Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Betty Astor, vergessener Filmstar aus der Pfalz

Blonde unter sich: Betty Astor mit Hans Albers im Film „Halbseide" (1925), in zeitgenössischen Quellen als „Sittenfilm aus der W
Blonde unter sich: Betty Astor mit Hans Albers im Film »Halbseide« (1925), in zeitgenössischen Quellen als »Sittenfilm aus der Welt und Halbwelt« bezeichnet. Der künftige Star spielt hier das »anständige« Mädchen.

Die Goldenen Zwanziger sind die Zeit der Betty Astor aus Landau. Ihre Filme riechen nach Skandal, füllen die Kinos.1933 verschwindet sie von der Leinwand. Ein Spurensuche.

Ende 1925. Wo bleibt der neue Film des Regisseurs Richard Oswald? Rätselraten in der Presse. Im November meldet die Wiener Zeitschrift „Die Bühne“, den Aufführungstermin kenne „vorläufig nur der Zensor“. So verzögert sich zunächst die Kinokarriere der pfälzischen Schauspielerin Betty Astor.

Betty Astor, die zierliche Blondine aus der Pfalz, war durch ihren Entdecker Richard Oswald zum Film gekommen. Der Wiener Regisseur, Produzent und Autor, der wegen antisemitischer Attacken nach Deutschland übergesiedelt war, galt Anfang der 1920er-Jahre als einer der produktivsten und kommerziell erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Filmemacher. Heute würden wir „Skandal-Regisseur“ sagen.

Der halbseidene Förderer

Mit einem ausgeprägten Gespür für Publicity und Reklame drehte er Filme, die bewusst provozierten und die Zensur auf den Plan riefen. Nachdem er 1914 bei Kriegsbeginn ein pazifistisches Drama inszeniert hatte, wandte er sich kontroversen Tabu-Themen wie Alkoholismus, Prostitution, Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch zu. Seine prominent bis spektakulär besetzten „Aufklärungs-“ und „Sittenfilme“ waren Skandalerfolge, die das Publikum wie die Kritik polarisierten – und ihn reich machten.

Mal sportlich: eine der vielen Astor-Autogrammkarten.
Mal sportlich: eine der vielen Astor-Autogrammkarten.

Indem er Bühnenschauspieler wie Werner Krauß oder Conrad Veidt vor die Kamera holte, machte er sie zu internationalen Filmstars. Auf schnellen Ruhm dürfte auch die 23-jährige Südpfälzerin Bertha Baesel gehofft haben, als sie Oswalds Angebot für gleich zwei Filme akzeptierte.

Nachdem sie sich anfangs Berti Byllardo nannte, verpasste ihr Oswald den klangvollen Künstlernamen Betty Astor und gab ihr eine Hauptrolle in seinem Opus „Halbseide“. Die Dreharbeiten fanden im Sommer 1925 im Auftrag der Berliner Transatlantischen Film-GmbH statt. Die Besetzungsliste verzeichnet Hans Albers, Fritz Kampers und den dicken, später im KZ ermordeten Publikumsliebling Kurt Gerron.

Das Auge der Zensur

Zeitgenössische Quellen bezeichnen „Halbseide“ als „Sittenfilm aus der Welt und Halbwelt“. Es geht um einen Gelehrten, dessen Frau sich als, wie man es damals nannte, lüsternes Flittchen entpuppt. Trost sucht und findet er in der Straßenbekanntschaft Kitty, die zwar aus „verdorben liederlichem“ Milieu kommt, aber trotz flatterhafter Neigungen „anständig“ ist. Darstellerin: Betty Astor.

Sie steht damit an der Schwelle zum Starruhm – und Richard Oswald begleitet auch den nächsten Schritt. Sein folgendes, direkt im Anschluss gedrehtes Werk heißt „Vorderhaus und Hinterhaus“. Betty Astor spielt eine Tänzerin im Nachtlokal, die aus Eifersucht die Beziehung zwischen einer Kollegin und ihrem väterlichen Verehrer torpediert. Ihre Mitspieler sind die sehr populären Komiker Max Adalbert (der „Hauptmann von Köpenick“ in der Erstverfilmung von 1931), Siegfried Arno und Trude Hesterberg.

Mal verrucht: Die Schauspielerinin Pose.
Mal verrucht: Die Schauspielerinin Pose.

Doch trotz der prominenten Star-Besetzung hat die Zensur weiterhin ein scharfes Auge auf Oswald-Filme. Am 4. November 1925 wird „Vorderhaus und Hinterhaus“ von der Filmprüfstelle Berlin wegen „entsittlichender“ Tendenzen verboten. Oswald nimmt Schnitte vor, reicht das Werk noch einmal vor. Die Moralwächter erneuern ihr Verdikt am 8., 11., 14. und 27. November.

