WM-Songs RHEINPFALZ Plus Artikel „Dai Dai Dai“: Wie das Mega-Fußballturnier klingt

Nicht so eingängig wie ihr „Waka Waka“: Shakira hat mit Burna Boy den Fifa-WM-Song „Dai Dai“ eingesungen.
Nicht so eingängig wie ihr »Waka Waka«: Shakira hat mit Burna Boy den Fifa-WM-Song »Dai Dai« eingesungen.

Noch mehr Mannschaften, noch mehr Songs. Welches WM-Lied hat das Zeug zum Hit? Ein ganz subjektiver Selbstversuch.

Gerade hört man es wieder öfter: „La Copa de la Vida“, Ricky Martins offizielles WM-Lied für das Turnier in Frankreich 1998. Und das aus gutem Grund. Auch nach fast drei Jahrzehnten hat diese Nummer nichts von ihrer Energie und ihrem stadionkompatiblen Samba-Wumms verloren. Martin gilt gewissermaßen als Gründungsvater des modernen WM-Songs, wie wir ihn heute kennen. Der Puerto-Ricaner, damals in vollem Saft stehend und auf dem Höhepunkt seines Popstarruhms, gab nicht nur glaubwürdig den kosmopolitischen Zusammenbringer ganzer Kontinente (der Song existiert auch als „The Cup of Life“), man nahm ihm auch eine gewisse Fußballverliebtheit ab. Seither ist „La Copa de la Vida“ der Goldstandard, an dem sich das WM-Songwesen messen lassen muss. Und man fällt nicht allzu überraschend mit der Tür ins Haus, wenn man behauptet, dass dieses Jahr kein vergleichbarer Klassiker in Sicht ist.

Das Maß der Dinge in Sachen WM-Song: Ricky Martin.
Das Maß der Dinge in Sachen WM-Song: Ricky Martin.

Wobei die Musikerinnen und Musiker sich Mühe gegeben haben, so ist es ja nun auch nicht. Solch eine Fülle an offiziellen, halboffiziellen und inoffiziellen Liedern mit Kickbezug hat es vor einem Turnier vermutlich noch nie gegeben. Aber es sind ja auch 50 Prozent mehr Mannschaften dabei als die letzten Male, und es wird sogar ein Sechzehntelfinale geben, was ein Wort ist, das man bislang vergeblich im einschlägigen Songmaterial sucht. Jedenfalls: Shakira ist wieder mit von der Partie. Die langjährige Fifa-Freundin mit extremglobaler Vita verzierte schon die Südafrika-WM 2010 mit ihrer Kunst, „Waka Waka (This Time for Africa)“ ist die wahrscheinlich populärste und auch am mitreißendsten pfeffernde Weltmeisterschaftshymne der Menschheitsgeschichte. Dieses Mal hat die Fifa in einigermaßen letzter Minute wieder bei der 49-jährigen Kolumbianerin angeklopft, ob sie denn nicht t noch mal… Und Shakira hat geliefert. „Dai Dai“ ist kein „Waka Waka“, aber im Verbund mit dem nigerianischen Afrobeatsänger Burna Boy bringt sie das fußballaffine Volk doch einigermaßen schnell auf Betriebstemperatur, nebenbei gehen die Einnahmen aus dem Song an einen guten Zweck. Shakiras Stiftung kümmert sich darum, weltweit in Schulbildung zu investieren.

Durchgefallen: Jelly Roll. Den Song „Lighter“ mochte niemand so richtig.
Durchgefallen: Jelly Roll. Den Song »Lighter« mochte niemand so richtig.

Überhaupt, die Fifa. Kommerzoptimierend bis in die letzte Pore hat die turnierausrichtende Organisation gleich ein ganzes Bündel von Liedern rausgehauen und auch auf einem Album vereint. Ursprünglich sollte „Lighter“, eine Kreuzung aus Country und Latin-Pop von Jelly Roll und Carin León, als Hymne herhalten. Aber blöderweise mag wirklich niemand dieses öde Lied. Am fetzigsten, aber auch arg generisch, wirkt noch „No Place Like Home“ von Major Lazer, Nelly Furtado und Davido, aber auch Nelly Furtado war schon stärker. Ihr „Forca“ war schließlich das Beste überhaupt an der Europameisterschaft 2004.

Dass auch der DFB mit „nie allein“ des Stuttgarter DJs BUNT. alias Levi Wijk, einen offiziellen WM-Song hat, musste erstmal nachgeschlagen werden. Die Nummer kommt nur zögerlich aus den Hufen und ist textlich schwer zu verstehen.

