Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Das fast verschwundene Zwangsarbeiterlager

Zwangsarbeiter in Ludwigshafen, die wahrscheinlich auch über das Dulag-Pirmasens in die Pfalz kamen.
Zwangsarbeiter in Ludwigshafen, die wahrscheinlich auch über das Dulag-Pirmasens in die Pfalz kamen.

Fast nichts erinnert mehr an das wohl landesweit größte Zwangsarbeiterlager Biebermühle im Tal unterhalb des Steinenschlosses. Tausende Fremdarbeiter waren hier während des Krieges untergebracht, viele kamen bei einem Bombenangriff ums Leben. Andere verhungerten. Zeitzeugen berichteten von Kannibalismus unter den Lagerinsassen. Ohne die Tagebücher eines Bahnmitarbeiters wäre das „Dulag-Pirmasens“ vergessen.

Der Bahnhof Pirmasens-Nord, auch Biebermühle genannt, war einer der Hauptumschlagsplätze für Material im Krieg, auch viele Menschen kamen dort an. Hier wurde das Durchgangslager-Pirmasens (Dulag) des Arbeitsamtes angesiedelt, das gewaltige Ausmaße hatte, wie auf einem Luftbild der US-Streitkräfte aus dem Jahr 1944 zu sehen ist. Rund 50 Baracken sowie weitere Hallen standen auf dem Gelände, das in etwa der Fläche entspricht, die heute von den Pfalzwerken und Pfalzgas für ihren Standort Biebermühle genutzt wird.

Laut dem Katalog des Internationalen Suchdienstes Arolsen lebten in dem Lager 4060 Menschen, womit Biebermühle das größte Lager in Rheinland-Pfalz gewesen sein muss. Das Zwangsarbeiterlager der IG-Farben in Ludwigshafen war nur halb so groß. In Kaiserslautern und Landau gab es noch Lager mit je rund 3000 Insassen.

Genau genommen waren es drei Lager im Bereich Biebermühle. Das eigentliche Dulag-Pirmasens als größtes und daneben noch ein kleineres Lager mit Arbeitern für die Reichsbahn sowie ein Kriegsgefangenenlager direkt am Bahnhof für die Rheinischen Lederwerke. Die Zustände in allen drei Lagern müssen gegen Ende des Krieges schrecklich gewesen sein.

Am schlimmsten soll es den Insassen des Dulag ergangen sein, wie der Bahnmitarbeiter Robert V. Müller in seinen Erinnerungen anhand seiner Tagebucheinträge schildert. Die Insassen des Bahnlagers seien noch vergleichsweise gut verpflegt worden, durften sich auch selbst kochen, genauso wie die Kriegsgefangenen, die zeitweise einen eigenen französischen Koch hatten, der für eine gute Verpflegung sorgte. Dafür standen sie unter direktem Beschuss, wenn Jagdbomber die Ausbesserungen der Bahnanlagen unterbinden wollten.

NS-Lagerführer missbraucht jugendliche Zwangsarbeiter

Das von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) für das Arbeitsamt betriebene Durchgangslager diente als Ankunftsort der osteuropäischen Fremdarbeiter, die von dort aus über die ganze Pfalz und Elsass-Lothringen verteilt wurden. Bauern und Betriebe aus der Umgebung konnten sich im Dulag mit Arbeitskräften eindecken. Während andere Zwangsarbeiterlager nur mit einem Maschendrahtzaun gesichert waren, mussten die Dulag-Insassen hinter einem doppelten Stacheldrahtzaun von drei Metern Höhe leben. Innerhalb des Geländes sollen sie sich frei bewegt haben können, waren aber den Schikanen und Launen der Aufseher und Lagerführer ausgesetzt.

Über diese konnte der Bahnmitarbeiter Müller nichts Gutes berichten. „Die Lagerführer oder Lageraufseher waren linientreue NS-Männer. Sie waren alte Kämpfer, das heißt alte Parteigenossen, der SA oder SS angehörend, und wurden nach einer Kurzausbildung durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und Gestapo auf die russischen Arbeitskräfte losgelassen“, ist in seinen im Pirmasenser Stadtarchiv aufbewahrten Tagebuchaufzeichnungen zu lesen. „Arbeitsscheu und unlautere Absichten dürften im wesentlichen mitgespielt haben, Lagerführer zu werden. Wichtig und ausschlaggebend war die parteipolitische Zuverlässigkeit. Zuweilen bereitete mir der Lagerführer mehr Ärger und Sorgen als alle russische Lagerinsassen zusammen“, schreibt Müller weiter und berichtet gar von sexuellen Übergriffen gegen männliche, jugendliche Lagerinsassen durch einen Lagerführer.

