Pfalzgeschichte(n)
Der Maler und Dichter Heinrich Jakob Fried: Ein Pfälzer sieht blau
Es ist das Schicksal vieler Künstlerpersönlichkeiten, dass sie und ihre Werke aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden und an sie nur noch bei runden Geburtstagen oder Todestagen erinnert wird. Auf Heinrich Jakob Fried weist wenigstens ein Straßenname im Landauer „Malerviertel“ hin. Gäbe es in der Stadt ein „Dichterviertel“, dann wäre er vielleicht auch dort vertreten. Denn Fried war zu Lebzeiten in seiner Doppelbegabung als Maler und Dichter bekannt.
Am 11. März 1802 kam Heinrich Jakob im heutigen Landauer Stadtteil Queichheim zur Welt. Sein Vater war bis 1795 Lehrer, um dann als Sekretär beim Friedensrichter und später bedeutenden Juristen Johann Birnbaum zu arbeiten. Die Mutter war eine geborene Schickendanz und stammte aus einer „guten“ Familie. Der Bruder war anerkannter Gastwirt und wurde später Oberbürgermeister von Landau. Lange währte das Eheglück nicht. Im Jahre 1797 hatten die beiden geheiratet, 1802 kam Heinrich Jakob auf die Welt, in den folgenden Jahren in rascher Folge drei weitere Kinder – und dann, an Weihnachten 1811 starb der Vater.
Schilder für den Apotheker
Die Witwe Fried steht nun mittellos mit den vier Kindern da. Sie verheiratet sich drei Jahre später mit dem Korporal Peter Stahlschmitt. Aus Äußerungen Heinrich Jakobs lässt sich erahnen, dass der Stiefvater einen unangenehmen Charakter gehabt haben muss. Die Ehe wird bereits 1818 geschieden. Die Mutter lebt nur noch drei Jahre und hinterlässt Heinrich Jakob mit seinen drei Geschwistern und zwei Halbgeschwistern als Vollwaisen. Die drei Jüngsten werden 1821 ins städtische Bürgerhospital aufgenommen.
Die Mutter hat wohl früh bei Heinrich Jakob ein Zeichentalent entdeckt und es trotz ihrer Armut geschafft, den Jungen 1815 für drei Jahre beim Zeichenlehrer und Malermeister Johann Gerhardt zur Ausbildung unterzubringen. Ob Gerhardt seinem Lehrling viel beibrachte oder überhaupt beibringen konnte, darf bezweifelt werden. Er beschäftigte ihn eher mit einfachen Aufgaben wie Schildermalen. Spuren dieser Tätigkeit finden sich noch heute auf Gefäßen der Adler-Apotheke im Landauer Städtischen Museum.
Beschäftigung mit „Kindersachen“
Nach seiner Lehre kommt Fried bei Georg Ebner, dem Besitzer der gleichnamigen renommierten „Kunstanstalt“ in Stuttgart unter. Er beklagt sich zwar später, dass er „bloß Kleinigkeiten und Kindersachen“ zu produzieren hatte, aber Ebner scheint ihn doch gefördert zu haben. Auf eigene Kosten schickt ihn der Verleger nach München und Augsburg, wo er die „königliche Kunstschule“ unter Leitung des bekannten Malers Johann Lorenz Rugendas besucht. Zurück in Stuttgart muss er erneut „mit geistlosem Illuminieren von Kinderbildern“ seinen Unterhalt verdienen. Sein Versuch, von der Regierung in Speyer ein Stipendium für die Akademie der Künste in München zu bekommen, scheitert. Glücklicherweise unterstützt ihn jedoch die Stadt Landau, und so kann Fried im April 1821 nach München reisen und die Zeichenklasse der Akademie besuchen.
