Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Christiane Maether, die Vorbotin aus Hambach

Christiane Maether 2007 mit ihrer zum 175. Jahrestag des Hambacher Festes vor dem Schloss platzierten „Vorbotin“.
Christiane Maether 2007 mit ihrer zum 175. Jahrestag des Hambacher Festes vor dem Schloss platzierten »Vorbotin«.

Vor einem Jahr verstarb die Malerin und Bildhauerin Christiane Maether. Im Herrenhof Mußbach wird jetzt mit einer großen Werkschau an sie erinnert.

Sie hatte sich sehr auf ihren siebten Enkel gefreut, ihn im Arm zu wiegen aber war ihr nicht mehr vergönnt. Unerwartet, unspektakulär, fast still hat Christiane Maether am 10. Mai 2024, wenige Monate vor der Geburt der „kleinen Zukunft“, nach kurzer Krankheit die Bühne der Kunst, des in vieler Hinsicht überquellend gestalteten Lebens verlassen. Sie wurde 83 Jahre alt.

Nun ehrt der Arbeitskreis Kunst im Herrenhof Neustadt-Mußbach die auch gesellschaftspolitisch engagierte, international reputierte Zeichnerin, Malerin und Bildhauerin zum ersten Todestag mit einer umfangreichen Gedächtnisausstellung. Start ist am Pfingstmontag, 9. Juni, 11.15 Uhr.

„Träume wollen ziehen“ – im Titel greift die Retrospektive eine der oft beschworenen künstlerischen Maximen Maethers auf. „Sie war eine Träumende, eine Utopistin, eine, deren Gedanken sich auf weitausschwingenden Flügeln fortbewegten“, beschreibt es ihre Tochter Laura. „Aber sie verharrte nicht im Virtuellen. Wenn es galt, das Werkzeug in die Hand zu nehmen und mit dem – sagen wir – Zimmern zu beginnen, war sie augenblicklich zupackende Realistin.“ Und niemals habe es Stillstand gegeben; mutig weiterschreiten zählte zu ihren nachweislichen Tugenden.

Bevorzugt starke Frauen

Maethers umfangreiches künstlerisches Erbe liefert da im reinen Wortsinne den anschaulicher Beweis: Von der kleinen, akribischen zeichnerischen Form – Naturthemen wie Gräser, Hasen, Schnecken, dem Nest als Inbegriff von Geborgenheit, oft in Schwarz-weiß- oder Brauntönen gehalten – bis zu den zusehends größeren, sich bis zu Galerie-Formaten weitenden menschlichen Darstellungen – bevorzugt starke Frauen, sitzend, hockend und späterhin beflügelt, immer farbintensiver und in denkbar unterschiedlicher gestalterischer Transformation; als Gouache, in Öl, Acryl, Tempera oder auch dreidimensional als Skulptur in Gips, Bronze oder Holz. Sie probierte ergebnisoffen. Und blieb doch unverkennbar authentisch.

Ein Hambacher Mädchen aus Gips (2003)
Ein Hambacher Mädchen aus Gips (2003)

Christiane Maether – ihren Geburtsnamen behielt sie voller Stolz bei – wurde am 10. Juli 1941 als sechstes von sieben Kindern in einen Berliner Pastoren-Haushalt geboren und wuchs zunächst in strikt puritanischer Familienobhut auf. Die Mutter war gelernte Weberin. Nach der Trennung vom autoritären Vater brachte sie ihre darbende Kinderschar mit viel unternehmerischem Geschick und Energie durch die Hungerjahre der Nachkriegszeit. „Von ihr hatte meine Mutter ihre Tatkraft, ihre selbstbewusste Fähigkeit des Zupackens im rechten Moment geerbt“, ist sich Tochter Maya sicher. Und sie dankte es der Mutter, indem sie ihr in Hambach ein liebevolles letztes Zuhause schuf.

Umschwärmte Schönheit

Nach Lehre und Handelsschule – das Bodenständige! – begann Christiane, die schon immer gerne zeichnete, mit 18 Jahren ein Akademie-Studium in Berlin, das sie sich mit Gelegenheitsjobs finanzierte. Unter anderem bei einer renommierten Galerie, mit der sie dann 1969 an deren neuen Standort Köln wechselte.

Und die ausnehmend schöne junge Frau war nicht allein von zahllosen Verehrern umschwärmt, sondern knüpfte wertvolle Kontakte praktisch zur kompletten europäischen Kulturszene. Joseph Beuys zählte dazu, und der großartige Fotograf Robert Häusser, mit dem sie nach dem Erwerb einer ihrer „Nest“-Arbeiten eine lebenslange Freundschaft verband. Kleine Rand-Episode: Die Zeitschrift „Stern“ lichtete die schlanke Schönheit in Großaufnahme ab anlässlich einer 68er-Demo auf dem Markusplatz in Venedig. Da hatte sie eigentlich nur den Komponisten Luigi Nono besucht. „Aber als junge, engagierte Künstlerin zog man damals eben auch auf die Straße“, kommentieren die Töchter. Sie habe sich damals geschickt vor männlichen Zugriffen geschützt, indem sie behauptete, auf Hochzeitsreise zu sein.

