Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Der Mann und sein Spielzeug: „Peer Gynt“ von Edward Clug getanzt im Pfalzbau

Mit großen Ambitionen hat der junge Peer Gynt (Miloš Isajlovic) in der Choreografie von Edward Clug einst Norwegen verlassen und
Mit großen Ambitionen hat der junge Peer Gynt (Miloš Isajlovic) in der Choreografie von Edward Clug einst Norwegen verlassen und kehrt als gebrochener Mann zurück, befleckt und eingestaubt.

„Peer Gynt“ ist ein Frauenaufreißer. Im Stück des Slowenischen Nationalballett manövriert er sich in prekäre Situationen – und wird von einer geheimnisvollen Figur gerettet.

Die Weltgeschichte ist voll von Männern, die hoch zu Rosse, auf dem Schiff oder mit Flugzeugen losgezogen sind, um zu erkunden und zu erobern. Und war da nicht zuletzt so ein Tech-Milliardär, der Raketen ins All schießen will?! Der Choreograf Edward Clug spitzt diesen Drang in „Peer Gynt“ satirisch in einem Bild zu: Die Titelfigur erbittet sich von seiner Geliebten Solveig ein Geldstück und klettert zu den sehnsuchtsvollen Klängen von Edvard Griegs „Morgenstimmung“ in einen Flieger: Allerdings ist es eine lachhaft winzige Maschine, von der Sorte wie sie als Spielzeug vor Supermärkten Kinder durchschüttelt. Peer knautscht sich hinein, während Solveig winkend in der Ferne verschwindet. Das sagt alles über ihn und seine Beziehung aus, über sein unreifes Ich und über Solveigs großzügige Liebe. Nachdem der Bauernsohn sein norwegisches Dorf und die magische Landschaft voller Berge und Trolle verlassen hat, wird er noch auf ganz andere Frauen treffen, die ihn ausziehen.

Die Geburt eines Erzählers

Die Flieger-Szene ist simpel und zeugt doch von Edward Clugs Inszenierungskunst, mit der er sich zum gefragten Erzähler aufgeschwungen hat. Seine Stücke wirken aufgeräumt mit klaren Formationen und unerwarteten symbolischen Bildern. Er hat „Coppelia“ für Basel geschaffen, „Faust“ für Leipzig, „Petruschka“ für Moskau. Dass er ebenso vom Ballett Bolschoi wie vom Nederlands Dans Theater beauftragt wird und den Prix Benois de la Danse erhalten hat, beweist, dass er klassisch-elegant und doch innovativ-gebrochen sein kann. Seinen Erfolg im Genre begründete er mit „Peer Gynt“ 2015, seinem ersten Handlungsballett, das sich seither zum Klassiker mausert. Er war ständig nach einem abendfüllenden Erzählballett gefragt worden, und der selten vertanzte Stoff hatte ihn gereizt. Dabei hatte der Rumäne noch 2009 bekundet: „Ich versuche narrative Elemente zu vermeiden.“ Als er 1996 in Maribor neben dem Tanzen zu choreografieren begann, hatte das Bewegungskonzept eher Ritualcharakter. Wahrgenommen wurde er dann mit seinen „geheimnisvollen Kammerballetten“. Und noch immer besticht er mit dieser Kraft im Minimalistischen und Klaren.

Tanz mit dem Geltungsdrang

Es reicht an Symbolik, wie sich der weiße Hirsch (Sytze Jan Luske) reckt, sich auf riesige Krücken als Vorderhufe stützt, mit den Beinen galoppierend durchschwingt und einen majestätischen Ausfallschritt macht. Peer Gynt spiegelt den Schritt kniend vorm Hirsch, der seiner überbordenden Fantasie entsprungen ist. Seine Lügen machen ihn zum Außenseiter im Dorf und bringen ihm eine Tracht Prügel von der Mutter ein. Der Hirsch, den Edward Clug zur zentralen Metapher erhebt, verkörpert den Geltungsdrang des Herumtreibers.

Es reicht auch die Andeutung eines volkstümlichen Reigens, mit dem die Dörfler in ihren fliegenden Röcken und groben Strickpullis feiern. Wenn Peer sich in Solveig (entzückend: Asami Nakashima) verliebt, lehnen sich beide nach außen: Wie viel Zentrifugalkraft verträgt ihr Bund? Der Choreograf wählt immer wieder abgezirkelte Bewegungen, formt Kreise ebenso wie eine Rampe als Spielfläche das Dorf ringförmig einfasst. Weiß und rund wie die Schichten der Zwiebel, mit der sich die Hauptfigur im berühmten Monolog des Dramas als gescheitert auf der Suche nach dem Seelenkern erkennt: „Bis zum innersten Innern, da schau mir einer! Bloß Häute, nur immer kleiner und kleiner.“ Peer Gynt, hinreißend authentisch verkörpert von Miloš Isajlovič, wirkt an diesem Abend dennoch nicht wie ein Anti-Held.

Verführerische Trollfrau

Stattdessen ist dieser Peer Gynt neugierig und so jungenhaft wie er in Gegenwart der Mutter zusammenschrumpfte und gehockt zu ihr trippelte. Es ergibt sich eher aus den Umständen, wenn er die Braut Ingrid raubt, mit ihr in den Bergen verschwindet, sich von drei Sennerinnen verlocken lässt, eine Trollfrau schwängert, seine geliebte Solveig verlässt und später – nachdem er in der Welt als Geschäftsmann erfolgreich war – der Beduinentochter Anitra in Kairo alles zu Füßen legt. Die Verführerin wird ihn bis auf die Unterhose ausnehmen und ihn unter einem Teppich begraben liegen lassen. Es ist der Tod, der zu ihm schlüpft und die Decke wegzieht. Ein besonderer Tod.

Vom Glauben an die Liebe

Es ist Edward Clug höchstpersönlich, der den Tod in Ludwigshafen darstellt – früher gehörte er nicht zur Besetzung! Die strenge Figur im Gehrock ist ein Strippenzieher, der Peer Gynt immer wieder rettet, die Axt des wütenden Schmieds abwendet, den Entblößten ankleidet, aber ihn auch lachend in den Sarg packen will. Und es hat etwas Rührendes, dass der Choreograf selbst das Geschehen in diesem Schlüsselwerk lenkt wie ein Spieler seine Puppen.

Gefragt in einem Interview, wie er sich weiterentwickelt seit seinem ersten Handlungsballett, bekennt Edward Clug: Im Gegenteil, er komme immer wieder darauf zurück, denn der Stoff helfe ihm bei Herausforderungen. Er sieht darin die Botschaft: „Glaube immer an die Liebe, das Leben ist kurz. So oft realisieren wir das erst zu spät, dass wir an so viele verschiedene Orte schauen und damit das Naheliegende, die richtige Person übersehen. Es ist nie zu spät sich darauf zu besinnen.“ Peer Gynt erkennt erst als alter Mann, dass Solveig genug für sein Glück gewesen wäre. Der Choreograf selbst, der sich im Inneresten als „Nomade“ bezeichnet, ist hingegen seit 1991 beim Slowenischen Nationalballett geblieben und hat als künstlerischer Leiter seit 2003 dessen Renommee ausgebaut, obwohl er dank seines Erfolgs auch an andere Ensemble hätte ziehen können. Er begründet seine Treue mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Da scheint er klüger und genügsamer als sein Peer Gynt – oder hat von dessen Schicksal rechtzeitig gelernt.

x