Corona-Hilfen RHEINPFALZ Plus Artikel „Das klingt alles noch vage“: Wie freie Schauspieler mit der Krise und angekündigten Hilfen umgehen

Ein Herzensprojekt, das wegen Corona auf Eis liegt: Michael Raphael Klein (rechts) und Manuel Klein 2019 bei der Kaiserslauterer
Ein Herzensprojekt, das wegen Corona auf Eis liegt: Michael Raphael Klein (rechts) und Manuel Klein 2019 bei der Kaiserslauterer Premiere von »Empfänger unbekannt«, ein Stück über eine in der NS-Zeit zerbrechende Freundschaft.

Hintergrund: Besonders hart von den Corona-Einschränkungen betroffen sind Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Festanstellung. Bisherige Hilfspakete schlossen sie aus. Das soll sich nun ändern, wenn es auch nur um maximal 7500 Euro geht. „Alles ist besser als nichts“, sagt dazu die Westpfälzerin Kirsten Schneider. Der Kaiserslauterer Michael Raphael Klein sieht die „Neustarthilfe“ als positives Signal für die lange vergessene Branche.

Kirsten Schneider klingt optimistisch beim RHEINPFALZ-Gespräch, das sie von München aus führt, wo sie seit 2012 lebt. „Jetzt auch noch schlechte Laune – das bringt ja nichts“, sagt die 28-Jährige, der im Frühjahr an einem Tag gleich beide Jobs weggebrochen sind. „Es war Freitag, der Dreizehnte“, weiß sie noch. Im März 2020. Im November fast das Gleiche. „Wir sollten am 13. Premiere haben, auch ein Freitag.“ Tags zuvor sei noch geprobt worden, dann das Aus.

Mit „Schneewittchen“ war sie im März auf Tournee. Dass sie einmal Schauspielerin werden will, habe sie schon in der Grundschule gewusst, sagt die in Kirchheimbolanden geborene und in Hochspeyer aufgewachsene Frau. Trotz Corona habe sie ihre Berufswahl keinen Moment bereut. Ballett mit sechs, aktiv beim Jungen Theater des Pfalztheaters Kaiserslautern, Musikerin und Sängerin in der Bigband des Gymnasiums am Rittersberg – da war der nächste Schritte für sie logisch: eine Musicalausbildung in München. Denn: „Musical umfasst alles, was ich gern mache.“ Dazu eine Tanzausbildung und Tanzpädagogik als zweites Standbein.

Seit drei Jahren unterrichtet Schneider Tanz an der München Film Akademie. Das geht nun nicht mehr. Die Absage aller Kurse traf ebenfalls am 13. März ein. Freiberuflich arbeitet sie meist, ob als Pädagogin oder als Musicaldarstellerin. Formal ist sie eine Soloselbstständige. Im Frühjahr stand sie daher ganz ohne Geld da, die Soforthilfe griff nicht. Bayern legte dann ein Hilfsprogramm für Künstler auf. Maximal 3000 Euro für drei Monate gab es. Für Schneider etwas weniger, da ihr einige Open-Air-Auftritte möglich waren.

Also musste sie im teuren München an ihr Erspartes gehen. „Das war natürlich nicht so gedacht“, sagt die 28-Jährige. Aber sie hadert nicht. Schließlich hatte sie auch Glück: Sie wurde vom Landestheater Niederbayern engagiert – einst Wirkstätte des früheren Pfalztheater-Intendanten Johannes Reitmeier. Und zwar mit einem Vertrag von Oktober bis diesen April, der ihr trotz Theaterschließung derzeit ein monatliches Gehalt sichert, wofür Schneider sehr dankbar ist. Sie hofft, das bereits erprobte Stück, eine Italopop-Revue, auch noch zeigen zu dürfen. „Wir wollen wieder, unbedingt.“ Spielen, meint sie.

Die angekündigte „Neustarthilfe“ (siehe Zusatzartikel), das erste Hilfsprogramm, das auch für Schauspieler ohne langfristige Anstellung gilt, hat sie schon studiert. „Das klingt für mich alles noch vage“, meint sie aber. Schwierig sei, dass sich die Hilfe auf die Zukunft bezieht, auf Einnahmeverluste bis Ende Juni 2021. Was heißt, dass sie einen vielleicht gewährten Vorschuss zurückzahlen muss, falls doch noch lukrative Jobs reinkommen. 7500 Euro soll es zudem höchstens für die erste Jahreshälfte geben. Zu wenig? „Alles ist besser als nichts“, sagt Schneider, die nicht auf staatliche Stellen schimpfen möchte. Schließlich sei sie es als Freiberuflerin gewohnt, mit Unwägbarkeiten umzugehen. Also bleibt sie lieber positiv und nutzt die Zeit, um sich selbst weiterzubilden und fit zu bleiben, für alles, was noch kommt an Engagements: „Ich vertraue in das, was ich kann.“

