Jubiläum
Der Mode-Monsignore: Giorgio Armani wird 90 Jahre alt
Ist da jemand, der den Film nicht kennt? Bitte nachholen. Richard Gere so, so lässig. Sein unerreicht cooler Gang. Wie er, eingespannt in den Türstock, kopfüber Italienisch-Vokabeln repetiert. Hemdlos tragischer Held in weich fallen Anzügen, formvollendet dem Untergang geweiht. „American Gigolo“, deutsch verklemmt: „Ein Mann für gewisse Stunden“ von Paul Schrader. Gere soll nach einer Weile den Regisseur gefragt haben, wer eigentlich die Hauptrolle spiele? Er? Oder die Sakkos von Giorgio Armani. Jede Einstellung ein perfektes Modejournalbild. Der Umsatz des Unternehmens des Mailänder Maestros della moda stieg im Jahr nachdem der Film herausgekommen war, von 90.000 Dollar fünf Jahre zuvor auf 135 Millionen. Seither sind Hollywood und er, Armani, in einer Art symbiotischen Verhältnis verbunden. Armani selbst sagt, er habe geschätzt 250 Filme ausgestattet.
Geboren in Piacenza, Emilia Romana, eher bescheidene Verhältnisse, Armani studierte Medizin und brach ab, wurde Schaufensterdekorateur, Leiter der Herrenmodeboutique des Mailänder Warenhauses La Rinascente. Später entwarf er Anzüge für das Label von Nino Cerrutti. Ab 1975 dann: für sich selbst, das Unternehmen, das er 1975 mit seinem Lebensgefährten Sergio Galeotti, einem Architekten, gründete. Und heute ist Giorgio Armani, der Ausstatter eines offensiv repräsentierten Selbst- und Körperbewusstseins, der reichste Modeschöpfer der Welt. Ein sonnengebräunter Asket, es heißt, er soll immer noch sein Imperium führen. Von der Pariser Rue Francois-I, der Via Borgonuova 21 in Mailand, von New York und von unbequemen Stühlen mit hohen Lehnen aus. Wer Giorgio Armani ist, weiß jedes ewige Kind, das die vergangenen 50 Jahre nicht in einer Höhle verbracht hat – womöglich im Pfälzerwald.
Inzwischen gibt es – neben seinen Modelabels, Hotels, Restaurants, Möbeln, einem Fiat Cinquecento – auch Schokolade unter seinem Namen. Natürlich schmeckt sie elegant. Und schon beim Anflug auf dem Mailänder Flughafen sieht man sein gigantisches Logo, das auf einem Hangar prangt. Ein Adler. Symbol der Lebenskraft, der Sonne, der obersten Gottheit. Die Urszene des Armani-Imperiums spielt in den siebziger Jahren und ist in einem Kurzfilm von Martin Scorsese nachgestellt.
Kapitalismus, sinnlich
Der Regisseur hat den Stil und die Kleider von Armani immer wieder in maßgeblichen Rollen besetzt. Etwa in „The Wolf of Wall Street“ (2013), einem Film, der den ekstatischen Aufstieg und Fall des Börsenmaklers Jordan Belfort in schwelgerischen, Testosteron-übersättigten Tableaus rekapituliert. Er spielt in den kapitalistischen 90er-Jahren. Leonardo DiCaprio trägt breitbrüstig Armani-Anzüge in Blau und Grau. Jacken mit ausgeprägten Schultern und großen Revers, die zu der Zeit zumindest als textiler Inbegriff des impressionistisch Chefigen galten. So etwas wie der Cashflow erschien, gekleidet in Armani, sinnlich.
In Scorseses „Made in Milan“, 1990, jedenfalls, im Prinzip eine Hommage an Armani, ist nachinszeniert, wie er ein Herrensakko entkernt. Alle Steifheit mit dem Futter einfach wegtrennt – zusammen mit dem Standesdünkel, der im Vergleich den formalistischen englischen Anzügen immer noch anhängt. Der Film lief 2003 auch in der Berliner Nationalgalerie. In einer Giorgio-Armani-Ausstellung. Die Ankündigung hing im Foyer – genauso groß wie die, die für Picasso warb, damals noch der Inbegriff des Nur-Großen. Die von Armani allerdings hatte mehr Erfolg.
So wie in New York, wo sie das Guggenheim Museum zuvor als erste Einzel-Präsentation eines Couturiers überhaupt gezeigt hatte. Der elitäre Einwand, dass das Zustandekommen des musealen Defilées mit einer 15-Millionen-Dollar-Spende von Giorgio Armani zusammenhängen könnte, wurde durch Massenandrang im Museumsrondell an der 5th Avenue konterkariert.