Christiane mit Laura und Maya, fotografiert von Robert Häusser.
Christiane mit Laura und Maya, fotografiert von Robert Häusser.

Der Villa-Romana-Preis und der Aufenthalt in Florenz bescherten neben der ersten großen Ausstellung in Baden-Baden auch privates Glück. Sie lernte den wenige Jahre zuvor als Dissident in der BRD gestrandeten ungarischen Komponisten Róbert Wittinger kennen und lieben. Und gemeinsam mit ihm erwarb sie 1977 das großflächige, teils sanierungsbedürftige Hofgut in der Hambacher Weinstraße 181 – 183; ein Ort voller innewohnender Magie und ab dann ein Kristallisationspunkt gleich mehrerer Künste.

Das Familienerbe

Dort wurden auch die beiden Töchter Laura (1979) und Maya (1981) geboren, dort keimte parallel zur opulent ausufernden bildnerischen Manufaktur im riesigen Atelier, dem ehemaligen Kelterhaus, auch ein enorm ambitioniertes musikalisches Pflänzchen, das schon im Premieren-Durchlauf vielversprechend erblühte: Der international besetzte Hambacher Preis für Komposition, der dann …, aber das wäre ein eigenes Thema.

Christiane Maether indes schwamm weiter auf der Welle des Erfolgs. Wurde mit etlichen Preisen geehrt und zum Villa-Massimo-Stipendium nach Rom sowie zu Ausstellungen nach Speyer, Bonn, Stuttgart Baden-Baden, Utrecht, Basel oder Berlin geladen. Obendrein unterrichtete sie leidenschaftlich, Ende der 1970er-Jahre zunächst an der Frankfurter Städelschule und ab 1982 an der Fachhochschule Aachen, wo sie als erste Frau überhaupt auf eine Professur bestellt wurde.

„Sie erwies sich auch da schon als die ,Vorbotin’, die sie später kreierte und als Aufforderung in die Welt entließ. In einer reinen Männerdomäne war das zu Beginn kein leichte Aufgabe“, so Tochter Laura. Dass Aachen, engagiert und hingebungsvoll pädagogisch betreut, stets der Außenbereich blieb, Hambach dagegen sich immer stärker in ihr verwurzelte, auch nach dem (freundschaftlichen) Weggang von Wittinger stets die Kraftquelle, der familiäre Angelpunkt blieb, hat die beiden nachfolgenden Generationen entscheidend geprägt.

„Christiane kreierte und schuf, uns Kinder im Wickeltuch oder zu ihren Füßen mit Malstiften bewaffnet, unbeirrt weiter“, erzählen die Töchter. „Wir wuchsen auf in dieser selbstverständlichen Aura des Schöpferischen, des Freien, der zugelassenen Entfaltung.“ Dass Laura, die ihrer Mutter nicht zuletzt des roten Haarschopfs wegen am ähnlichsten scheint, ebenso als Malerin reüssierte, das pädagogische Geschick als Montessori-Lehrerin investiert, Maya hingegen, die als Sängerin und Harfenistin heute an einem Saarbrücker Gymnasium Musik und Kunst unterrichtet, vielleicht eher der väterlichen Spur folgte, mag natürliche der Prägung geschuldet sein. „Aber wir hätten auch alles andere machen können.“

Die Bildhauerin bügelt

Hambach hatte – wieder einmal – zu Beginn der 1990er-Jahre zu einem besonderen Impulsgeber getaugt. Der Ort des Geschehens vor der Haustür, besser: der Gartenmauer, hatte die große „Findung“ gestiftet, wie Maether es oft selbst bezeichnete. Das nostalgische Kettenkarussell, das alljährlich Ende Juli zur Hambacher Jakobuskerwe seine fliegenden Kojen direkt vor dem Maether’schen Anwesen rotieren ließ, lieferte die Inspiration. Und plötzlich begannen ihre Geschöpfe zu schwingen, zu schweben, in perspektivischer Vielfalt; in fliehender Eile, mit übergroßen Extremitäten oder himmelwärts gerichteter Ekstase im Blick. Welch ein Kosmos seliger Gefühle jenseits der drögen Erdanziehung! Eine weibliche Emanzipationsgeschichte obendrein.

Christiane mit Zeichenblock auf Reisen: 1984 in der Türkei.
Christiane mit Zeichenblock auf Reisen: 1984 in der Türkei.

Bei Studienreisen nach Kleinasien, in die Neustadter Partnerstadt Mersin, oder nach Griechenland baute die Künstlerin für ihre Studenten Brücken zur Mythologie und Historie: Themen, die auch immer in ihr Werk eingewoben waren und vor allem den Blick in die gesellschaftspolitischen Gebote der Zukunft schärfen sollten. Nach ihrer Emeritierung 2006 verkündeten viele ihrer Schöpfungen genau diese Botschaft. Im Panoptikum ihres riesigen Ateliers, das fünf Jahrzehnte künstlerischen Schaffens und weltanschaulichen Bekenntnisses in Zeitraffer vorführt, scheint der Puls seiner Schöpferin auch jetzt noch einem nachhaltigen Echo gleich zu pochen.

