Interview
„Denken bedeutet, einen Freiraum zu betreten“: Gespräch über das Denkfest in Landau
Herr Montoto, was steckt hinter dem Begriff „Denkfest“? Ist es eine Feier des Denkens, der Gedankenfreiheit oder etwas anderes?
Robert Montoto: Der Begriff „Denkfest“ steht für die Idee, aus dem Denken ein Fest zu machen – ein Raum des Austauschs und des Diskurses zu schaffen. Es geht darum, sich mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen, vielleicht auch solche zu hören, die der eigenen Sichtweise widersprechen. Denken bedeutet für mich, einen Freiraum zu betreten, der Offenheit und Selbstbewusstsein erfordert, um andere Perspektiven zuzulassen und auszuhalten.
Warum ist es heute so schwierig, solche Diskurse zu führen?
Christian Schüle: Es ist tatsächlich paradox: Was früher selbstverständlich war – nämlich über kontroverse Themen zu diskutieren –, ist heute ein Balanceakt. Die Meinungsfreiheit steht zwar auf dem Papier, aber sie wird vor allem durch gesellschaftliche Einschüchterung und Polarisierung eingeschränkt. Der Diskursraum wird enger, und das betrifft sowohl die politische Rechte als auch die Linke. Unser Ziel beim Denkfest ist es, darauf zu beharren, dass Denken frei und offen bleibt. Das bedeutet auch, Positionen Raum zu geben, die nicht unbedingt populär sind, solange sie sich im Rahmen der Verfassung bewegen. Schließlich spielt Toleranz im eigentlichen Sinne eine große Rolle. Bedeutet tolerant zu sein doch, dass man Haltungen und Äußerungen wertschätzen und akzeptieren kann, gerade weil man sie nicht teilt.
Wie sieht das konkret aus? Gibt es Grenzen des Denkens oder des freien Austauschs?
Christian Schüle: Die Freiheit des Denkens endet dort, wo sie die Freiheit des Anderen einschränkt. Das heißt, Aufrufe zu Mord, Gewalt, Verfassungsfeindlichkeit oder Hetze sind klare Grenzen. Aber innerhalb dieser Grenzen muss es möglich sein, auch extreme oder unangenehme Positionen zu diskutieren. Wir setzen auf Formate, die genau das ermöglichen – etwa unser „Deep Dive“, bei dem wir in die Tiefe gehen, um Argumente wirklich zu verstehen, bevor wir sie bewerten.
Robert Montoto: Ich stimme dem zu. Es geht nicht darum, alle Standpunkte zu akzeptieren, sondern sie zunächst einmal zu hören und zu analysieren. Denken bedeutet für mich auch, die Möglichkeit einzuräumen, dass man selbst falsch liegen könnte. Nur so kann ein echter Diskurs entstehen.
Aber ist das in der heutigen Zeit nicht ein naiver Ansatz? Schließlich sind viele Diskussionen von Vorurteilen und Blasen geprägt.
Robert Montoto: Naiv mag es sein, aber im positiven Sinne. Wir wollen mit dem Denkfest einen Raum schaffen, der über die Schlagzeilen hinausgeht und echtes Nachdenken fördert. Das ist nicht leicht, und wir stoßen bereits in der Vorbereitung auf Widerstände. Aber wir sehen es als Versuch. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, respektvoll miteinander umzugehen und andere Meinungen auszuhalten.
Man muss beim Denken den Kompromiss immer mitdenken und vor allen Dingen auch die Gegenposition mitdenken. Das heißt, man kann sich nie nur auf die eigene Position beschränken, sondern muss die des anderen mit einkalkulieren, sonst ist ja ein Diskurs überhaupt nicht möglich. Oder, wie sehen Sie das?
Robert Montoto: Absolut. Und eben auch wie bereits gesagt unter der Voraussetzung, zu erwägen, dass man sich selber irren könnte. Also die eigene Position infrage zu stellen, Das ist doch auch genau das, was in der Kunst passieren sollte. Aber das passiert mir gerade viel zu selten, weil bestimmte Positionen als Common Sense gelten. Und gegen den darf nicht verstoßen werden.
Christian Schüle: Also ich würde das unterstreichen, was Du sagst, dass man sich selber immer irren kann. Das ist das Erste. Und das Zweite ist, auf die andere Person bezogen, dass der andere doch auch immer recht haben kann. Ich muss doch die Argumente erst mal anhören, bevor ich sie ablehne. Ich kann doch nicht von vornherein, nur weil mir die Person, der Sprecher nicht passt, seine Position ablehnen. Und auch wenn es oft schwerfällt: Wir sollten auf die Zuneigung der Bürger zueinander hinarbeiten.
