75. Berlinale
Der deutsche Wettbewerbsfilm punktet mit Humor
„Wahnsinnig langweilig“, findet Julia (Julia Jentsch) ihr Leben im schicken, aber gesichtslosen Upper-Class-Bungalow mit Mann und Tochter, ebenso ihre Arbeit als Finanzfachfrau eines in reichlich Grau residierenden Unternehmens. Und so lässt sie sich darauf ein, mit Kollege Max schon einmal eine Affäre mit wildem Sex überm Bürotisch „vorzubesprechen“. Ehemann Tobias (Felix Kramer), der in einem Verlag unter anderem für Buchcover zuständig ist, fühlt sich derweil in seiner Autorität untergraben, als ein von ihm favorisierter Entwurf durchfällt. Zwei Episoden, die die Eheleute nicht ansprechen wollen, als am Abend Tochter Marielle (Laeni Geiseler) fragt, wie ihr Tag so war: Die ungefähr Zwölfjährige scheint in „Was Marielle weiß“ ohnehin die erwachsenste Figur zu sein.
Während der Vater eine andere Version des Buchcover-Streits erzählt, setzt Julia auf Leugnen. Doch Marielle weiß, was beide tatsächlich gesagt und getan haben: Seit eine Freundin sie in einem Streit geohrfeigt hat, erlebt sie alles mit, was die Eltern tun, selbst im Schlaf.
Eine clevere Ausgangsidee hat der Karlsruher Drehbuchautor und Regisseur Frédéric Hambalek für seinen zweiten langen Spielfilm gewählt, der unerwartet in den Berlinale-Wettbewerb geladen worden ist. Produziert hat sein Projekt die Firma Walker + Worm Film aus München, die auch mit Frauke Finsterwalder („Sisi und Ich“, „Finsterworld“) zusammenarbeitet, die ähnlich hintersinnige Komödien mit einer ans Grundsätzliche rührenden Tiefe entwirft. Auch 80.000 Euro der Medienförderung Rheinland-Pfalz stecken im Film. Durchaus gut angelegtes Geld, selbst wenn kein Bär herausspringen dürfte, da der Film insgesamt doch nicht das ganz große Kino bietet.
Die Fragen, die er stellt, zielen aber präzise auf den Kern der Institution Familie. Und auf die Werte, die Eltern ihren Kindern mitgeben. „Du musst ehrlich sein“, fleht Marielle ihre Mutter fast schon an, als diese noch glaubt, die Tochter wolle sie nur provozieren. Nach und nach müssen die Eltern sich aber nun eingestehen, wie oft sie auf „kleine“ Lügen setzen, um vor anderen in einem besseren Licht dazustehen. Um bequemer durch den Alltag zu gehen. Oder um andere nicht zu enttäuschen.
Keine elterliche Wärme
Julia und Tobis sind ein Paar, das längst schon mehr nebeneinander als miteinander lebt, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Und sie wirken unglaublich kühl, ja kalt und nahezu gefühllos, gerade auch ihrer Tochter gegenüber. Wärme ist in diesem Elternhaus nicht zu spüren, selbst die Oma wirkt distanziert. Niemand umarmt Marielle, die doch in tiefsten Nöten steckt, als sie merkt, dass auf ihre Eltern keineswegs Verlass ist.
Laeni Geiseler spielt die Rolle dieser kindlichen allwissenden Seherin, die mit ihrer Gabe höchstens still hadert, ungemein überzeugend, auch wenn ihr Frédéric Hambalek doch einige zu analytische Sätze ins Drehbuch geschrieben hat. Aber schließlich ist die Geschichte ja eine parabelhaft überhöhte – und insgesamt doch mit einem schönen Timing und viel Sinn für leicht absurden Humor erzählt.
Noch symbolischer wird es im französisch-deutschen Wettbewerbsfilm „La Tour de Glace“ („Der Eis-Turm“, das deutsche Geld kommt vom Bayerischen Rundfunk)) mit August Diehl in einer sehr kleinen Nebenrolle. Das dunkle Märchen erzählt ebenfalls von den Nöten eines Mädchens auf der Suche nach Geborgenheit. Humor sucht man hier jedoch vergebens.
Ein Waisenmädchen aus den französischen Bergen, seit früher Kindheit von „Der Schneekönigin“ fasziniert, gerät bei seiner Flucht in die Stadt in einem Filmdreh. Ausgerechnet „Die Schneekönigin“ wird hier adaptiert, mit Marion Cotillard als mondänem Star in der Titelrolle, die auch auf ihr „reales“ Leben abfärbt.
Düster geht es zu in diesem um 1970 angesiedelten Psycho-Schauerstück über unterdrückte Gefühle und die Verarbeitung von Trauer, das auf Hitchcock und David Lynch verweist. Und recht meditativ ist seine Wirkung: Viele Pressevertreter sind trotz Mittagsvorstellung eingeschlafen. Einen Bären dürfte es nicht geben.