Im ganz Privaten war sie eine liebevoll zugewandte, hingebungsvolle Großmutter, der Dreh-und-Angelpunkt für vier ihrer Enkelkinder, die Seele des mächtigen Gutshauses, das indes nichts auf seine Hochherrschaftlichkeit gab. Als Laura im Corona-Frühjahr 2020 mit wenigen Engagierten eine gigantische Masken-Näh-Initiative startete, so erzählt sie, habe sie nächtens Christiane in der Küche angetroffen beim Vorplätten von Stoffstreifen für die Weiterverarbeitung. „Meine Mutter, die sonst nie bügelte!“ Da war es wieder, das Zur-Stelle-Sein, wo es Not tat.

Im Herrenhof, den Christiane Maether als erste „Heimatadresse“ ihrer Werkschauen besonders schätzte, darf man ihr nun noch einmal begegnen.

Hambach, Hambach …

Hambach, der geschichtsträchtige, oft als „Wiege der Demokratie“ apostrophierte Neustadter Ortsteil, war für Christiane Maether vieles mehr als lediglich ein Wohnort zum Sesshaftwerden. Sie lebte da 45 Jahre lang am Fuße des Schlossbergs unter dem ebenso mahnenden wie unaufhörlich fordernden Zeigefinger eines – nach ihrer Lesart – unvollendeten historischen Prozesses. Das Hambacher Fest von 1832 war für sie ein mutiger Aufbruch von staatstragender Bedeutung, bevölkert obendrein mit allerhand weiblichem Personal. Aber seine Ziele, auch die schon erreichten, sind bis heute äußerst fragil, schutzbedürftig, es bleibt ein „Work in progress“, das unentwegt seiner Vollendung harrt.

Christiane Maethers „Hambacher Fries IV“ von 2002.
Christiane Maethers »Hambacher Fries IV« von 2002.

„Aus Berlin zugezogen lebe ich mit meiner Familie in der Mitte Hambachs in einem schönen alten Anwesen von 1839 und schaue jeden Tag auf das Schloss. Stimmungen wandeln den Tagesblick. So lebe und arbeite ich also mit der Geschichte, bin von der Historie umgeben.“ Dergestalt beschreibt sie, was sich 2007, zum 175. Geburtstag des Hambacher Festes, in ihrer Figur der „Vorbotin“ zum künstlerischen Statement materialisierte. Gleichermaßen „Erinnerung als auch Sehnsuchtssymbol der Liebe zur Freiheit“ schwebte die Skulptur von Mai bis September über den Jubelfeiern auf dem Hambacher Schlossberg und hält seit Dezember desselben Jahres ihre beseelte Mahnwache vor dem Neustadter Musentempel Saalbau; in der Eigenschwingung verharrend, gleichzeitig Materie und geistige Botschaft, Fragment und künstlerische Vollendung, baut sie Brücken über scheinbar Konträres.

Auch eine „Schwester“ gibt es. Sie bündelt – fest verankert in ihrem Sockel und doch himmelwärts schwingend – in der Siebenpfeifer-Stadt Zweibrücken den Blick vor der Fassade des barocken Schlosses, in dem das Pfälzische Oberlandesgericht residiert.

Und wer einmal das Glück hatte, in jenem wildwüchsig, fast urzeitlich vor sich hin wuchernden, blühenden, zirpenden Hambacher Garten unter der mächtigen Libanon-Zeder Platz zu nehmen, der muss ihn gespürt haben, den „Genius Loci“, die Magie des Ortes und der entfesselten Träume.

Die Ausstellung

„Träume wollen ziehen“ – Hommage an Christiane Maether, 9. bis 22. Juni, Kunsthalle des Kulturzentrums Herrenhof, Herrenhofstr. 6 in Neustadt-Mußbach, geöffnet freitags 17-19 Uhr, samstags 14-18 Uhr, sonn- und feiertags 11-18 Uhr.

Vernissage: Pfingstmontag. 9. Juni, 11.15 Uhr, mit Gabriele Köbler (Moderation), Ulrike Hauser-Suida im Gespräch mit Laura Wittinger-Mohammadi und Maya Wittinger-Houy (Harfe);

Matinée: Fronleichnam, 19. Juni, 11.15 Uhr, Maya Wittinger-Houy und Laura Wittinger-Mohammadi führen durch die Ausstellung, musikalisch begleitet von Maria Stange, Harfe.

www.herrenhof-mussbach.de

„Gleichermaßen Erinnerung als auch Sehnsuchtssymbol der Liebe zur Freiheit“: Vor dem Neustadter Saalbau hat die Vorbotin-Skulptu
»Gleichermaßen Erinnerung als auch Sehnsuchtssymbol der Liebe zur Freiheit«: Vor dem Neustadter Saalbau hat die Vorbotin-Skulptur ihren Platz gefunden.
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