Film der Woche
Berauschende Bilderflut: Coppolas „Megalopolis“
Wild, überbordend, sich nicht um Konventionen scherend, provokant und, ja, auch das, großmäulig: Der im April dieses Jahres 85 gewordene Francis Ford Coppola trumpft mit diesem Film auf, als ginge es für ihn darum, die Chefetagen der Filmindustrie nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Was der fünffache Oscar-Preisträger ganz bestimmt nicht nötig hat.
Wiewohl: Auch ihm öffnen sich nicht alle Türen automatisch. Dem Vernehmen nach soll die Vorbereitung von „Megalopolis“ 40 Jahre gedauert haben, geprägt von zahllosen finanziellen und organisatorischen Rückschlägen. Angeblich musste Coppola sogar sein Weingut verkaufen, um das für die Produktion nötige Geld zusammenzubekommen. Kein Wunder also, dass er das Projekt mit rasendem Herzen realisiert und seiner Fantasie keine Grenzen gesetzt hat.
Irrlichternde Szenenflut
Vielen Zuschauern dürfte es nicht einfach fallen, allen erzählerischen Salti und Volten zu folgen. Schwierig ist schon allein der Versuch, aus der irrlichternden Szenenflut eine Geschichte zu filtern und diese bündig wiederzugeben. Geboten werden Elemente aus Historiendramen, Science-Fiction-Sagas, Polit-Satiren, Lovestorys, Krimis und Gruselmärchen, gefasst in Bilder, die irrwitzig zwischen Neon-Schick und kreischenden Drogen-Halluzinationen schwanken. Nicht immer ist klar, ob die Figuren das, was da geschieht, tatsächlich erleben oder halluzinieren.
Angeführt wird der Reigen der Protagonisten von Caesar Catalina (Adam Driver). Der Architekturfreak will die heruntergekommene Metropole New York, das New Rome, in eine Stadt der Zukunft verwandeln. Drum gilt es für ihn, das Gros der Bauten der Vergangenheit zu eliminieren. Bürgermeister Franklyn Cicero (Giancarlo Esposito) allerdings spielt nicht mit. Klar also, dass es zu mörderischen Konflikten kommt. Die durch den dekadenten Lebensstil der Reichen, politische Ränke und romantische Verwicklungen heftig angeheizt werden. Da mischen beispielsweise der steinreiche Bankenboss Hamilton Crassus III (Jon Voight) und dessen auf eine Polit-Karriere versessener Sprössling Clodio Pulcher (Shia LaBeouf) aufs Bösartigste mit.
Wüstes Puzzle aus Momentaufnahmen
All das und mehr wird nicht geradlinig erzählt. Geboten werden vielmehr satirisch übersteigerte Momentaufnahmen des gewöhnlichen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Wahnsinns auf Erden unserer Tage. Die Dialoge pendeln zwischen schwarzem Humor und Bitternis, klingen mal so, als stammten sie von Shakespeare, dann wieder, als habe sie Coppola auf einem Kinderspielplatz aufgeschnappt. Philosophischer Tiefsinn und pure Albernheit fahren Achterbahn.
Aus all dem kann jede und jeder im Zuschauerraum das für sich passende heraussuchen, sich einfach von der Bilderflut berauschen lassen oder das wüste Puzzle als intellektuelle Herausforderung annehmen. Unübersehbar ist in jedem Fall die gesellschaftskritische Haltung von Francis Ford Coppola. Nicht zufällig spielt er in der Zeichnung des modernen Kapitalismus vielfach auf das Römische Reich zu Zeiten des Kaisers Caesar und des Philosophen Cicero und damit auf den Niedergang einer Weltmacht vor etwa 2000 Jahren an.
Das Rätselraten bereitet großes Vergnügen
Alle Verweise zu entschlüsseln, dürfte wohl niemandem gelingen. Und manchmal gibt es da vielleicht auch gar nichts zu entschlüsseln. Aber weil durchweg effektvoll, beschert einem das Rätselraten ein großes Vergnügen selbst dann, wenn man im Wirrwarr der Anspielungen und Momentaufnahmen manchmal gar nicht mehr weiß, ob man noch wach oder in einen Traum abgerutscht ist. Dann ist es in jedem Fall ein Alptraum. Denn das Motto des Films lautet: „Die Menschen brauchen keine Träume, die Menschen brauchen Hilfe.“
Geprägt wird das Vergnügen in hohem Maß von der Präsenz exzellenter Schauspielerinnen und Schauspieler. Stars wie Talia Shire („Der Pate“), Dustin Hoffmann („Tootsie“) und Laurence Fishburne („Matrix“) begeistern in kleineren Parts, Größen wie Adam Driver („Ferrari“), Giancarlo Esposito („Breaking Bad“) und Jon Voight („Coming Home“) in Hauptrollen.
Der Film dürfte noch lange im Kopf herumspuken
Den Vogel schießt Shia LaBeouf („Transformers“) ab. Als Schurke ist er einfach hinreißend widerlich. Streckenweise mutet es so an, als wäre Francis Ford Coppola dem Charme und Können LaBeoufs regelrecht auf den Leim gegangen und habe dessen Können als Charakterinterpret darum besonders herausgestellt. Vielleicht war es so, vielleicht ganz anders. Es ist egal. Der Schauspieler zieht einen magisch in seinen Bann.
Der Effekt zählt. Was für den ganzen Film gilt, egal, wie viele Einzelheiten man nun entschlüsseln kann oder nicht. Und egal auch, ob man „Megalopolis“ für sich selbst als Meisterwerk oder als missraten einstuft. Der Unterhaltungsfaktor ist in jedem Fall enorm. Und es ist wie bei manchem Ohrwurm: „Megalopolis“ dürfte sich bei vielen regelrecht einbrennen und einem noch Wochen nach dem Kinobesuch im Gehirn herumspuken.