Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Das DRK-Gebäude in Kaiserslautern: Ist das Geschichte oder kann das weg?

Die „Sanitätskolonne“, architektonisch wie historisch von Bedeutung, sagen die Abriss-Gegner.
Die »Sanitätskolonne«, architektonisch wie historisch von Bedeutung, sagen die Abriss-Gegner.

Die in die Jahre gekommenen Gebäude des Deutschen Roten Kreuzes in der Kaiserslauterer Augustastraße sollen Neubauten weichen. Unter Denkmalschutz stehen sie nicht. Ein Versäumnis, meint der Architekturhistoriker Matthias Schirren. Denn geplant hat sie einst Hermann Hussong, dessen Bauten aus den 1920ern bis heute das Stadtbild prägen. Kurz vor dem Abriss erheben sich Stimmen dagegen.

Es muss Anfang der 2010er Jahre gewesen sein, als mir die Kaiserslauterer Rotkreuzgebäude an der Ecke Augusta-/Friedrichstraße zum ersten Mal ins Auge fielen. Ich passierte sie damals täglich auf dem Weg zur Universität. Der markante Feuerwehrschlauchturm der Erweiterung von 1927 sticht besonders hervor. Aus dunkelfarbigem Klinker errichtet, bildet er einen Kontrast zu den übrigen Bauten. Der Materialkontrast unterstreicht die Bedeutung des Turmes in der Gesamtkomposition der Baukörper: Oberbaurat Hermann Hussong (1882-1960), damals auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit, hat die aufragende Vertikale zur kubischen, um nicht zu sagen, neusachlich-kubistischen Betonung jener nordöstlichen Grundstücksecke eingesetzt, an der das Gebäude architektonisch mit der Barbarossaschule (heute Lina-Pfaff-Schule) schräg gegenüber kommuniziert. Deren roter Sandsteinbau entspricht der Monumentalität des Späthistorismus. Ihr Bezugspunkt: das salisch-staufische Mittelalter, genauer gesagt die Dome von Mainz, Worms und Speyer. Von dieser älteren Material- und Formensprache haben sich die DRK-Gebäude von Beginn an abgesetzt.

Christliches Symbol Pelikan

Schon der Ursprungsgebäude von 1912, das Hussong als seinen ersten selbstständigen Monumentalbau in der Stadt hatte errichten lassen, war zurückhaltender gestaltet als die „Schulburg“. Ein Putzbau. Die Fenster- und Türumrahmungen sind zwar in Sandstein gehalten. Und die Türgewände zeigen sogar noch bildhauerischen Schmuck: als Sinnbild christlicher Aufopferung den mythischen Pelikan, der seine Jungen mit dem eigenen Blut ernährt. Gleichwohl sind alle Elemente einem eben nicht architektonisch auftrumpfenden Gesamteindruck untergeordnet.

Nur der auf kräftigen Konsolen ruhende Balkon des ersten Stockes, über dem der erkerartig in den Straßenraum vorspringende Uhrenturm aufsteigt, ist ein letztes Rudiment traditioneller Monumentalität. Der Sockel des Ursprungsbaus reicht bis unter die Außenfensterbänke der Erdgeschossfenster. Doch fehlt ihm alles Abstandheischende, Abweisende, Heraushebende. Vielmehr scheint er den Bau zusätzlich gründen, am Straßenrand verorten zu wollen.

Diese Sockelform sollte zu einer Art Erkennungsmerkmal mehrerer von Hussong später in Kaiserslautern errichteter Bauten werden. Der Architekt hatte sie als urbanes Detail aus den Sockelzonen oberitalienischer Palazzi entwickelt und kannte wohl auch die modern-hygienischen Fliesungen der Gebäudeoberflächen des Architekten Otto Wagner in Wien.

Weichen vor dem Weltkrieg

Als Bauherr für das kurzfristig notwendig gewordene Gebäude des Ursprungsbaus der Sanitätskolonne war 1911 eine flugs gebildete Interessengemeinschaft aus Stadt und jener „Rotkreuzkolonne“ eingesprungen, die sich seit den 1870er-Jahren aus der korporierten Turnerschaft in Kaiserslautern entwickelt und verselbstständigt hatte. Sie fühlte sich den Ideen Henry Dunants, des Rotkreuz-Begründers, zugetan und war gleichzeitig paramilitärisch „vaterländisch“ im Sinne des Kaiserreiches orientiert.

