Lothringen
Der Grand Canyon überm Welt-Wasserstoff-Reservoir: Familientour für jedes Wetter
Einen Ausflug ins Kohlerevier zwischen Forbach und Carling machen? Eine falsche Fantasie geht mit Ihnen durch, wenn Sie da denken: Keine zehn Pferde kriegen mich dorthin. Doch dort, wo einst das schwarze Gold abgebaut wurde, sind Naturreservate entstanden, und es wartet lothringische Idylle.
Auf der Autobahn 6 hinter Saarbrücken beginnt Frankreich. Hier folgen dicht auf dicht die Abfahrten Stiring-Wendel, Forbach, Saint-Avold. Links und rechts viel Grau, viele Gleise, Straßen, Betonkästen. Nichts wie weiter Richtung Paris oder in Frankreichs Süden. So denken die meisten.
Ein Fehler. Denn wer hier mal runter fährt von der Autobahn, erlebt ein grünes Wunder. Drei Ziele lassen sich in einen Tagesausflug packen: der Steinbruch Barrois in Merlebach, die Altstadt von Hombourg-Haut (Oberhomburg) und der Parc Explor, die Kohlegrube Wendel, in Kleinrosseln bei Forbach. Die Reihenfolge kann man dem Wetter überlassen: Im Grubenmuseum stört Regen nicht.
Drei Kilometer langer Canyon mit Uhu
Naturliebhaber kommen in Merlebach auf ihre Kosten: Der Carrière Barrois könnte auch Grand Canyon von Lothringen heißen. In allen Farben des Sandsteins leuchtet eine 80 Meter hohe und drei Kilometer lange Klippe. Sie begrenzt das Steinbruch-Gelände nach Nordosten und bildet zugleich die Landesgrenze zum Saarland. Der Name Steinbruch führt etwas in die Irre, denn hier wurde kein harter Stein gebrochen, sondern weicher Sandstein abgebaut und zermahlen. Der Sand kam hauptsächlich im Kohlebergbau zum Einsatz. Als der hier vor gut 20 Jahren eingestellt wurde, verfüllte man die Stollen mit Sand.
Auf dem Barrois-Gelände fühlen sich heute seltene Tiere wohl, der Uhu brütet in Nischen der Steilwand. Erholungssuchende erkunden die eigentümliche Landschaft zu Fuß oder mit dem Fahrrad und genießen die unglaubliche Ruhe. E-Bikes sind erlaubt, aber keine Benzinmopeds und erst recht keine Autos.
Nicht viel lauter geht’s in Hombourg-Haut zu, einem Dorf, das im Mittelalter auf einem Felsen entstand und in dem die Zeit stehen geblieben ist. In dieser Kulisse könnte man einen Film drehen über Lothringen vor hundert oder 200 Jahren. Durchschlendern, schauen, die frische Luft einatmen, Inschriften an den Häusern lesen (etwa „Katholisches Vereinshaus“) – das entschleunigt.
Geschäfte oder Einkehrmöglichkeiten finden sich im alten Dorf keine mehr, dafür im Tal. Nicht weit vom prächtigen Rathaus sollte man unbedingt die „Boulangerie d’Antan“ aufsuchen , denn hier gibt’s die leckerste Quiche Lorraine der Gegend (alternativ mit Lachs oder Thunfisch), andere herzhafte Happen, Bio-Baguette und Croissants. Eine Café-Ecke ermöglicht es, alles in Ruhe vor Ort bei einem Kaffee zu genießen.
Im Wohngebiet auf dem Hügel gegenüber des alten Dorfes schneidet Peter Scholl (76) die Hecke vor seinem Haus. Er spricht sofort „Platt“, den Dialekt der Gegend, der sich kaum vom Westpfälzischen und Südsaarländischen unterscheidet. Scholl („wie Peter Scholl-Latour“, sagt er) hat als Bergmann in der Grube Carling gearbeitet, „awwer iwwer Daa, net unner Daa“, wie er betont. „Iwwer Daa“, also „über Tag“ bedeutet, dass er nicht in die Tiefe des Bergs einfuhr, um Kohle abzubauen, sondern oberirdisch in der Kokerei tätig war, eine weniger gefährliche Arbeit. Gleichwohl durfte auch er schon mit 49 Jahren in Rente gehen („mit 80 Prozent vom Brutto“), worüber er bis heute glücklich ist, zumal seine Lunge heil geblieben ist. Viele Bergleute starben früh, weil der Kohlestaub die Lunge schädigte.