Armani in der Nationalgalerie
In Berlin derweil lag die normalerweise lichtdurchstrahlte Nationalgalerie von Mies van der Rohe abgedunkelt. Musik waberte, östliche Klänge. Wer um die Kurve bog, kurz nach der Kasse, sah theatralisch überhöhte Anziehsachen in der Ausstellungshalle Schlange stehen. Kopflose Puppen, die an Fäden hingen, postiert auf einem Wall aus Ton, der sich wie eine Raupe durch den riesigen Raum wand. Rote Roben in Lichtkegeln, Sakkos angestrahlt. Die Inszenierung, dramatisch überhöht. Nicht umsonst führte hier Bob Wilson, ein Hohepriester des formalistischen Theaters, die Regie.
Ausschnitte aus Hollywoodstreifen liefen, die Armani ausgestattet hatte. In Scorseses Film-Hommage war zu sehen, wie Armani einem jungen Mann in die Jacke half. Der schlenderte lässig davon, während sich der Körper des athletisch modellierten Models durch den Stoff pauste. Das Geheimnis und das Problem der fast nervös fließenden Jacken aus exklusiv gefertigten Edelstoff ist, dass sie der Träger ausfüllen muss mit Persönlichkeit und Proportionen. Und so meinte Suzy Menkes, die Scharfrichterin des guten Geschmacks in Sachen Mode, als noch keine Bloggerinnen in der ersten Reihe der Modenschauen saßen, Armani-Anzüge seien der Beginn der „tyranny of gym“: der Tyrannei des im Fitnessstudio antrainierten Gutaussehens, das mittlerweile sozial-medial alltäglicher Usus ist.
Armani ist Serientäter, der – wie einmal jemand schrieb – ganze Kollektionen auf der Basis einer Pose entwirft, der Vorstellung einer Frau etwa, die an einem lauen Sommerabend ihre Haare im Wind spielen lässt, den Rock rafft, die Schuhe baumeln an einer Hand. Seine Variationen bleiben moderat wie die Farbe, die seine Erfindung ist: greige, eine Mischung aus grau und beige. Mode ist wie künstlerische Avantgarde Abweichung und Anpassung zugleich, der Regelverstoß gehört dazu. Bei Armani besteht er darin, dass er sich nur ändert, weil er sich treu bleibt.
„Seine Jacken sind beige, sein Haus ist beige, er selbst ist beige“, hat Konkurrent Gianni Versace geurteilt. Armani meinte, sie hätten sich ein Lebtag motivierend belauert. Sein Spieltrieb lebt sich im Mix von Stoffen – grobe Wolle und ein Hauch von Organza – aus und der Vorliebe für die Anverwandlung exotischer Stile bis zur Tauglichkeit für die oberen Etagen. Das eigentlich Revolutionäre seiner Kreationen aber ist, dass er eine Unschärfe in die Mode eingeführt hat, wie die Mode für Frauen und wie die für Männer auszusehen hat. Bei Armani wirken Frauenkleider, die er seit 1980 entwirft, männlicher, Männerkleider weiblicher. Das heißt, wenn Frauen, wie Julia Roberts bei den Golden Globes 1990, nicht gleich in einem, selbst in der Herrenabteilung erstandenen Anzug des ewigen Signore auftauchten. Es geht ihm, sagte er einmal, um eine gemeinsame Idee: „Eine Frau und ein Mann, die gegenseitig ihre Silhouette austauschen, das gefällt mir.“ Also kleidete er Männer in Frauenstoffe und klaute den Männern, was die Frauen augenscheinlich wollten und brauchten – den Power Suit. Parademäßig noch einmal vorgeführt von Meryl Streep als lächerlich toughe Präsidentin Orlean im düster-komischen Endzeitstreifen „Don’t look up“ aus dem Jahr 2021.
Der Mann der Stunde, immer
Wenn man so will, ist Armani immer noch ein Mann der genderfluiden Stunde. Frauen tragen Blazer, Größe: oversized. Männer weite Hosen, die um schmale Körper schmeicheln. Die Nachfrage nach Vintage-Klassikern von Armani ist gerade wieder hoch. Derweil bringt er nach wie vor jährlich vier Kollektionen in Mailand heraus, zwei Mal Herren-, zweimal Damenmode. In Paris kommen für seine Haute-Couture-Linie Armani Privé zwei weitere hinzu. „Ich freue mich noch immer über neue Herausforderungen, und davon gibt es in der Mode viele“, wurde er gerade zitiert. Heute wird er 90. Tanti auguri, Monsignore.