Literatur Der Autor und der Alkohol: „Entzug“ von Christoph Peters
Christoph Peters ist am Ende. Ein Wrack, zerstört vom Alkohol. Der bekannte Autor befindet sich in einem Teufelskreis. Schon am Morgen fängt er an zu zittern, um das Zittern einigermaßen in den Griff zu bekommen und seinen Alltag zu bewältigen, und auch um schreiben zu können, greift er zu harten Getränken wie Wodka. Überall in seiner Wohnung hat er Notreserven deponiert. Ein Versteckspiel vor seiner Frau. Irgendwann aber kann er nicht mehr weiter machen. Er weiß er. Später, während seines Entzugs, erfährt er, dass er bei seinem Konsum nur noch ein Jahr zu leben gehabt hätte.
Zwei Faktoren bringen ihn schließlich dazu, zu seinem Hausarzt zu gehen und einen Entzug zu beantragen. Sein Verleger lehnt die ihm angebotene Fortsetzung seines Romans ab. Er möge den Text doch bitte noch einmal überarbeiten. Die bittere Selbsterkenntnis, Klartext: „Die nächste Folge war Schrott“. Der Leistungsdruck beim Schreiben macht Peters als einen Grund für seine Alkoholsucht aus. Ohne Alkohol kann er nicht schreiben. Da ist die Angst vor dem leeren Blatt. Und: Eine befreundete Ärztin, Selma, lehnt es ab, dem 39-Jährigen ein Medikament zu verschreiben, dass die Symptome mildert.
Rettung Angst
Wir befinden uns im Jahr 2005, er geht in die Entzugsklinik, begleitet wird der Schritt von der Angst, dass seine Frau ihn mit der Tochter verlässt, dass dieser Schritt das Ende der „kleinen, eigentlich doch liebenswerten Familie“ bedeutet. Diese Angst ist auch in der Klinik immer da. Peters, mit Romanen wie „Stadt Land Fluß“ oder „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ erfolgreich, beschreibt all die unangenehmen Situationen, den Besuch beim Hausarzt und die Skepsis, die ihm beispielsweise von Schwester Annette in der Klinik entgegenschlägt: die seltsame Atmosphäre.
„Eine Beleuchtung wie für öffentliche Toiletten oder Folterkammern in osteuropäischen Diktaturen“, meint er und folgert: Wie soll man in so einem Umfeld Kraft und Zuversicht tanken. Hintersinnig: Darf man den Patienten Bierschinken anbieten? 2,3 Promille diagnostiziert Schwester Annette nach dem ersten Pusten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sind Ausflüge nach draußen erlaubt. Bei der Rückkehr gibt es einen Alkoholtest, wird der Patient rückfällig, führt das sofort zum Abbruch der Therapie.
Der schwierige Weg
Peters’ schwieriger Weg von der Sucht weg geht über ihn hinaus. Denn er stellt uns auch Mitpatienten in der Klinik vor. In seinem Vierbettzimmer in der Philipp-Nicolai-Krankenhaus in Berlin ist auch Walter auch Entzug Walter, ein Polizist, der nicht verkraftet, das seine Lebensgefährtin mit ihm Schluss macht. Herr Reinhardt liegt zumeist in Embryonalhaltung im Bett, er ist schwer depressiv. Und da ist ein Horst, ein Mann, „den man normalerweise auf dem Parkplatz von Aldi“ sitzen sieht. Zum umgänglichen Simon entwickelt er Vertrauen. Im Raucherraum trifft er zudem zwei rustikale Gerüstbauer. Und auch zwei Frauen sind im Krankenhaus: Die tablettenabhängige Rentnerin Elfie und die sehr traurige Maren, eine schöne Frau, die Koks nimmt, darunter leidet, dass ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hat. Maren geht, sehr zum Leidwesen von Elfie, dann einfach und bricht die Therapie ab. Und am Ende ist da Thommy, der hyperaktive Thommy, ein Hufschmied für Reitpferde, der unglaublich viel Druck hat in seinem Beruf, „Sprit und Koks“ nimmt und nur schwer runterkommt.
Aufstand der Spaßverderber
„Entzug“ ist keine larmoyante Litanei, durchgehend eine brutale Beichte, die auch noch einen gesellschaftlichen Aspekt hat und einen der Blick darauf gibt, wie Alkohol und sein Konsum auch heute noch alltäglich sind. Das große Tabu. Peters erzählt, wie in dem niederrheinischen Bauerndorf Hülkendonck, da, wo er herkommt, der Schnaps an Sonntagen zur üblichen Routine gehört. Jeder macht mit, jeder trinkt mit. Zusammen trinken ist wie ein Schwur, wie die Erneuerung eines Bundes. Bernd in einer Selbsthilfegruppe berichtet Ähnliches von seinem Umfeld. Sich da als Außenseiter zu positionieren, ist kompliziert und kann durchaus zu familiären Turbulenzen führen. Peters erzählt von eben jenem Bernd, der mit seinen Eltern brach, weil sie dem Trinken nicht abschwören wollten, der Vater bezeichnet ihn gar als Spaßverderber und lehnt es ab, das Haus von Alkohol zu befreien, wenn der Sohn vorbeischaut.
Peters selbst hat immer getrunken. Bei den Pfadfindern, bei einer Interrail-Tour, im Internat, beim Zivildienst, im Studium in Karlsruhe, bei einem Job als Lagerarbeiter, später als Schriftsteller vor und nach Lesungen, während seiner „Vertreterexistenz“. Ein junger Neuzugang in der Klinik macht ihm mit einem Wort deutlich, wie tief Peters gelandet ist, und Peters schwört sich: nie mehr, nie mehr wieder. Und dann kommt „die Frau“ und sein Mädchen und holen ihn ab.
Lesezeichen
Christoph Peters: „Entzug“; Luchterhand, München; 400 Seiten; 24 Euro.