„Wir woll’n wieder fühl’n, wie das Leben schmeckt. Wir haben viel zu lange den Kopf in’ Sand gesteckt“, singt Helene Fischer zur
»Wir woll’n wieder fühl’n, wie das Leben schmeckt. Wir haben viel zu lange den Kopf in’ Sand gesteckt«, singt Helene Fischer zur WM.

Das wiederum kann man vom ultraplakativen „Heute Nacht“ nicht behaupten. Böse Zungen mögen sagen: leider. Helene Fischer, schon 2014 bei der Weltmeisterwillkommensparty am Brandenburger Tor, seinerzeit mit „Atemlos durch die Nacht“ dabei, singt seltsame Sachen wie „Wir woll’n wieder fühl’n, wie das Leben schmeckt. Wir haben viel zu lange den Kopf in’ Sand gesteckt“. Der Popschlager ist offizieller WM-Song von MagentaTV. Und da die Telekomtochter alle 7284 Spiele überträgt (okay, ja: 104), steht zu erwarten, dass man diesen jetzt nicht monströs schlimmen, aber halt arg Helene-Fischer-artigen „Der Kopf stellt keine Fragen“ (eine weitere Textzeile)-Song nur mit Mühe wird umschiffen können.

Die ARD wiederum, die mit „Zusammen“ von den Fantastischen Vier und Clueso 2018 den vielleicht angenehmsten WM-TV-Song aller Zeiten am Start hatte, verzichtet diesmal überraschenderweise auf ein eigenes Übertragungserkennungslied. Das ZDF schickt dafür den Deutschpopdarling Wincent Weiss auf den Platz. „Kurz für immer“ hat zwar eine gewisse Prägnanz, aber dass hier die KI gebeten wurde, ein Lied im Stil von Andreas Bouranis „Auf uns“ (2014) zu zimmern, ist alles andere als unwahrscheinlich.

Dieser Text ließe sich jetzt noch ähnlich aufpumpen wie das Turnier.

Diesmal schwächer als 2004: Nelly Furtado.
Diesmal schwächer als 2004: Nelly Furtado.

Es gibt auch eine Coca-Cola-Hymne rund um J Balvin, die „Jump“ heißt und das Van-Halen-Original ein paarmal durch den Beat- und Gitarrenwolf (Steve Vai ist auch dabei) dreht. Dem US-Youtuber IShowSpeed ist mit „Champion“ ein Rambazamba-Abriss geglückt, der sich gerade zum Verblüffungshit mausert. Die Influencer Aditotoro (Schweiz) und Paulomuc (Deutschland) begrölen das „Wunder von New York“, Partymann Atze aus Hanau widmet sich mit einer Ballermann-Version von „Ein Rudi Völler“ dem berühmtesten Bürger seiner Stadt, und in Österreich besingt Austropop-Comedian Paul Pizzera die „Stripes and Stars“ auf persönlichen Wunsch von Trainer Ralf Rangnick. Wer noch tiefer in den WM-Song-Kaninchenbau vordringen möchte, kann dies dann auch gern selbstständig tun, vielleicht gegen 3.30 Uhr zwischen den Partien Ghana-Panama und Usbekistan-Kolumbien.

J Balvin ist mit einer „Jump“-Variante im WM-Song-Rennen.
J Balvin ist mit einer »Jump«-Variante im WM-Song-Rennen.

Schlussendlich hören dann ja doch alle wieder den bewährten Kram. Herbert Grönemeyers „Zeit, dass sich was dreht“ (2006), die bei der WM nicht gestattete DFB-Torhymne „Major Tom“ von Peter Schilling, und natürlich den Allzeit-Fußballsong der Herzen, das nicht kleinzukriegende „54, 74, 90, 2006“ der Sportfreunde Stiller. Ja, und wer sich anzufreunden weiß mit Selbstironie, Versponnenheit und feinen Melodien, dem sei das entzückende „It Only Takes One Lion“ von den Pop-Magiern Belle and Sebastian um Sänger Stuart Murdoch empfohlen. Selten sah man eine Mannschaft schöner und liebenswürdiger scheitern als Murdochs Schotten, die nach 28 Jahren nun zum ersten Mal wieder bei einer WM dabei sein werden.

Paul Pizzera feuert die Österreicher an.
Paul Pizzera feuert die Österreicher an.
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