Seine Qualitäten scheinen sich auch in Speyer bei der Regierung herumgesprochen zu haben, die ihm im folgenden Jahr im zweiten Anlauf ein Stipendium zuspricht. Die nächsten beiden Jahre in München kann Fried endlich nutzen, um nun auch mit dem Malen zu beginnen, was er sich vorher finanziell nicht hatte leisten können. Überliefert aus der Münchner Zeit sind zahlreiche Bleistiftzeichnungen aus der Gegend der Landeshauptstadt. Zurückgekehrt nach Landau erwanderte er die Pfalz mit ihren Burgen. Von der Akademie in München kommt er – im Gegensatz zu seinem Landmann Heinrich Bürkel, der schon früh selbstständig arbeitet – nicht los. Und finanzielle Sorgen sollten ihn noch jahrelang begleiten.
Großvater mit Makel
Erst im Jahre 1828 riskiert er, seine Lithographien mit Pfälzer Motiven aufzulegen. Die Resonanz in der Heimat ist mäßig, im Gegensatz zu anderen Städten. Aber er wird in Landau von treuen Freunden unterstützt. „Wunderschöne Tage“ kann er auf dem Landgut Neukastel der reichen Familie des Gänseleberpastetenfabrikanten Brück verbringen. 50 Jahre später wird der Ort das „Tusculum“ von Max Slevogt!
In Frieds Landauer Zeit fällt auch das „Hambacher Fest“. Er war dort, aber eher unpolitisch. Einige Biographen glauben die Distanz zu den revolutionären Ideen in der Person von Frieds Großvater zu sehen. Der war in der Französischen Revolutionszeit der „Haus- und Hofdichter“ des Landauer Jakobinerklubs. Dass er nach der Revolution Landau in Richtung Elsass verließ, hatte allerdings nichts mit einer Rache der Landauer wegen seines Engagements während der Revolution zu tun, wie dies die Familientradition gerne interpretiert. Vielmehr war der Lehrer Fried 1785 aus dem städtischen Schuldienst entlassen worden, weil er „seit geraumer Zeit mit der ihm anvertrauten Jugend weiblichen Geschlechts ohne Scham und Scheu in öffentlichen Lehrstunden und namentlich auf seinem Lehrstuhle allerhand höchst unzüchtige Betastungen, deren genauere Erzählung jedes keusche Aug und Ohr beleidigen würde, vornahm“ .
Nicht dies, aber anderes hat Heinrich Jakob von seinem Großvater geerbt: die Neigung zur Dichtkunst. Sie findet bei dem Maler in den 1840er-Jahren in zwei Bänden, betitelt „Epheuranken“, ihren Niederschlag. Seine Schriftgewandtheit zeigt sich auch in den 25 Tage- und Skizzenbüchern, die, verwahrt im Stadtarchiv Landau, eine unerschöpfliche Quelle für seine Biographie zwischen 1825 und 1853 bieten. Er beschreibt darin seine persönlichen Empfindungen und vor allem seine zahlreichen Reisen.
Feste feiern in Italien
Entscheidend für Frieds künstlerische Entwicklung ist der dreijährige Aufenthalt in Italien von 1835 bis 1838. Völlig losgelöst von seinen historisierenden ersten Werken findet er zu neuem Ausdruck in Skizzen, Zeichnungen und Gemälden. Besonders auffällig sind die bezaubernden Aquarelle, die schon fast an William Turner erinnern. Gleich im ersten Jahr der Reise malt er sein wohl bedeutendstes Werk: „Die blaue Grotte von Capri“. 1990 erregt das Bild in der großen Ausstellung „Die Farbe Blau“ des Heidelberger Kunstvereins Aufsehen. Im Jahre 2004 kann die Kunsthalle Bremen neben anderen kleineren Bildern das Gemälde erwerben und präsentiert es zusammen mit einer vorbereitenden Ölstudie unter dem Leitthema „Der Nachlass Heinrich Jakob Frieds im Spiegel romantischer Sehnsucht“.
