100 Jahre Staatsphilharmonie
„Der ganzen Pfalz zum Stolze“
Ludwigshafen im Jahr 2020. Man könnte böswillig formulieren: eine Stadt im Abbruch. Baustellen, Bagger, Kräne, Schutt allenthalben. Schließlich ist da ja nicht nur die verkehrstechnische Achillesferse Hochstraße Süd. Am Berliner Platz klafft ein Loch, das ehemalige C & A ist nurmehr noch eine Ruine, der Bürgerhof wird von einem Bretterzaun vor neugierigen Blicken geschützt. Dahinter: die nächste Baustelle in der Innenstadt.
Die vermeintlich hässlichere Schwester Mannheims
Schon immer galt Ludwigshafen im Vergleich zu Mannheim auf der anderen Rheinseite als die hässliche Schwester. Als Arbeiter- und Industriestadt. Mannheim gab sich dagegen gerne als Bürger- und Kulturstadt. Obgleich die Städte auf demselben Höhenniveau des sie verbindenden und zugleich trennenden Rheins angesiedelt sind, blickt der Mannheimer per se auf Ludwigshafen herab. So kann man eben auch von eigenen Schwächen ablenken. Und natürlich wehrt sich die Stadt Ludwigshafen auch gegen ihr Image. Nicht immer erfolgreich, aber doch unbeirrt. Bisher.
Die Leuchttürme der Kultur werfen ihr Licht auch dorthin, wo selbiges sonst schon längst für immer erloschen wäre. Das Selbstverständnis einer Stadt muss sich immer auch über das kulturelle Angebot definieren, das für die Menschen vorgehalten wird. Und das zeigt dann doch zumindest ein anderes Bild von einer Stadt, die auch schon mal als hässlichste Deutschlands geschmäht wurde. Ausgerechnet in einer WDR-Satiresendung…
Theater im Pfalzbau, Wilhelm-Hack-Museum, Kunstverein, Stadtbibliothek, Musikschule, die ganze freie Szene – so klein und unbedeutend, wie sie oft gesehen wird und sich leider manchmal auch selbst macht, ist die Kultur-Stadt Ludwigshafen eigentlich gar nicht. Denn sie ist zugleich ja auch Heimstätte des wichtigsten und besten Klangkörpers in Rheinland-Pfalz, der heute vor 100 Jahren gegründet wurde: der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Die hieß bei ihrer Gründung noch Landes-Sinfonie-Orchester für Pfalz und Saarland. Ein Grund zum Feiern – und ein Glücksfall für die Stadt. Denn sie bekommt das Landesorchester ja quasi zum Nulltarif.
Der musikalische Botschafter des Bundeslandes Rheinland-Pfalz
Das zunächst und vor allem ist die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die seit dem 1. Januar 2007 noch den Zusatz „Deutsche“ vor ihren Namen gestellt hat. Sie ist ein musikalischer Botschafter des Landes, ist ein Aushängeschild für Rheinland-Pfalz – jedenfalls dann, wenn die künstlerische Entwicklung gerade erfolgreiche Bahnen betreten hat, was ja in einer hundertjährigen Geschichte durchaus nicht immer der Fall ist. Ein Orchester-Flaggschiff hat sie der ehemalige Kultur- und Wissenschaftsminister Jürgen E. Zöllner genannt. Was ihn aber nicht daran gehindert hat, Pläne für eine Zwangsfusion mit dem Mainzer Staatstheater-Orchester zu entwickeln.
Doch die Staatsphilharmonie ist ja noch weit mehr als das. Sie ist Grundversorger mit sinfonischer Musik für eine ganze Region. Kein anderes großes Sinfonieorchester gastiert flächendeckend in den Konzertsälen der ganzen Pfalz: von Zweibrücken, Pirmasens und Kaiserslautern über Wörth, Landau, Frankenthal, Neustadt bis hin nach Ludwigshafen. Zwar ist beispielsweise in Kaiserslautern auch die Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern regelmäßig zu Gast, und auch die BASF lädt in ihrer eigenen Konzertreihe im Ludwigshafener Feierabendhaus auch andere Sinfonieorchester ein. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass ein Pfälzer Musikfreund die Staatsphilharmonie vor sich auf der Bühne sitzen hat, wenn er irgendwo in der Region Beethoven, Brahms oder Bruckner hört, ist sehr, sehr hoch. Ein wunderbares Geschenk des Landes an die Pfalz, um auch das einmal wieder deutlich zu sagen.
