Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Reanimationstraining: Prüfen, Rufen, Drücken

Zoi Vareli, Merry Hansa, Caroline Schnell, Lina Braun üben die Herzdruckmassage,
Zoi Vareli, Merry Hansa, Caroline Schnell, Lina Braun üben die Herzdruckmassage,

Schüler des Leibniz-Gymnasiums trainieren für den Ernstfall: In einer Reanimationstrainingswoche vermittelt der Schulsanitätsdienst das richtige Verhalten im Notfall.

Was muss man tun, wenn man einen Menschen reglos auffindet? „Das Basisprogramm lautet: Prüfen, Rufen, Drücken“, erklärt Sarah Cerny. Sie ist Lehrerin am Leibniz-Gymnasium in Neustadt und leitet nun den Schulsanitätsdienst. Man müsse die Situation des Menschen prüfen und ihn ansprechen. Erfolge keine Reaktion, soll ein Notruf abgesetzt werden und mit der Wiederbelebung durch Herzdruckmassage sofort begonnen werden, erklärt sie den Schülern der Klassenstufen sieben bis zehn. Sie nehmen an der Reanimationstrainingswoche teil. Ziel sei es, so Cerny, dass alle Schüler den gleichen Wissensstand bezüglich Wiederbelebungsmaßnahmen erlangen. Ab dem kommenden Schuljahr werden in Rheinland-Pfalz alle Schüler der siebten Jahrgangsstufe im Fach Biologie in Sachen Reanimation unterrichtet. „Bei den Oberschülern gehen wir davon aus, dass sie im Rahmen des Führerscheins einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren müssen“, ergänzt die Lehrerin.

Cerny war vor ihrem Lehramtsstudium als Intensivkrankenschwester im Universitätsklinikum Charité in Berlin tätig und verfügt über umfassendes medizinisches Wissen in Praxis und Theorie. Die Schüler üben die Herzdruckmassage an Puppen. Schnell merken sie, wie anstrengend die Maßnahme ist. Man solle sich abwechseln, so Cerny, damit der Druck gleichbleibend ist und der durchaus schnelle Rhythmus beibehalten werden kann. Als Hilfe für den benötigten Takt dudelt der Song mit dem passenden Titel „Stayin’ alive“, was so viel heißt wie „am Leben bleiben“ aus einem Smartphone – ein alter Klassiker der BeeGees aus Disco-Zeiten.

Wann der Defibrillator zum Einsatz kommt

Und wenn das nicht reicht? Wie und wann setzt man einen Defibrillator ein und was bezweckt er? Cerny erklärt anschaulich, wann und warum ein automatisierter externer Defibrillator (AED) zum Einsatz kommen sollte und wo man ihn finden kann. „In unserer Schule ist ein AED gegenüber dem Sekretariat angebracht“, weist sie die Schüler hin. Ein AED soll durch gezielte Stromstöße das Herz bei Kammerflimmern zur Wiedererlangung des normalen Rhythmus verhelfen. Entscheidend sei jedoch die Herzdruckmassage, die nicht unterbrochen werden dürfe. „Lasst keinesfalls den Patienten alleine, sondern beauftragt zur Not andere, einen AED zu holen“, schärft sie den Schülern ein. Es sei sehr leicht, das Gerät zu bedienen, da in klarer Sprache die richtige Vorgehensweise Schritt-für-Schritt erläutert werde. Sie betont, dass man kaum etwas falsch machen könne. „Handelt nach bestem Wissen und Gewissen!“, fordert sie auf.