Entscheidend für die Weiterentwicklung Frieds dürften auch die vielen Kontakte sein, die er in der deutschen Künstlerkolonie in Rom knüpfen kann. Bei den vielen Festen, zu denen er eingeladen wird, ist auch sein poetisches Talent in Reden und Gedichten gefragt. „Der Ruf als Dichter hat mich in allen Ecken in Anspruch genommen“, notiert er nicht ohne Stolz.
Späte Hochzeit
1838 kehrt er nach Landau zurück. Nun kann er seine Braut Amalie heiraten, mit der er schon seit 1834 verlobt ist. Finanzielle Sorgen muss er dank ihrer Mitgift nicht mehr haben. So kann er es sich leisten, das Angebot der Stadt abzulehnen, die Stelle seines ersten Lehrherrn Gerhardt zu übernehmen. Er widmet sich vielmehr der Herausgabe seiner erwähnten Gedichtbände und seiner Lithographien. Aber bei aller Heimatliebe wird im die Pfalz zu eng. „Das geringe Interesse vieler Pfälzer am geistigen Bestreben auf dem Gebiet der Kunst“, das August Becker kritisiert, mag mit ausschlaggebend gewesen sein, dass es Fried wieder in die Landeshauptstadt München zog. Es gab ja in der Tat keine größere Stadt in der Pfalz, „wo sich die Kräfte des Landes konzentrieren können“, wie Becker schrieb.
1843 also zieht Fried mit seinem gesamten Hausstand nach München um. Aber noch weniger als in Landau kann er von seiner Kunst allein leben. Dazu ist auch die Konkurrenz zu groß. Es sollte sein Glück sein, dass er bereits 1828 in den kurz zuvor gegründeten Kunstverein eingetreten war. Nun schafft er es, im Mai 1845 als Konservator angestellt zu werden. Es ist gewiss keine einfache Aufgabe, allen Eitelkeiten der vielen in München ansässigen Künstler gerecht zu werden: Es sind etwa 600! Zudem raubt ihm die bürokratische Arbeit die Zeit für eigenes künstlerisches Schaffen.
Ein königlicher Freund
Ein enges, fast freundschaftliches Verhältnis pflegt Fried mit dem Protektor des Kunstvereins, mit Ludwig I. Der König besucht fast regelmäßig die Ausstellungsräume und unterhält sich ernsthaft mit dem Konservator über dessen Pläne und auch über die königlichen Kunstprojekte. Ludwig I. dürfte es auch gewesen sein, der Fried den Auftrag erteilt, die Gemälde mit pfälzischen Burgmotiven für den Gesellschaftssalon in seiner Villa Ludwigshöhe zu malen. Auch nach seiner Abdankung setzt der Monarch seine Besuche fort.
Wir sind über die Kontakte der beiden durch die Aufzeichnungen Frieds gut informiert. Auch über die Zeit Ludwigs I. hinweg kann der Künstler der Aufmerksamkeit und der Fürsorge des Königshauses sicher sein. Am 3. Mai 1870 feiert Fried in kleinem Kreis sein 25jähriges Amtsjubiläum. Es sollte die letzte Feier sein. Am 2. November desselben Jahres schläft er friedlich ein. Alle Spuren seines Wirkens in München gehen dann im Bombenhagel von 1945 unter.
Was bleibt? Es sind die erwähnten Skizzen- und Tagebücher, die in einer leider vergriffenen Publikation im Jahre 1996 in der Schriftenreihe des Stadtarchivs Landau auszugsweise veröffentlicht wurden. Es sind Werke im Städtischen Museum Landau, in Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (und ein Katalog von 1971), dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer und in der Kunsthalle Bremen. Die Idee für eine Gesamtschau des Fried-Œuvres, wie sie 2000 mit noch vorhandenen Werken aus Privatbesitz der Nachkommen geplant war, fand nicht die Zustimmung der damaligen Stadtspitze, sie wird wohl nicht mehr zu realisieren sein.