Warten aufs Drehen

Michael Raphael Klein wiederum, früher Ensemblemitglied am Pfalztheater und jetzt frei an Bühnen und fürs Fernsehen aktiv, liefert derzeit als Minijobber Teile einer Frästechnikfirma aus. Und sieht die ungewohnte Arbeit ebenfalls optimistisch auch ein wenig als Hintergrundrecherche für mögliche Rollen. Seit 2017 ist der stets überzeugende Schauspieler, der am Pfalztheater in Schillers „Kabale und Liebe“ oder Williams’ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ brillierte, in der humorvollen RTL-Serie „Sankt Maik“ zu erleben. Sie dreht sich um einen – gutherzigen – Dieb (Daniel Donskoy), der für den neuen Pfarrer gehalten wird, als er im fiktiven Ort Läuterberg untertauchen will. Klein spielt den Ex-Verlobten der Chorleiterin, in die sich Maik verguckt.

Der Dreh der dritten und letzten Staffel – der Ausstrahlungstermin ist noch unbekannt – begann Ende Februar 2020. „Ich hatte mich sehr gefreut loszulegen“, sagt Klein, der für das Finale von „Sankt Maik“ eine Anfrage des ZDF für einen Rosamunde-Pilcher-Stoff ausschlagen musste: Für den Mainzer Sender hatte er zuvor bereits in „Inga-Lindström“-Filmen der Reihe „Herzkino“ vor der Kamera gestanden und bei den Zuschauer(inne)n punkten können.

Doch mit „Sankt Maik“ war für Klein wegen Corona gleich nach dem ersten Drehtag Schluss. „Dann begann das große Harren.“ Sein Vertrag über zunächst fünf Drehtage sollte ihn für einige Monate finanziell über Wasser halten, sagt der Mann, der es gewohnt ist, von der Hand in den Mund zu leben. Schließlich hat er bewusst das freie Arbeiten gewählt, um sich nicht zu wiederholen, „überall mal meine Finger reinzustecken“ und sich zu entwickeln. „Wenn du Schauspieler wirst, machst du das ja nicht, um Geld zu verdienen, sondern, weil du große Lust hast, genau das zu tun. Und manchmal kommt dann eine Lottofee vorbei und schenkt dir ein paar Drehtage.“ Als Letztere entpuppte sich die Casting-Direktorin, die ihn zum „Sankt Maik“-Vorsprechen lud, nachdem sie ihn bei den Burgfestspielen Bad Vilbel sah. „So ging ein kleiner Spalt in die Fernsehlandschaft auf.“

Vergangenes Frühjahr aber blieb es bei dem einem Drehtag, nur dieser wurde bezahlt. Klein ist kein Soloselbstständiger, sondern während der Drehtage „kurz befristet“ beschäftigt. Und diese lägen oft nicht am Stück, erläutert er. Je nach Motiv gebe es auch mal einige Wochen Pause. Eine Zeit, in der andere Aufträge tabu sind, da man vertraglich meist verpflichtet sei, kurzfristig einspringen zu können.

Auch daher war es schwierig für den 39-Jährigen, sein aktuelles Herzensprojekt voranzutreiben: mit dem Zweipersonen-Stück „Empfänger unbekannt“ aufzutreten. Das Stück basiert auf – echten – Briefen zweier Freunde, deren Leben sich in den 1930ern komplett voneinander weg entwickelte: der eine bald verfolgter Jude, der andere bald glühender Nazi. Mit seinem früheren Pfalztheater-Kollegen Manuel Klein und Pfalztheater-Schauspielerin Hannelore Bähr, die die Idee hatte und Regie führt, hat Michael Klein das intensive Drama schon quer durch die Pfalz, in Gedenkstätten wie dem ehemaligen KZ Hinzert oder in einer Synagoge aufgeführt. Das Interesse sei groß gewesen, gerade Kulturvereine hätten Termine angefragt. Aber spielen konnten Klein und Klein „Empfänger unbekannt“, bei dem sie auch im Publikum agieren, seit dem Corona-Ausbruch nicht mehr.