Die freiwilligen Sanitäter, die neben der Versorgung Verletzter in der Stadt auch Aufgaben wie den Waldbrandschutz übernahmen, unterstanden einem professionellen „Kolonnenführer“ namens Stein, dessen Verdienste um die Errichtung des Neubaus in der zeitgenössischen Presse immer wieder hervorgehoben werden. Er gehörte auch zu denen, die nach der Fertigstellung im Gebäude selbst eine Wohnung bezogen.

Für die Stadt selbst handelte Hans Küfner, der erste hauptamtliche Bürgermeister, den Kaiserslautern im Laufe seiner Geschichte überhaupt hatte: ein versierter Jurist, der es später, in den 1920er-Jahren, zum Bürgermeister und Kulturbeauftragen der Landeshauptstadt München bringen sollte. Vor dem Ersten Weltkrieg war mit Küfner ein wirtschaftlicher und architektonischer Aufschwung Kaiserslauterns verbunden. Beides sah er nicht als Gegensätze, sondern als sich gegenseitig bedingende Voraussetzungen. Und er behielt Recht. Gerade auch in den wirtschaftlich prekären, von Krieg, französischer Besatzung und Separatistenaufständen geprägten Zeiten, die für Kaiserslautern kommen sollten, erwiesen sich Küfners Vorkriegsweichenstellungen als weitsichtig und richtig.

Zu Küfners folgenreichsten Amtshandlungen gehörte der Ausbau der städtischen Bauabteilung. Dem alternden Eugen Bindewald, Verfasser eines ersten Erweiterungsplanes der Stadt, wurde 1909 der junge Hermann Hussong an die Seite gestellt. Der hatte in München studiert und brachte die Ideen der fortschrittlichen Werkbundbewegung nach Kaiserslautern, aus denen anderswo, in Weimar, und unter der Führung anderer Protagonisten, ab 1919 das Bauhaus entstehen sollte.

Hussong sollte in den 1920ern zahlreiche Siedlungen in Kaiserslautern realisieren, die meisten von ihnen in Zusammenarbeit mit der gleich nach 1918 gegründeten Gemeinnützigen Bau AG und deren Spiritus Rector, Eugen Rhein. Die formal spektakulärste dieser Siedlungen ist jene, einem Schlossbau nachempfundene Wohnanlage in der Fischerstraße, die zwischen 1921 und 1923 für Offiziere der französischen Besatzungsmacht gedacht war, von Reparationsgeldern des Deutschen Reiches finanziert.

Als dann aber die Franzosen nach den Separatistenaufständen nicht mehr einziehen wollten, wurden die Wohnungen den Beständen der Bau AG zugeschlagen.

DRK-Ehrenmitglied Hussong

Das Kolonnenhaus von 1912 stellt die Verbindung zu Hussongs Anfängen in Kaiserslautern her. Den Entwurf verfasste er – sicher unter dem Einfluss Küfners – als Privatmann und unentgeltlich, weshalb er noch in einer Festschrift des Jahres 1930 als Ehrenmitglied des Roten Kreuzes geführt wird.

Nicht nur die Kommune auch das Rote Kreuz in Kaiserslautern verdanken dem Architekten also viel. Der allerdings, wurde gleich nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt – von einer Allianz eifersüchtiger Kollegen und einer Grundbesitzerlobby, die mit der Weimarer Verfassung ihren Einfluss auf die Baupolitik der Stadt eingebüßt hatte und nun wieder Morgenluft witterte. Selbst die Nazijustiz stufte schließlich jedoch alle gegen Hussong erhobenen Vorwürfe als unzutreffend ein. In sein altes Amt kehrte er dennoch nicht zurück. Bis heute haben Städtebau und Architektur die Bedeutung, die sie unter Hussong in der Stadt hatten, nicht mehr zurückerlangt.