In Biebermühle müssen sich im Laufe der Kriegsjahre Menschen aus allen möglichen von deutschen Truppen besetzten Ländern eingefunden haben. Im Bahnarbeiterlager waren es zunächst Tschechen, Serben, Ungarn oder Kroaten, dann französische Kriegsgefangene, später polnische Jugendliche und auch italienische Kriegsgefangene. Ab 1943 trafen fast ausschließlich sogenannte Ostarbeiter in Biebermühle ein, meist Ukrainer neben Polen, Belarussen, Russen oder Litauern, wie einer Transportliste im Pirmasenser Stadtarchiv zu entnehmen ist. Sie verzeichnet 50 Ankömmlinge, die am 8. Januar 1944 nach Neustadt weitertransportiert werden sollten. Landarbeiter, Tischler, Buchhalter, Schuster, Fotografen, Schreiner und ein „Ruderer“ waren die Berufe der meist 30- bis 50-jährigen Männer auf der Liste.

Kommandos entführten ganze Familien in die Pfalz

In die Südwestpfalz kamen die „Ostarbeiter“ über Anwerbekommandos, die in ihrer fernen Heimat die eher unfreiwilligen Helfer für die Arbeit in Deutschland rekrutierten. Russen berichteten in Biebermühle, dass ihnen von den Deutschen viele schöne Sachen in Aussicht gestellt worden seien. Guter Lohn, ausreichend Essen, bessere Kleidung und sogar Kino und viel Freizeit sei ihnen versprochen worden. Und wer sich besonders bewähre, habe gar ein eigenes Häuschen mit Garten als Belohnung zugesichert bekommen. Die Russen hätten zuerst dankend abgelehnt. Dann habe es aber einen Anschlag auf die Deutschen gegeben, mehrere Zivilisten wurden hingerichtet, und anschließend hätten sich sehr viele „freiwillig“ für die Arbeit verpflichtet.

Andere Lagerinsassen berichteten, dass sie ihre Dörfer für eine Erledigung in der Stadt verlassen hätten und dort von Kommandos mit Gewalt in den nächsten Zug verfrachtet worden seien, ohne ihren Angehörigen sagen zu können, wohin sie verschwanden. Oft wurden ganze Familien verschleppt. Der Transport erfolgte in Viehwaggons. Die Zustände im Lager müssen gegen Ende des Krieges fürchterlich gewesen sein.

Der Dahner Heimatforscher Otmar Weber konnte Zeitzeugen in Donsieders und Rodalben finden, die von total ausgehungerten Gefangenen berichteten, denen von Leuten aus den Dörfern verbotenerweise Essen zugesteckt worden sei, wenn die Gefangenen durch das Dorf zur Arbeit getrieben wurden. In den Dörfern wurde gar gemunkelt, dass es zu Fällen von Kannibalismus im Lager gekommen sein soll. Offiziell sollen die Gefangenen täglich 200 Gramm Brot und eine dünne Suppe erhalten haben.

Die Deutsche Arbeitsfront erhielt schließlich vom Arbeitsamt pro Tag und Arbeiter eine Reichsmark für die Verpflegung, wie einem im Speyerer Landesarchiv zu findenden Vertrag dokumentiert ist. Für den Schlafplatz gab es übrigens 50 Pfennige pro Monat. Zum Hunger kamen die phasenweise fast permanenten Angriffe mit Jagdbombern, die den Bahnverkehr an dem wichtigen Knotenpunkt unterbinden wollten.

Bahnmitarbeiter Müller berichtet, dass sobald die Wolkendecke sich öffnete, die ersten Flieger zu sehen waren, die auf alles schossen, was sich bewegte und ihre Bomben abwarfen. Die deutschen Bahnarbeiter flüchteten in einen Bergbunker.

Viele Tote nach alliiertem Bombenangriff auf das Dulag

Die Bomben trafen nicht immer Bahnanlagen. Am 2. Januar 1945 wurde ein regelrechter Bombenteppich auf das Dulag abgeworfen. Hunderte russischer Gefangener seien zu dem Zeitpunkt in Sechserreihen angetreten, um an den Rhein weitertransportiert zu werden. „Es gab zig Tote, überall lagen Leiber und Körperteile“, erinnert sich Müller an den schrecklichen Tag. Das Ausmaß der Zerstörung hat die US-Luftwaffe fein säuberlich mit Luftbildern dokumentiert. Von den Baracken des Dulag blieben weniger als ein Dutzend heil. Das Lagergelände war von Bombenkratern übersät. Weitere Opfer gab es im Januar 1945 durch einen Sabotageakt, bei dem ein in einem Tunnel geparkter Munitionszug in den Bahnhof zurückrollte, wo er ein leichtes Ziel für die Jagdbomber war. Der Krater durch die explodierende Munition soll 60 Meter groß gewesen sein, berichtet Müller.

