Schauspiel Der leise Riese: Zum 80. Geburtstag des großen Schauspielers Lambert Hamel aus Ludwigshafen
Das allseits gefeierte, bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzte Dokuspiel von Hans-Christoph Blumenberg mag ein denkwürdiger Markstein im bislang 120 Filme umfassenden TV-Œuvre des markanten Mimen sein. Angesichts der künstlerischen Bandbreite, des darstellerischen Facettenreichtums, des wandlungsreichen Ingeniums dieses Mimen von hohen Gnaden ist dies indes nur einer von sehr vielen wunderbaren Auftritten.
Das deutschsprachige Theater hat in ihm einen seiner funkelndsten Menschendarsteller. Der wuchtigen Körperfülle, dem gewaltigen Schädel zum Trotz, geht Lambert Hamel seine Bühnenfiguren mit Sensibilität und Sanftmut an. Große Erfolge feierte er unter anderem als hasenherzig-trinkfreudiger Schwätzer Sosias im Kleist-Klassiker „Amphytrion“, als Zauberkönig in Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ sowie in der Titelrolle von Strindbergs „Vater“. Aber er war auch schon Hamlet, Nathan der Weise, der Zettel im „Sommernachtstraum“, Thomas Bernhardts „Theatermacher“ und ein wunderbarer Müllkutscher im Musical „My fair Lady“.
An Hamel ist nichts Schau und nichts gespielt
Denn erfreulicherweise verschließt sich der behutsam leise Charakterbildner mit den markanten Backenknochen auch nicht jenem weiten Feld der Schauspielkunst, das gemeinhin als leichte Muse abgetan wird. In Schurken- wie in komödiantischen Rollen lässt er sogar die ewig gleich gewobenen Handlungsfäden läppischer Fernsehserien-Kost von „Bergdoktor“ über „Vater wider Willen“ bis zur aktuellen Reihe „Tonio und Julia“ im Licht echten und darum edlen Sentiments erstrahlen.
An diesem Schauspieler ist nichts Schau und nichts gespielt – gleichgültig, ob er auf der Bühne den desillusionierten „Handlungsreisenden“ oder den im eigenen Lügengespinst verhedderten Dorfrichter im „Zerbroch’nen Krug“ spielt oder im Fernsehen eine bildfüllende Autoritätsfigur aus dem Typenarsenal um „Derrick“, den „Alten“ und „Pfarrer Braun“, am „Tatort“ und auf dem „Traumschiff“ verkörpert.
Prachtkerl mit Dialektschwäche
Nicht vergessen natürlich der 1982 erstgesendete Zweiteiler „Martin Luther“, in dem er den faustischen Reformator vom mönchischen Heißsporn bis zum abgeklärten, noch immer streitfreudigen Greis reifen ließ. Es ist gerade dieses Doppelbödige und Zwiespältige, diese innere Ratlosigkeit hinter der wuchtigen, scheinbar poltrigen Fassade, die Lamberts Figuren so authentisch und unwiderstehlich macht.
Der augenscheinlich erdennahe Pracht- und Kraftkerl gibt einen leisen Riesen, der sich nicht ver-, sondern anwandeln will. Nie geht er eine Rolle leichtfertig an. Vielmehr ist sein „leicht-fertiges“ Spiel eine Annäherung an den Seelenkern. Indem er die Seelentiefen einer Bühnen- oder Filmfigur in seiner individuellen Verkörperung auslotet, folgt er einem Konzept, das er selbst auf die Formel bringt: „Die Rolle plus ich.“
„Alle haben sich totgelacht“
Nicht anders muss jenes erste Vorsprechen abgelaufen sein, als er nach Germanistik- und Philosophiestudien in Heidelberg und Köln an der Westfälischen Schauspielschule Bochum vorstellig wurde. Mit Inbrunst und Verve rezitierte er Talbots Tod aus der „Jungfrau von Orléans“ – „in breitem Pfälzisch“, wie er berichtet. „Alle haben sich totgelacht. Ich sagte beleidigt: ,Isch weeß net, was es do zu lache gibt. Des is tragisch!’“
Noch vor Abschluss der Schauspielschule holte ihn Oscar Fritz Schuh ans Schauspielhaus Hamburg, wo er 1963 unter Fritz Kortner als Sohn im „Eingebildetem Kranken“ von Molière debütierte. Stationen in Bochum und Köln folgten, ehe er in München heimisch wurde. Seitdem – und vielen Fernsehrollen – gehört Lambert Hamel zur allerersten Garde der hiesigen Schauspielgilde.