Dass Hussong 1912 für den Bau des Kolonnengebäudes einen Putzbau vorschlug, war nicht nur eine Frage des Budgets. Münchens Stadtbaurat Theodor Fischer hatte in den 1890er-Jahren ein biedermeierlich einfaches Erscheinungsbild der Architektur wiederbelebt. Im Falle des Kolonnengebäudes dürfte die Wohnnutzung ein Übriges bewirkt haben. Nur im Erdgeschoss befanden sich die halböffentliche Sanitätswache und Verbandsräume. Sie wurden über eine zentrale Treppe in die große, rundbogig überfangene Tordurchfahrt zum Hof erschlossen. Der kleinere Hauseingang blieb den Wohnungen in den oberen Stockwerken vorbehalten, deren Fenster – anders als die des Erdgeschosses – mit Läden versehen waren. Im Hof befand sich als Anbau eine Unterstellmöglichkeit für die Fahrzeuge der Kolonne, die schon seit 1907 motorgetrieben waren.

Historischer Missbrauch

Diese Wagenhalle wurde bei den Erweiterungsplanungen Mitte der 1920er-Jahre mit einem modernen Übungssaal „mit Projektionsbühne“ überbaut, dessen Eröffnung die Pfälzische Presse im Mai 1927 ebenso feierte wie eine zusätzliche Wagenhalle an der Friedrichstraße, von wo aus bis heute Sanitätsfahrzeuge ausrücken. Sie dienten zeitgenössisch dem städtischen Fuhrpark und der Feuerwehr gleichermaßen. Gedankt wurde 1927 in der Presse wiederum Hussong. Er errichtete damals auch die beiden den Ursprungsbau von 1912 flankierenden Bauten mit weiteren Wohnungen für Feuerwehrangehörige und Rotkreuzaktivisten.

Viele Details kann man bis heute an den seit einiger Zeit und zur Überraschung vieler zum Abriss freigegebenen Bauten ablesen, die nun Neubauten weichen sollen. Sollte das ein Grund sein, nun doch den Erhalt der Altbauten zu betreiben? Nachdem alle Messen gelesen scheinen und ein Bebauungsplan seit 2016 verabschiedet ist? Ein Anruf bei der Unteren Denkmalbehörde folgte 2015 nach der Feststellung, dass der Bau in keiner der einschlägigen Listen geführt wurde. War es überhaupt ein Hussong? Ein Beleg sei nicht vorhanden.

Ein Satz von historischen Plankopien allerdings, 2012 einem Kollegen im Fachbereich Architektur der TU Kaiserslautern zur Verfügung gestellt, damit Studierende eine Überbauung des Geländes unter der Themenstellung „Altersgerechtes Wohnen“ planen könnten, trägt deutlich erkennbar die Zeichnung Hermann Hussongs. Und in der dem Roten Kreuz damals vorgelegten Ausschreibung der Semesteraufgabe waren die Bauten ganz selbstverständlich Hussong zugeordnet worden. Aus Sicht des Architektur-Historikers, aber auch, wenn man nur ihre städtebauliche Qualität, ihre ordnende Funktion im Gefüge der Stadt ins Auge fasste, müssten diese Gebäude erhalten werden, selbst wenn sie nicht von Hussong persönlich entworfen wären. Ihre architektonische Qualität steht außer Frage.

Hinzu kommt eine neue historische Bedeutung, die den Bau mit Umsiedlungsaktionen und Vertreibung von Bevölkerungsgruppen in der Region verbindet. Sie begannen nämlich nicht erst in der NS-Zeit, wenngleich die damals durchgeführten die schlimmsten waren. Schon die von der französischen Besatzungsmacht in den frühen 1920er-Jahren handstreichartig verfügte Ausweisung größerer Bevölkerungsgruppen – unter anderem Angestellte der Reichsbahn und ihre Familien – wurde über das Rote Kreuz und das Kaiserslauterer Kolonnenhaus organisiert. Die Festschrift von 1930 schildert es ausführlich. Die Ausweisungen, so kann man es aus heutiger Perspektive wohl sehen, waren die organisatorischen Vorbilder jener Judendeportation ins Dachauer Konzentrationslager, die 1938 wiederum über das Haus der Sanitätskolonne abgewickelt wurde.