Haben Sie denn wirklich die Hoffnung, dass die Menschen dazu noch bereit sind?
Robert Montoto: Wir hätten uns nicht die Mühe gemacht, wenn wir nicht dieses Fünkchen Hoffnung hätten. Ich bin überzeugt, dass wir mittelfristig als Gesellschaft verstehen werden, auch in Kunst und Kultur, dass der Weg, der gerade beschritten wird, nicht der Richtige ist. Wenn ich jetzt in den USA blicke, wenn ich in die Slowakei blicke, nach Ungarn blicke, aber auch in unser eigenes Land blicke, dann stimmt einen dass natürlich nachdenklich. Aber ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Ich glaube, die Stimmen, die jetzt im Denkfest hörbar werden, sind Beweis dafür, dass es noch ein paar Menschen gibt, die anders vorgehen wollen, anders denken. Ich glaube fest daran, dass es den Versuch wert ist. Ich kann auch nicht in die Zukunft blicken. Ich weiß nicht, was noch alles passiert in den nächsten Jahren. Aber ich lass mir meine Hoffnung nicht nehmen.
Welche Formate haben Sie dafür entwickelt?
Christian Schüle: Ein zentrales Format ist das „Kettengespräch“. Hier präsentieren vier Teilnehmerinnen und Teilnehmer nacheinander ihre Positionen, reagieren spontan aufeinander und entwickeln so einen Diskurs. Die Themen reichen von der Frage, ob wir in Deutschland unsere Freiheit bereits verloren haben, bis zu Vorschlägen, sie in Zukunft möglicherweise zurückzugewinnen.
Robert Montoto: Daneben gibt es die bereits erwähnten „Deep Dive“-Sessions, bei denen wir mit den Teilnehmern in die Tiefe gehen. Und im „Tête-à-Tête“ treten zwei Personen mit konträren Meinungen in einen direkten Dialog – ohne Moderation. Die Kunst spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Der Musiker Chris Jarrett wird beispielsweise mit seinen Beiträgen das Thema Freiheit auf künstlerische Weise beleuchten.
Wer sind die weiteren Gäste und Referenten?
Robert Montoto: Wir freuen uns, dass wir prominente Stimmen wie Meron Mendel, den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, und den Politikwissenschaftler und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad gewinnen konnten – beide setzen sich seit Jahren für die Freiheit des Denkens ein. Auch Susan Neiman, Leiterin des Einstein Forums, wird dabei sein, ebenso wie der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký, der über die Einschränkungen der Kunstfreiheit in seinem Land berichten wird.
Sie haben mit der Verlegerin und Kommunalpolitikerin Susanne Dagen ja auch eine Diskussionsteilnehmerin eingeladen, die Positionen der Neuen Rechten vertritt und deshalb umstritten ist. In Landau formierte sich vor allem an der Universität Widerstand. Wie gehen Sie damit um?
Christian Schüle/Robert Montoto: Das hat uns in den letzten Tagen intensiv beschäftigt, weil die Hinweise auf konkrete Aktionen vor Ort so deutlich wurden, dass wir sie nicht mehr ignorieren konnten. Wir haben deshalb nach intensiver Beratung entschieden, im Interesse der Gesamtveranstaltung und auch der Sicherheit für alle Beteiligten das Gespräch mit Susanne Dagen abzusagen. Das ist uns nicht leicht gefallen, weil es auf diesem Denkfest ja genau darum gehen soll: Die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit zu leben und eben auch umstrittene Positionen zu diskutieren. Das wird natürlich trotzdem stattfinden, und dabei werden wir jetzt auch unsere eigenen Erfahrungen mit den Möglichkeiten und Grenzen am Mittwoch zum Thema machen. Auf diese Debatte freuen wir uns und sind sicher, dass sie richtig spannend wird!
Denkfest in Landau
Das Kulturbüro der Metropolregion lädt unter dem Motto „Kampfzone Freiheit – Wer hat Angst vor Ambivalenz“ am 8. Oktober, 10 bis 18 Uhr, zum Denkfest im Alten Kaufhaus in Landau ein. Der Eintritt ist frei. Im Zentrum steht die Frage, wie frei unser Denken heutzutage ist und welche Herausforderungen eine offene Diskussionskultur in einer zunehmend polarisierten Welt bewältigen muss. Wir sprachen mit den Organisatoren des Denkfestes, Robert Montoto und Christian Schüle, über die Idee hinter der Veranstaltung, die Bedeutung von Meinungsfreiheit und die Formate, die ein tieferes Nachdenken fördern sollen. Anmeldung ist notwenig unter www.denkfest-rhein-neckar.de.