Kein Residenz-, sondern ein Reiseorchester
Für die Musiker, aber auch für die Leitung des Orchesters bedeutet dies jedoch immer auch: Sie müssen sich bewusst sein, dass sie kein Residenz-, sondern ein Reiseorchester sind. Und dies von Beginn an waren. Die Gründerväter des Orchesters sprachen von einem „tiefernsten Kulturwerk“, das der „ganzen Pfalz zum Stolz gereiche“. Man würde das heute sicherlich weniger pathetisch formulieren. Die Intention aber hat das Orchester auch in seine Gegenwart hinüber gerettet.
Doch ein Sinfonieorchester ist immer auch mehr als nur der Garant für sinfonische Musik in einer Region, einer Stadt. Ein Orchester besteht aus Menschen. Aus Menschen, welche die Leidenschaft für die Musik zusammengebracht hat. Eine Leidenschaft, die sie nur allzu gerne weitergeben. Als Lehrer. Als Leiter von kleinen Ensembles. Als Solisten in Konzerten von Laienorchestern der Region. Jeder einzelne Staatsphilharmoniker ist ein Multiplikator für die Musik in der ganzen Region, aber eben auch in Ludwigshafen, das solche Zuwendung mitunter besonders notwendig hat. Denn wer Orchester schließt oder sie mit anderen zusammenzwingt, der vernichtet ja weit mehr als nur einen Konzertstandort. Der frühere Bundesinnenminister Otto Schilly hat einmal festgestellt: „Wer Musikschulen schließt, der gefährdet die Innere Sicherheit.“ Was aber für Musikschulen gilt, gilt für Orchester mindestens genauso. Gerade in einer Stadt wie Ludwigshafen.
Ein internationales Orchester
Einer Stadt, deren Bevölkerung alles andere als homogen ist. Sie ist international, ist geprägt von vielen Menschen mit Migrationshintergrund. Und das Orchester inmitten dieser Stadt, das stolz den Namenszusatz „Deutsch“ trägt, ist das zunächst einmal genau nicht. Wie auch anders. Musik kennt keine Grenzen. Sie ist eine internationale Sprache, die Hürden überwinden, Gräben zuschütten kann. Auch die Sprache jener Menschen, welche zusammen die Staatsphilharmonie ausmachen, ist mittlerweile eine internationale, angefangen an der Spitze des Orchesters mit einem Schweizer Intendanten und einem britischen Generalmusikdirektor. So, wie die Sprache der Musik keine Nationalsprachen kennt, so bringt ein sinfonischer Klangkörper Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen. Ein Mikroorganismus mit Vorbildcharakter. Eine Art Integrations-Maschine. Wie eine Fußballmannschaft auch.
Im vergangenen Jahr befand sich die Deutsche Staatsphilharmonie in bester Gesellschaft: 129 Kulturorchester konnten 2019 in Deutschland gezählt werden, in der Hauptsache Sinfonieorchester wie die Staatsphilharmonie, Rundfunkorchester oder Orchester, die ihre Hauptaufgaben im Orchestergraben eines Opernhauses zu bewältigen haben. Eine stolze Zahl. Eine beeindruckende Zahl. Eine weltweit einzigartige Zahl. Eine Zahl – die zuletzt immer kleiner wurde.