Erst nach einer weiteren Vorlage lässt die Oberprüfstelle am 30. November „den Bildstreifen zur öffentlichen Vorführung im Deutschen Reiche zu“; er „darf jedoch Jugendlichen nicht vorgeführt werden“. Noch am Abend desselben Tages findet die Uraufführung statt.

100 Jahre später schreibt das Deutsche Institut für Filmkunde der parodistischen Skandalchronik „aufgrund einer sich quälend lang hinziehenden Zensurgeschichte filmhistorische Bedeutung“ zu. Bereits fünf Tage vor „Vorderhaus und Hinterhaus“ war in Berlin die Premiere von „Halbseide“. Die österreichische Verleihfassung lief ganze 13 Minuten länger und kam im Mai 1926 heraus.

Fräulein Bäsel steigt auf

In Deutschland wie in Österreich war Betty Astor aus Landau in der Pfalz jetzt ein Star. In hoher Auflage wurden „Künstlerpostkarten“ mit ihrem Konterfei gedruckt und verkauft. Bei den Fan-Magazinen gingen Anfragen nach persönlichen Daten und ihrer Autogrammadresse ein. Im Mai 1926 ließ der Briefkastenonkel des Magazins „Mein Film“ wissen: „Gelegentlich des Erscheinens der Filme, in denen Betty Astor mitwirkt, werden wir uns (…) mit dieser Künstlerin in Wort und Bild beschäftigen.“

Die Massenblätter berichteten also ausführlich über den Star Betty Astor, der binnen acht Jahren in mehr als zwei Dutzend Filmen die Haupt- oder eine größere Nebenrolle spielte. Heute dagegen scheint die Diva aus der Pfalz vergessen. Die Spurensuche ist mühevoll und bringt nur spärliche Ergebnisse.

Diesmal mit kokettem Augenaufschlag.
Diesmal mit kokettem Augenaufschlag.

Beim Standesamt ihrer Heimatstadt Landau kennt man den Künstlernamen nicht. Im Geburtenregister ist sie als Bertha Baesel verzeichnet, geboren am 21. April 1902, Tochter des protestantischen Schmiedemeisters Adolf Baesel und seiner Ehefrau Klara, geborene Krasemann.

Im Übrigen liegen „nur sehr wenige Daten über die Familie vor“, teilt Alexandra Ries vom Archiv und Museum der Stadt Landau in der Pfalz mit. Im Adressbuch von 1905 sind Adolf Bäsel (mit ä) und seine Familie noch eingetragen. „Im nächsten aus dem Jahr 1909 ist er nicht mehr genannt“, so Ries. „Möglicherweise ist die Familie verzogen. Dies würde auch erklären, warum keine Meldekarte vorhanden ist.“

Jedenfalls war Bertha Baesel alias Berti Byllardo alias Betty Astor in den ausgehenden 1920er-Jahren ein viel beschäftigter Filmstar mit nicht minder prominenten Partnern: als Tochter von Conrad Veidt („Dürfen wir schweigen?“, 1926), als Freundin von Wolf Albach-Retty („Liebe im Mai“, 1928). In „Die Carmen von St. Pauli“ (1928) ist sie die Braut von Willy Fritsch, der sie für Jenny Jugo sitzenlässt.

Werbung für einen Film. der 1928 mit dem Titel „Hurra! Ich lebe“ herauskam, nach der Komödie „Der mutige Seefahrer“ von Georg Ka
Werbung für einen Film. der 1928 mit dem Titel »Hurra! Ich lebe« herauskam, nach der Komödie »Der mutige Seefahrer« von Georg Kaiser.

In Oswalds „Rothausgasse“ gibt sie eine Dirne; in „Unfug der Liebe“ (beide 1928) die eifersüchtige Gefährtin eines Glücksritters; im Kasernenhof-Lustspiel „Die Garde-Diva“ (1929) das übertrieben lustige Töchterlein eines ältlichen Offiziers. In „Hurra, ich lebe“ (1928) sieht man sie als leichtlebige Tochter eines Millionärs, der seinen Jugendfreund zu sich einlädt. In der Hauptrolle des grimmig vaterländischen Bauerndramas „Rosen blühen auf der Heidegrab“ (1929) spielt die Pfälzerin das Opfer einer Vergewaltigung – und erhält vom „Reichsfilmblatt“ prompt einen Verriss: „Natürlich, glaubwürdig wirkt im ganzen Ensemble nur Hertha Gutmar“ (eine aus den Niederlanden stammende Debütantin). „Neben ihr erscheint Betty Astor völlig farblos.“ Im Übrigen ist dann noch von „großen Mängeln“ und einer „ganz und gar vorgestrigen Art“ dieses frühen Heide-Heimatfilms die Rede.