Im August immerhin hatte das Harren auf die „Sankt Maik“-Fortsetzung ein Ende, der Wahl-Kaiserslauterer konnte – mit Abstand und Masken beim Proben – weiterspielen. Neun Drehtage sprangen insgesamt heraus. Zum Leben reicht das allein nicht. Klein hat wie Schneider Hilfsprogramme gewälzt, alle bundesweiten schließen ihn bisher aus. Auch er ging daher erst an das beiseite gelegte Geld aus den ZDF-Drehs – auch bei einer Folge „SOKO München“ spielte er mit – und der RTL-Rolle. „Das hat nun diese Krise gefressen.“

Mehr Miteinander schaffen

Gefreut hat er sich daher über zwei ihm gewährte Künstler-Arbeitsstipendien des Landes aus dem Programm „Im Fokus“. Mit 2000 Euro Unterstützung hat er Marketing-Material für „Empfänger unbekannt“ erstellt, um damit wieder touren zu können. Die zweite Summe aus Mainz fließt in ein Bewerbungsvideo, um sich als Sprecher etablieren zu können. Die passende Ausbildung hat er bereits: Der 39-Jährige will vor allem wieder in seinem Beruf arbeiten, nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sein.

Die angekündigte „Neustarthilfe“ für Schauspieler sieht er dennoch als ein gutes Signal. Schließlich habe man in der Krise lange vergessen, die Kulturbranche zu unterstützen. Dabei sei Kultur doch gerade in diesen Zeiten so wichtig, vor allem die kulturelle Bildung und Erinnerungskultur, spielt er auf engagierte gesellschaftspolitische Stücke wie „Empfänger unbekannt“ an. „Man kann Menschen an die Hand nehmen, ihnen Halt geben.“ Eine Funktion, die früher den Kirchen zufiel. So sieht er seine Theaterarbeit auch als pädagogische Aufgabe, um das Miteinander zu stärken. „Damit der Nächste einem nicht egal ist.“

Hintergrund zu den Corona-Hilfen: Extrafall freiberufliche Schauspieler

Im Dschungel der Hilfen für Berufstätige, die durch die Pandemie-Regeln ihre Arbeit nicht oder nur eingeschränkt ausüben können, finden sich selbst Experten nur schwer zurecht.

Nach den „Soforthilfen“ von Frühjahr 2020, in die sogenannte Soloselbstständige aus der Kulturbranche nicht einbezogen worden waren, gab es ab Juni zwei „Überbrückungshilfen“ des Bundesfinanzministeriums, die auch für Soloselbstständige galten. Es folgten die November- und Dezemberhilfen. Die meisten Schauspieler aber sind von diesen Hilfen ausgeschlossen: Sie sind oft keine Soloselbstständigen, sondern „kurz befristet Beschäftigte“, da sie Projektverträge haben, etwa für Gastrollen an Theatern oder für TV-Rollen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) sind zwei Drittel bis drei Viertel der rund 15.000 bis 20.000 Schauspieler in Deutschland auf diese Art beschäftigt.

Nun führt das Bundeswirtschaftsministerium mit der Überbrückungshilfe III auch eine „Neustarthilfe“ ein, die auch für „unständig Beschäftigte“ gelten soll. Der Begriff bezieht sich rechtlich auf eine Beschäftigung unter einer Woche, soll laut Ministerium aber auch Schauspieler meinen, die „kurz befristet“ beschäftigt sind, also über einige Wochen oder Monate. Explizit ist hier vom Schauspielberuf die Rede.

Die Hilfe, die bereits jetzt im Februar beantragt werden können soll, sieht so aus: Freie Schauspieler können nun – wie Soloselbstständige – eine Pauschale von einmalig maximal 7500 Euro beantragen. Diese heißt „Betriebskostenpauschale“, meint aber generell einen Zuschuss auf Basis der Jahreseinkünfte 2019. Voraussetzung ist, dass über 51 Prozent des Einkommens aus der selbstständigen Tätigkeit oder jener als „unständig Beschäftigte(r)“ stammen. Die Pauschale soll 50 Prozent des Referenzumsatzes betragen und wird auf sechs Monate hochgerechnet. Das Geld wird als Vorschuss ausgezahlt und nicht auf Leistungen der Grundsicherung (Hartz IV) angerechnet. Ein Haken: Wer den Antrag stellt, muss von Januar bis Juni 2021 mindestens 60 Prozent weniger Einnahmen haben als im Referenzzeitraum 2019. Da gilt es also, in die ungewisse Zukunft hinein Schätzungen abzugeben und einzukalkulieren, Geld auch zurückzahlen zu müssen.

Für Schauspieler, Soloselbstständige und Angehörige Freier Berufe lohnt es zudem, die Details zu den November- und Dezemberhilfen zu lesen. Sie können bis April beantragt werden. Hier erwähnt ist etwa als Beispiel ein Musiker, dem ein selbst veranstaltetes Konzert weggefallen ist. Infos unter: www.bundesfinanzministerium.de.

Spielt abseits von Corona meist in Musicals und unterrichtet Tanz: Kirsten Schneider.
Spielt abseits von Corona meist in Musicals und unterrichtet Tanz: Kirsten Schneider.
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