am 6. Juli 1924, einem Sonntag, wurde der Münchner Pfalz-Gedenkstein feierlich enthüllt, alle Staats- und Reichsgebäude sowie viele Privathäuser hatten geflaggt. Zahlreiche militärische und zivile Verbände nahmen teil, Vertreter des bayerischen Staates mit Ministerpräsident Heinrich Held, Vertreter der Stadt München mit Bürgermeister Hans Küfner, auch des Hauses Wittelsbach mit Kronprinz Rupprecht, als Teilnehmer aus der Pfalz die Regierungspräsidenten von Winterstein und von Chlingensperg, Pfalzkommissar Geheimrat von Wappes, der Pfälzer Treubund und der Pfälzerwaldverein.
Angesichts der im Jahr zuvor erlebten separatistischen Bestrebungen erinnerte der bayerische Ministerpräsident Held (1868-1938) an die „verbrecherische, landesverräterischen Mietlinge, die das Land von Deutschland lösen und den Franzosen in die Hände spielen wollen. Pfälzer Treue und deutsche Kraft in der Pfalz werden auch diesen neuesten Schandplan zunichte machen.“ Und der Münchner Bürgermeister Küfner (1871-1935) nahm den Denkstein für die „im Weltkrieg gefallenen 30.000 Pfälzer Helden“ in die Obhut der Stadt und erinnerte daran, dass eine Aufstellung des Denksteins in der Pfalz angesichts der waffenstarrenden französischen Besatzungstruppen nicht möglich gewesen wäre. Aber der Pfälzer Gedenkstein in Bayerns Hauptstadt sei nun auch ein Symbol der unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit von Bayern und Pfalz, er bedeute den Pfälzern ein Stück Heimat.
Die Sache mit dem Kubus
Doch es gab auch Kritik, insbesondere was den Ort und die Gestaltung betraf. Während die „Münchner Neuesten Nachrichten“ das Denkmal als „monumentalen Denkstein mit seinen wuchtigen, vornehmen Formen“ würdigte, kritisierte die „Münchner Zeitung“, der Stein sei aufgrund seiner wuchtigen Gestalt am „Ort, an dem er steht, peinlich unangemessen“. Und der „Völkische Kurier“, die Ersatz-Zeitung des nach dem Hitler-Putsch von 1923 verbotenen nationalsozialistischen „Völkischen Beobachters“, bezeichnete das Denkmal als „künstlerischen Fehlgriff: Man stelle sich bloß vor: auf einem immer als leicht und hohl gedachten kuppelförmigen Helm lastet ein riesiger Steinblock! Ein künstlerischen Dilettantismus übelster Art“.
Die Ablehnung von Aufstellungsort und Gestaltung des Denksteins ließ die völkischen Kreise auch in der Folgezeit nicht ruhen. Im Mai 1927 wurde der Pfalz-Gedenkstein mit Teerfarbe beschmiert und beschrieben: „Der Judenkubus zerquetscht den ganzen Stahlhelm“. Vermutlich stand der Vorgang im Zusammenhang mit einem Vortrag von Mathilde Ludendorff (1877-1966), der Ehefrau des Generals Erich Ludendorff (1865-1937), der mit Hitler gemeinsam den Putsch angeführt hatte. Am Abend vor dem Anschlag auf das Denkmal hatte sie einen verschwörungstheoretischen Vortrag mit dem Titel „Das unzerstörbare Rassenerbgut“ gehalten und unter anderem fabuliert, das Wahrzeichen der Juden sei der Kubus. Und der stehe nun dort, wo am 9. November 1923 „das Blut der Freiheitshelden geflossen“ sei. Damit sei er ein Siegeszeichen der jüdischen Weltverschwörung. Diese Sichtweise machte sich auch die Münchner NSDAP-Stadtratsfraktion zu eigen. Sie beantragte daraufhin „eine Verlegung des Pfalz-Gedenksteines vom Odeonsplatz an eine geeignetere Stelle“.
Der schnelle Abtransport
Begründet wurde der Antrag damit, der Stein komme an seinem derzeitigen Standort wenig zur Geltung, auch wegen des starken Verkehrs und der Einschränkung bei größeren Feiern, und sollte daher an einem „schönen, freien Platz Aufstellung finden“. Doch Oberbürgermeister Karl Scharnagl (1881-1963) verfügte, der Gedenkstein solle so lange auf seinem bisherigen Platz stehen bleiben wie die Besetzung der Pfalz dauere, der Gedenkstein solle in diesem Sinne ein „Stein des Anstoßes“ bleiben, danach könne man über eine Verlegung reden.
Als nun die Besetzung der Pfalz im Sommer 1930 endete, beantragte der Bildhauer Fridolin Gedon beim Hochbauamt München „aus reinem Patriotismus“, einen weiteren Pfalz-Gedenkstein für die „Befreiung nach so langer Zeit … in unmittelbarer Nähe des ersten Gedenksteines, vielleicht auf der Seite gegenüber“, zu erstellen. Der Vorschlag zur Ergänzung wurde mit Hinweisen auf die Umgestaltung der Münchner Innenstadt jedoch nicht weiter verfolgt.
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde auch der Münchner Stadtrat nationalsozialistisch. Der „Judenkubus“ war nicht vergessen, und noch bevor der Antrag auf Genehmigung einer Verlegung gestellt werden konnte, wurden Fakten geschaffen. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ zeigten auf einem Pressefoto mit Feldherrnhalle und Theatinerkirche im Oktober 1933, dass der Gedenkstein bereits fertig war zum Abtransport in die Eschenanlage an der Ottostraße, wo er dann im November 1933 aufgestellt wurde.
Seither steht das bayerische Kriegerdenkmal für die Pfalz dort abseits und wirkt etwas verloren. Man findet es nur, wenn man danach sucht. Ob man in München einmal darüber nachdenkt, dieses Symbol der langen Verbundenheit von Pfalz und Bayern wieder an einer prominenteren Stelle aufzustellen, etwa wie schon einmal diskutiert, im Hofgarten oder im Englischen Garten? Angesichts der mit Sicherheit dann einsetzenden Debatten um Leben und Wirken seines „Erfinders“ und Schöpfers, des 1944 in Goebbels Liste der „Gottbegnadeten“ aufgenommen und mit NS-Aufträgen bedachten Bildhauers Bernhard Bleeker, ist dies allerdings wenig wahrscheinlich.
Zur Person: Bernhard Bleeker
Aufgewachsen ist der am 26. Juli 1881 geborene Josef Bernhard Maria Bleeker in Münster. 1899 ging der gelernte Steinmetz nach München, um an der Akademie der Bildenden Künste zu studieren. 1922 wurde er dort selbst Professor für Bildhauerei . Bleeker gehörte zu den geachteten Persönlichkeiten der Münchner Künstlerszene. 1932 trat er aus der katholischen Kirche aus und in die NSDAP ein, 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des Protestes der Richard-Wagner-Stadt München gegen Thomas Mann. Ein Entnazifizierungsverfahren nach 1945 ordnete ihn den Minderbelasteten zu. Bleeker starb 1968 in München-Bogenhausen. gil