Die jüngste Diskussion

Und jetzt? Alles abreißen? Und die geplanten Neubauten „schmücken“ durch „Spolien“ des Altbaus, vielleicht sogar mit dem Bild des sich aufopfernden Pelikans? Oder mit dem Wappen des Roten Kreuzes aus Torbogenschlussstein des Ursprungsbaus von 1912?

Spolien waren im alten Rom ursprünglich Raubkunst, Zeichen der Machtusurpation, des Besitzergreifens. Wären bloße Spolien im vorliegenden Falle angemessen? Oder haben wir den Mut zur Authentizität und erhalten wir diese Altbauten? Sie haben viel mit unserer Geschichte und der Geschichte dieser Stadt zu tun. Im Guten wie im Bösen. Gerade in dieser Mischung liegt ihre Herausforderung. Noch wirken die Bauten in ihrer unmittelbaren Präsenz. Sie ist nicht Hindernis, sondern Potenzial.

Der Autor

Professor Dr. Matthias Schirren lehrt Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Kaiserslautern. Er hat Architekturausstellungen kuratiert und zahlreiche Publikationen zu Kunst, Architektur und Städtebau des 19. bis 21. Jahrhunderts verfasst. Und er gehört zu jenen Kaiserslauterer Bürgern, die sich jetzt für einen Erhalt der Gebäude stark machen.

Kleine Chronik der Ereignisse

1912 Der 1909 als Stadtbaumeister nach Kaiserslautern berufene Architekt Hermann Hussong plant den Neubau für die „Sanitätskolonne“ der Stadt. Die vorliegenden Pläne tragen seine Zeichnung.

1927 Das Rot-Kreuz-Gebäude wird erweitert um eine Feuerwache. Es entsteht der markante Feuerwehrschlauchturm.

1996 In die im Auftrag der Landesdenkmalpflege erstellte Liste aller Denkmäler in Kaiserslautern wird die Sanitätskolonne im Gegensatz zu anderen Hussong-Bauten nicht aufgenommen.

2016 Die DRK-Gebäude entsprechen in vielen Belangen nicht mehr modernen Anforderungen. Am 5. Dezember beschließt der Kaiserslauterer Stadtrat die Änderung des Bebauungsplans für das DRK-Gelände. Abbruch und Neubauten sind ab jetzt möglich.

2019 Die Dokumentation zur Wander-Ausstellung „Strategien der Moderne am Beispiel einer Stadt“ weist auf die architektonische Bedeutung der Sanitätskolonne hin.

2020 legt das DRK eine Fotodokumentation über den Zustand und die Geschichte des Gebäudekomplexes vor.

2020/21 wird auf dem DRK-Gelände ein fünfgeschossiger Neubau bezogen: Geschäftsstelle, Akademie, Betreuungsverein, Beratungsstellen und Fahrdienst sind dort angesiedelt.

2021 Mitte Februar rücken die Bagger an, um Platz zu schaffen für den zweiten und dritten Bauabschnitt auf dem Areal. Eine Bauträgergesellschaft mit verschiedenen Partnern und DRK-Beteiligung plant die Errichtung von zwei Mehrfamilienhäusern mit Tiefgarage. Künftig sollen den Bewohnern DRK-Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Es entbrennt eine heftige, auch parteipolitisch geprägte Debatte. Und es scheint alle zu überraschen, dass es sich bei den Abrissgebäuden um Hussong-Bauten handelt. Die Linke beantragt eine Sondersitzung des Stadtrats.

2021 Nach der Sondersitzung am 16. März stehen die Bagger still. In der regulären Stadtratssitzung am 22. März steht das Thema Sanitätskolonne erneut auf der Tagesordnung. rhp

Detail aus der Sockel-Ebene des DRK-Gebäudes.
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Schlossähnlich und für französische Besatzungoffiziere geplant.
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Detail aus der Wohnanlage an der Fischerstraße.
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Februar 2021: Der Turm und das Eckhaus stehen noch.
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