Fernsehen
„Big Brother“ wird 25
Es war ein Urknall in der deutschen TV-Geschichte: Als am 28. Februar 2000 eine bunte Truppe um den schwäbisch-mazedonischen Muskelprotz Zlatko und die rheinische Frohnatur Jürgen in den kameragespickten „Big Brother“-Container zog, begann der Realityboom im deutschen Fernsehen. 25 Jahre ist das jetzt her. Nur wenige andere Sendungen haben die Fernsehlandschaft und die Sehgewohnheiten so sehr verändert. Kurz vor dem Jubiläum, am 24. Februar, startet nun beim Streamingdienst Joyn eine neue Staffel von „Big Brother“, in der die Kandidatinnen und Kandidaten für maximal 50 Tage in einen mit Kameras gespickten Container ziehen.
Teilnehmer der ersten Stunde war der gelernte Feinblechner Jürgen Milski aus Köln, der damit zum Star wurde. „Ich fand das eigentlich total unspektakulär. Wir haben gedacht, dass die Sendung irgendwann abgesetzt wird, weil wir da einfach nur gewohnt haben“, erinnerte er sich kürzlich in einem Interview. Doch das Gegenteil war der Fall: Millionen Zuschauer verfolgten in der Anfangszeit den Alltag im Menschenzoo. Nach seinem Auszug aus dem Container wollte Milski eigentlich wieder arbeiten gehen – und war verblüfft, was inzwischen passiert war: „Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass Menschen, ohne was geleistet zu haben, auf einmal gefeiert werden.“ Den Fanrummel um sich nennt er inzwischen „die schlimmste Zeit meines Lebens“. Heute tritt der 61-Jährige als Partyschlagersänger auf Mallorca auf.
Die Erste Staffel gewann damals aber nicht Jürgen, sondern der stille John Milz aus der Potsdamer Hausbesetzer-Szene, der 250.000 Mark kassierte. Und sich bald völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog.
Das Format startete in einer Zeit, als es weder soziale Medien noch Influencer gab und kein Mensch auf Plattformen wie Instagram oder X seinen Alltag und seine Ansichten teilte: Privat war noch privat. Doch die voyeuristische Schlüssellochshow machte völlig unbekannte und wohl auch unvorbereitete Leute über Nacht zu kultisch gefeierten Stars, und löste außerdem erbitterte Debatten um Fragen der Medienethik aus.
In den ersten Jahren verfolgten Millionen Menschen das aus dem niederländischen Fernsehen importierte, von John De Mol erfundene Format. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung sahen sie den Teilnehmern beim Schlafen, Streiten, Spielen, Duschen und Essen im Container zu. Die anfangs so umstrittene Sendung wurde bald derart populär, dass immer wieder Prominente die Bewohner besuchten – etwa FDP-Politiker Guido Westerwelle in der zweiten Staffel.
Der Hype um die Schlüssellochshow verblasste dann wieder, doch das Reality-Genre an sich ist längst fester Teil des Fernsehalltags und hat eine eigene Berufsgattung hervorgebracht: „Realitystars“ – exaltierte Figuren wie RTL-Dschungellady Kim Virginia oder „Sommerhaus“-Kampfhahn Luigi Birofio. In zahlreichen Sendungen wie „Promis unter Palmen“ (Sat.1) oder „Kampf der Realitystars“ (RTL2) kann man den berufsmäßigen Selbstdarstellern nahezu jeden Tag dabei zuschauen, wie sie in Kakerlaken baden oder ihre Beziehung gegen die Wand fahren.
Von „Big Brother“ (benannt nach George Orwells Totalitarismus-Roman „1984“) gab es bislang international 70 Adaptionen mit 600 Staffeln und mehr als 10.000 Bewohnern.