„Russendoktor“ behandelt auch deutsche Kranke

Für die medizinische Versorgung hatte das Arbeitsamt in Waldfischbach ein Krankenlager eingerichtet. Acht Baracken waren in der Nähe der katholischen Kirche aufgebaut worden. Im Krankenlager arbeitete unter anderem ein russischer Chirurg, der so gut gewesen sein soll, dass auch viele Deutsche sich von ihm behandeln ließen. Den Mangel an Medikamenten glich der „Russendoktor“ mit selbst gesammelten Kräutern aus. Russische Truppen sollen den Mann später erschossen haben, wegen Kollaboration mit den Deutschen.

Weder unter den Insassen des Bahnarbeiterlagers noch denen des Dulag war die Bereitschaft groß, wieder in die Heimat zurückzukehren. Nach dem Einmarsch der US-Amerikaner verschwanden die Ostarbeiter alle, versteckten sich in den Wäldern rund um Johanniskreuz. Wenige Tage später seien viele wieder zurückgekommen, berichtet der Bahnmitarbeiter. Es seien sogar noch mehr als zuvor gewesen. Robert Müller hatte keine Angst vor seinen inzwischen freien Arbeitern. „Chef gut“, hätten ihm die Arbeiter bescheinigt und ihm sogar Fleisch, Wein und Tabak angeboten. Mangelwaren, die sie in der Umgebung „organisiert“ hätten. Mehrere Tage lang hätten die früheren Insassen wieder in ihrem Lager gelebt. Dann folgte der Abtransport in Richtung Heimat.

Auf dem Gelände der früheren Lager ist so gut wie nichts mehr zu finden, was an die Vergangenheit erinnern würde. Zwei betonierte Bodenplatten am Rand des Pfalzwerke-Geländes dürften aus der Lagerzeit stammen und das Bombardement sowie die späteren Umbauarbeiten überdauert haben. Im Wald neben dem Gelände liegen Apparaturen, die für die Stromversorgung des Lagers gedient haben könnten, sowie mehrere recht verrostete Eimer. Auf dem Friedhof in Donsieders sind noch Gräber polnischer Lagerinsassen zu finden. Ein Friedhof des Lagers wurde gleich nach dem Krieg nach Mainz-Mombach verlegt. 502 Leichen wurden damals aus Einzelgräbern und zwei Massengräbern umgebettet. Eine lange Reihe von Särgen war es. Ohne den Bericht von Robert Müller und die Recherchen Otmar Webers würde nichts mehr an Gregor, Iwan, Anton, Josef, Wladimir, Peter oder Michael erinnern. Ihre Namen standen auf der Transportliste für Neustadt.

Die Kreisverwaltung Südwestpfalz arbeitet an einer Überplanung des gesamten Areals inklusive des Bahnhofs. Dabei sei, so Kreisverwaltungssprecher Thorsten Höh, auch an eine Dokumentation im öffentlichen Bereich des noch umzugestaltenden Bahnhofs gedacht, die über die historische Entwicklung von Bahnhof und Lagergelände informiert.

Quellen

  • „Kleine Denkwürdigkeiten aus dem Berufsleben eines Bahnmeisters“, Robert V. Müller (nur Manuskript).
  • „Catalogue of Camps and Prisons in Germany an German-Occupied Territories“, International Tracing Service, Arolsen, 1949.
  • Landesarchiv Speyer.
  • Hedwig Brüchert, Michael Matheus: „Zwangsarbeit in Rheinland-Pfalz während des Zweiten Weltkrieges“, 2004.
Das Gelände des Lagers gehört heute den Pfalzwerken und Pfalzgas. Es sind fast keine Spuren des Lagers mehr zu sehen.
Das Gelände des Lagers gehört heute den Pfalzwerken und Pfalzgas. Es sind fast keine Spuren des Lagers mehr zu sehen.
Die letzten Gräber von polnischen Zwangsarbeitern sind heute noch auf dem Friedhof im benachbarten Donsieders zu finden.
Die letzten Gräber von polnischen Zwangsarbeitern sind heute noch auf dem Friedhof im benachbarten Donsieders zu finden.
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