Die deutsche Orchesterlandschaft schrumpft seit Jahren
1992, zwei Jahre nach der Wiedervereinigung, konnte man noch 168 Kulturorchester in Deutschland zählen. Seitdem gab es gerade in den Neuen Bundesländern zahlreiche Orchesterfusionen, die dafür gesorgt haben, dass im Osten die viel gerühmte deutsche Orchesterlandschaft so langsam beginnt, durch weiße Flecken auf der Landkarte aufzufallen. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ist das zu beobachten. Im Westen waren es zuletzt vor allem die Rundfunksender und hier vor allem der SWR, die für negative Schlagzeilen sorgten, indem die Sinfonieorchester in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg zusammengezwungen wurden.
Es wiederholt sich wie in einer Endlosschleife. Die Kommunen, die als Träger der Theater eben auch deren Orchester finanzieren, oder auch städtische Sinfonieorchester direkt unterstützen, ächzen unter Schuldenbergen, die seit Jahrzehnten angewachsen sind. Die Kommunalaufsichten – in Rheinland-Pfalz ist es die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier – drohen den Städten mit Haushaltssperren und zwingen sie, ihre sogenannten freiwilligen Leistungen einzufrieren. Als wäre die Kultur, die Musik ein Luxusartikel, auf den man einfach so verzichten könnte!
Orchesterlandschaft als immaterielles Kulturerbe
Der jüngste Finanzbericht des Statistischen Bundesamtes stammt aus dem Jahr 2018 und dokumentiert die Kulturausgaben des Jahres 2015. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt erreichten 2015 die öffentlichen Ausgaben für Kultur einen Anteil von 0,34 Prozent. Insgesamt stellten Bund, Länder und Kommunen 1,73 Prozent ihres Gesamtetats für die Kultur zur Verfügung. Die Kulturausgaben pro Kopf lagen im gesamten Jahr 2015 bei 126,77 Euro. Und dafür bekommen wir 129 Orchester im Land – nicht schlecht! Wie auch die Entscheidung, diese einzigartige deutsche Orchesterlandschaft 2014 in die Liste des immateriellen Kulturerbes eintragen zu lassen.
Einen Teil dieses Erbes feiert die Pfalz heute Abend mit einem Festkonzert in der Jugendstilfesthalle in Landau. Genau 100 Jahre nach dem ersten Konzert des Landes-Sinfonie-Orchester für Pfalz und Saarland. Teile des Programms sind identisch: die Tondichtung „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss und die fünfte Sinfonie von Beethoven. Ludwig Rüth dirigierte damals zudem noch das Violinkonzert von Brahms sowie Wagners „Meistersinger“-Vorspiel. Rüths Nachfolger, der aktuelle Chefdirigent Michael Francis, hat sich für Zeitgenössisches zwischen Strauss und Beethoven entschieden: „Zion Park et la cité céleste“ aus Olivier Messiaens „Des Canyons aux étoiles...“
Zeitungsbericht vom Gründungskonzert
„Der Rheinpfälzer“ berichtete 1919 von dem Landauer Konzert: „Die unleugbar seelische Depression, die uns der erschreckende Niedergang des einstigen herrlichen Deutschlands verursacht, sie wurde … durch die von dem Wunderbaume der Tonkunst ausgehende zauberische Kraft behoben, indem die gewaltigen, in ihrem schmerzlichen Zucken noch wundertätigen Klänge wie die geheimnisvollen Regionen der lebensgetränkten Tonwelten des Hörers Herz in ihren Bann zogen.“
Es ist davon auszugehen, dass die Berichterstattung der „RHEINPFALZ“ über das Jubiläumskonzert weniger tief in die Schublade mit nationalistischer Emphase greifen wird. Der verlorene Erste Weltkrieg saß damals wie ein Stachel tief im Fleisch des deutschen Selbstverständnisses. Aber wenn es der Staatsphilharmonie, deren Gründer sich wünschten, dass das Orchester „der ganzen Pfalz zum Stolze“ gereichen solle, im Jahr ihres 100. Geburtstages gelingen sollte wie zur Zeit ihrer Gründung Depressionen, Mutlosigkeit, Verzagtheit, Minderwertigkeitsgefühle, Niedergeschlagenheit bei ihren Zuhörern zu überwinden, dann macht sie doch alles richtig. In ihrer Heimatstadt Ludwigshafen sowieso.