Unterstützt wird Cerny von ihrem Schulsanitätsdienst. Das Team wuchs unter ihrer Leitung in den letzten Wochen auf die stattliche Zahl von 18 Schülerinnen heran. „Ich kenne keine Schule, die so viele motivierte und engagierte Schulsanitäterinnen vorweisen kann wie das Leibniz-Gymnasium“, sagt die Lehrerin stolz. Ihrem Aufruf folgten so viele Schüler, so dass sie sich sogar zu einem Aufnahmestopp gezwungen sah. Nun sind es neun Schülerinnen der Mittelstufe und neun Oberschülerinnen, die sich dem Schulsanitätsdienst anschlossen. Sie alle durchliefen einen Workshop zur Ersten Hilfe im Schulalltag sowie einen Erste-Hilfe-Kurs beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Damit sind sie laut Cerny darauf vorbereitet, bei Schul- und Sportveranstaltungen sowie im regulären Schulbetrieb Erste Hilfe zu leisten.

Schülerinnen sind Rettungssanitäterinnen

Weil das Leibniz-Gymnasium eine neue Kooperation mit dem DRK geschlossen hat, gehören die jungen Sanitäterinnen nun dem Jugendrotkreuz an. Sechs Schülerinnen des Teams haben zudem neben der Schule in ihrer Freizeit in 80 Unterrichtsstunden eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert. Cerny erzählt, dass sich die Schulsanitäterinnen selbst in Dienstplänen organisieren. Einmal wöchentlich zeichnet die Lehrerin die Dienstprotokolle ab. Darin sei auch vermerkt, wenn es Gesprächsbedarf nach besonders fordernden Einsätzen gebe, erzählt sie. Regelmäßig trifft sich das gesamte Team, um Vorfälle zu besprechen und zu reflektieren, Hintergrundwissen anzureichern oder Belastendes von der Seele zu reden. Einige der Sanitäterinnen wollen später einen medizinischen Beruf ausüben, andere kamen aus persönlichen Erlebnissen zum Sanitätsdienst. „Als Kind habe ich miterlebt, wie jemand in meiner Familie einen schweren Unfall hatte. Ich stand hilflos daneben und wusste nicht, was ich tun sollte. Dann habe ich mir geschworen, dass mir das nicht noch einmal passiert“, sagt eine Schülerin. Eine andere war so beeindruckt von einer Schulsanitäterin, dass sie dem Vorbild folgte. Leonora Oberlinger wurde als Teamleiterin von ihren Sanitäter-Kolleginnen gewählt. Die 17-Jährige ist seit zwei Jahren im Schulsanitätsdienst tätig. Einer ihrer ersten Einsätze führte sie zu einem bewusstlosen Mitschüler, dessen Kreislauf kurzzeitig versagte. Zunächst habe sie alleine dagestanden, jedoch schnell Hilfe angefordert und anschließend den Jungen gemeinsam betreut. Das sei in diesem Moment schon aufregend gewesen, erzählt Leonora. Doch aufeinander aufzupassen, genau hinzusehen und im Notfall einander zu helfen, sei in der Schulgemeinschaft enorm wichtig. Diese Botschaft wolle sie mit ihrem Einsatz transportieren. Durchaus gibt es ernste Notfälle im Schulalltag, zu denen die Sanitäterinnen gerufen werden. Wichtig sei es, nicht zu erstarren, sondern „ins Handeln zu kommen“, die richtigen Schritte einzuleiten, Notrufe abzusetzen, gleichzeitig beruhigend auf den Betroffenen einzuwirken und die umstehenden Schüler im Blick zu behalten, berichten zwei junge Frauen. Dabei werde das Erlernte abgerufen und umgesetzt.

Eine andere erzählt von einem Mitschüler, der einen Fahrradunfall hatte und offensichtlich unter einem Schock litt. „Wir hinderten ihn daran, mit dem Fahrrad weiterzufahren, da er die Situation nicht mehr einschätzen konnte“, erzählt sie. Als Sanitäterin habe sie auch die Aufgabe, den Überblick zu behalten, wenn andere dazu nicht mehr in der Lage seien. Cerny ist stolz auf ihr Team, weil es so engagiert und professionell arbeitet. Sie ist überzeugt: „Die Aufgabe und das freiwillige Übernehmen von Verantwortung macht etwas mit den jungen Frauen. Sie werden selbstbewusster, weil sie ernst genommen werden – und auch sich selbst sehr viel mehr zutrauen können.“

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