Aus der Liste gestrichen

Neben der Komiker-Garde Siegfried Arno, Fritz Kampers, Julius Falkenstein und Ida Wüst erscheint die Schauspielerin dann als Kleinstadt-Töchterlein in „Schützenfest in Schilda“ (1931). Der Krimi „Masken“ (1930), in dem sie die Geliebte eines vermeintlichen, aber unschuldigen Bankräubers spielt, kommt stumm in die deutschen Kinos. Für den Export erhält er nachträglich Musik- und Geräuscheffekte.

Die Stimme der Pfälzerin, die keine echte Schauspiel- und Sprechausbildung vorzuweisen hat, ist erstmals im Juni 1930 im Rührstück „Gigolo“ (auch: „Der schöne, arme Tanzleutnant“, 1930) zu hören. Als Tochter eines amerikanischen Millionärs kann sie den Titelhelden mit seiner Ex-Verlobten versöhnen – und muss kein lupenreines Hochdeutsch sprechen.

Betty Astor in einer Wiener Frauen-illustrierten.
Betty Astor in einer Wiener Frauen-illustrierten.

Drei Monate später läuft „O alte Burschenherrlichkeit“ an, in dem sie die unbekümmerte Heidelberger Wirtstochter Mieze spielt. Backfisch-Idol Werner Fuetterer gibt einen Studenten, der sich in eine amerikanische Erbin verguckt. Deren Darstellerin ist tatsächlich Amerikanerin, aber in Pirmasens geboren: Betty Amann, die als Vamp im Stummfilm „Asphalt“ (1929) einen Welterfolg hinter sich hat.

Betty Astors nächstem Pfälzer Partner steht der internationale Ruhm noch bevor. In „Wie bleibe ich jung und schön?“ (auch: „Ehegeheimnisse“) agiert sie mit dem Ludwigshafener Wilhelm Dieterle. Der Werbeslogan lautet: „Es ist die Pflicht der Frau, alles Erdenkliche zu tun, sich für ihren Gatten jung und schön zu erhalten. Dies lehrt sie der Film.“

Dieterle wechselt wenig später nach Hollywood, um deutschsprachige Fassungen aktueller Produktionen herzustellen. Aus politischen oder „rassischen“ Gründen, wie es jetzt heißt, gehen bald auch Betty Amann, Siegfried Arno und Conrad Veidt. Ebenso wenig Platz ist in Nazi-Deutschland für Betty Astors Entdecker Richard Oswald sowie ihre einstigen Filmpartner Fritz Kortner, Ernst Deutsch, Grete Mosheim, Lotte Stein, Walter Slezak, Oskar Homolka und den im Saarland geborenen Walter Rilla. Betty Astor kann bleiben. Aber sie verliert den Anschluss ans Filmgeschäft. Man hat keine Verwendung mehr für sie.

Betty Astor in einer französischen Filmzeitschrift.
Betty Astor in einer französischen Filmzeitschrift.

1933 dreht sie einen 20-Minuten-Kurzfilm fürs Vorprogramm der Kinos. Es ist ihr letzter Leinwandauftritt. Im Frühjahr 1939 erhält „Frau Bertha Baesel (Betty Astor), Berlin-Wilmersdorf“ einen Brief der von den Nazis geschaffenen Reichsfilmkammer, der jeder Beschäftigte des deutschen Kinos grundsätzlich angehören muss:

„Mitglied (…) kann nur sein, wer auf dem Gebiete des Filmwesens eine kammerpflichtige Tätigkeit nach den Bestimmungen (…) des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 ausübt. Die angestellten Ermittlungen haben ergeben, dass diese Voraussetzung bei Ihnen nicht zutrifft. Sie haben während der letzten zwei Jahre eine filmische Betätigung überhaupt nicht ausgeübt. Demgemäß ist die Streichung Ihrer Mitgliedschaft (…) veranlasst worden. Heil Hitler. gez.: Dr. Lehnich.“

Ein lautloses Ende einer Karriere. Der Landauer Filmstar auf Zeit stirbt 1972 in Berlin. Dort haben ein halbes Jahr vor ihrem Tod die Kolleginnen Lina Carstens und Brigitte Horney sowie Heinz Rühmann und die Trick-Pionierin Lotte Reiniger ein Filmband in Gold für „langjähriges und herausragendes Wirken im deutschen Film“ erhalten.

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