Nachruf Der Hammer-Poet: Günther Uecker ist tot
Uecker ist in einer, wie er selbst sagt, „geistfernen“ Familie aufgewachsen. In der DDR. Ein Bauernsohn aus der Halbinsel Wustrow im Fischland von Mecklenburg-Vorpommern, wo die Getreidefelder wogen – wie die Nägel auf seinen Leinwänden. Er musste sehr oft aushelfen. Er war jemand, der vor lauter Lachen außer sich geriet. Er machte eine Malerlehre. Später flog er von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Er flüchtete. Er war zeitweise obdachlos, wurde – weil suspekt - wochenlang in Notaufnahmelagern verhört. 1955 dann durfte er endlich an der Düsseldorfer Akademie bei seinem Idol Otto Pankok studieren. Derselben Renommierinstitution, an der er von 1976 an bis 1995 selbst Professor wurde. Zur Feier seiner Ernennung ritt er auf einem Kamel durch deren ehrwürdigen Hallen.
Uecker war ein großer Reisender „auf den Spuren der noch sichtbaren Erinnerung“ nach überall hin, nach Süd-, Nord- oder Mittelamerika, Asien. Anfang der 1960er-Jahre gehörte er mit Heinz Mack und Otto Piene zur Künstlergruppe ZERO, die handgreiflich auseinanderging. Alle machten fortan ihr eigenes Ding. Am erfolgreichsten: Uecker. Jeder, der sich für Kunst interessiert, erkennt die einschlägigen Werke des zum ewigen „Nagelkünstler“ verkleinerten Bildhauers, der die Baumarkt- und Kunstszene poetisch verband. Nägel = Uecker, es ist der nächstmögliche Kurzschluss eines Künstlers mit seinem Material, vielleicht vergleichbar nur der von Filz und Fett mit Joseph Beuys. Dabei beziffern Leute mit Expertise wie seine Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen, den Anteil von Ueckers Markenzeichenkunst am Gesamtwerk mit „zehn bis 20 Prozent“. Wie zum Beweis hat van der Koelen in ihrem Kunstzentrum Cadoro eine Retrospektive ausrichtet (bis 9. Juli). Das volle Programm, Uecker hat buchstäblich mit Händen und Füßen, mit der Axt und dem obligatorischen Hammer gearbeitet, mit Papier, Holz, Stoff, Stein, Asche oder Sand, schließlich für seine himmelblauen Fenster für den Schweriner Dom auch mit Glas. Nicht zuletzt hat er auch Wagner-Bühnenbilder für Stuttgart und Bayreuth entworfen. Kein Tag, ohne Kunst. Motto: „Dass man nicht Bilder von der Welt macht, sondern, dass man Bilder in die Welt stellt.“ Berühmt: Werke wie „Sandmühle“, eine Arbeit, in den eruptiven 1968ern entstanden. Ein Roboterarm-Rechen erzeugt auf einem kreisrunden Sandbett mit jeder Drehung immer neue Spuren und abstrakte Formationen.
Der naturverbundene Uecker drapierte Geäst und Grasbüschel auf mit Öl bemalte Leinwände, schrieb Bibelsprüche, Thoraverse, Koransuren auf weiße Tücher, Immer schon ist er gegenwärtig und feinnervig gewesen. So schuf er als Reaktion auf die Tschernobyl-Katastrophe 1986 bedrückende Aschebilder und -tücher. Uecker kämpfte für die indigene Navajo-Bevölkerung, schaffte es in China immerhin eine Woche lang, Werke mit Menschenrechtsbotschaften auszustellen. Er war der erste westliche Künstler, der großflächig in Moskau ausgestellt hat. Leider ist sein Credo bedrückend aktuell.
„Das Thema meiner künstlerischen Arbeit“, sagte er einmal, „ist die Verletzlichkeit des Menschen durch den Menschen.“ Die während des Studiums erstmals realisierte Idee mit dem Nagel führte er auf eine Kindheitserfahrung zurück. Künstlerischer Auslöser indes sei die Losung der Russischen Revolution gewesen, die Poesie werde „mit dem Hammer gemacht“. Derweil erschien ihm ein Bleistift wie ein „Mordinstrument“. Das Zeichnen eines Aktes mit spitzem Bleistift auf weißem Papier empfand er als schamlosen Akt bohrender Gewalt. Er dagegen wollte mit dem Nagel die Verletzung selbst thematisieren.
„Da muss“, so sein Originalton, „ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität des Lebens.“ Bis zum Schluss arbeitete er so, als sei „das Eigentliche“ noch nicht getan. Ein aufbruchswilliger Mann. „Im Abschied“, sagte er einmal, begegne er der Welt, „weil sie bereits Sekunden später eine andere ist und sich von Tag zu Tag so verändert, dass man sie nicht wiedererkennt.“