Auch Gaston Mai (69) war Bergmann, wuchs in Schoeneck auf, wo zwischen 1816 und 1835 die erste Grube Lothringens betrieben wurde, spielte als Kind über stillgelegten Stollen, die, weil nicht verfüllt, ihn jederzeit hätten verschlucken können. Mit 14 wurde er Bergmann, arbeitete auf der Grube Wendel „unner Daa“ und sich zum Steiger, eine Art Meister, hoch. Heute führt er wie sieben seiner Kollegen Besucher durch den – nachgebauten – unterirdischen Teil des Grubenmuseums. Drei Führungen gibt’s pro Tag, alle in französischer Sprache. Nur an jedem letzten Sonntag eines Monats wird eine Führung in Deutsch angeboten. Doch auch Gaston Mai spricht von Haus aus „Platt“. Da sich kein Franzose für den Rundgang gemeldet hat, führt er, der eine Saarbrückerin geheiratet hat, anderthalb Stunden „uff Platt“ durch die Mine.
Wer wissen will, wie unter Tage geschuftet wurde, für den ist diese Führung Pflicht, aber man sollte sich auch die Zeit für die anderen Bereiche des weitläufigen Geländes nehmen, wo noch alles fast so aussieht wie bei der Stilllegung vor 22 Jahren. In dem Trakt, durch den die Bergmänner – Bergfrauen gab’s auf Wendel keine – zur Arbeit gingen, ist ein Museum untergebracht, in dem etwa die Waschkaue original belassen wurde. Man kann Lieder „uff Platt“ abspielen, denn unter Tage wurde auch hier in Lothringen immer Platt gesprochen. „Uff Platt kann man besser Kommandos geben“, nennt Gaston Mai als Grund.
Vor drei Jahren hat man bei Messungen in einem Stollen zufällig entdeckt, dass genau hier, unter dem Kohlerevier Lothringens, eines der weltweit größten Vorkommen natürlichen Wasserstoffs liegt. Der Kohlebergbau reichte hier bis in eine Tiefe von 800 Metern. Die Wasserstofflager beginnen unter Saint-Avold in 1100 Metern Tiefe. Gaston Mai versteht nicht, dass die Regierung in Paris nicht zügig daran geht, den Wasserstoff aus der Erde zu holen. Mit Wasserstoff könnte man Kraftwerke und Industrien absolut sauber betreiben, wie die Stahlwerke im Saarland. Wasserstoff verbrennt schadstofffrei, muss derzeit aber in Europa teuer hergestellt werden, was sich (noch) nicht rechnet.
Eines der größten Wasserstofflager der Welt
Steiger Mai schüttelt den Kopf. Da habe man einen Schatz unter der Erde liegen, doch „die Politiker haben Angst vor Kritikern und der Verantwortung“. Den Einwand, dass es schwierig sein könne, den Wasserstoff zu fördern, lässt er nicht gelten: „Das ist Gas, das steigt von alleine hoch.“ Der Wasserstoff könnte eine goldene Zukunft fürs lothringische Kohlerevier bedeuten, gutbezahlte, neue, saubere Jobs, und die Abwanderung stoppen.
Hinkommen, pausieren,essen
Mit dem Auto über die Autobahn 6 und je nach erstem Etappenziel eine der ersten Ausfahrten in Frankreich nehmen. MIt dem Zug: Forbach ist hervorragend ans deutsche Schienennetz angebunden. In vielen Zügen kann man das Fahrrad mitnehmen. Durchs Lothringer Kohlerevier führen einige Radwege abseits von Straßen. Tolle Radwege gibt’s auch auf deutscher Seite, etwa zum Aussichtspunkt über den Canyon.
Eine erholsame Pause kann man in den Cafés Kaffeklatsch auf dem Grubengelände Wendel, im Carrousel in Saint-Avold oder in der Bäckerei d’Antan in Hombourg-Haut einlegen. Letztere liegt zwar an der Hauptstraße und deshalb nicht so schön, führt aber Herzhaftes.
Wo Sie gut, ganz gut und weniger gut essen gehen können, das steht hier.
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