Rastatt / Saarbrücken / Loreley
“Konzertkarten sind zu teuer geworden„: Wincent Weiss im Interview
Die 2010er Jahre waren das Jahrzehnt des großen Deutsch-Pop-Booms. In den Charts gaben sich Mark Forster, Andreas Bourani, Max Giesinger, Joris, Max Mutzke oder Tim Bendzko die Klinke in die Hand. Ab 2022 schien der Hype aber vorbei, das Publikum satt, und Radiosender begannen, den Anteil an deutschsprachigem Pop spürbar zu reduzieren. Seither wird hierzulande wieder verstärkt auf Englisch gesungen. Einer, der wacker die Deutsch-Pop-Fahne hochhält – und damit auch sehr gut fährt – ist Wincent Weiss. Der ehemalige „Deutschland sucht den Superstar“-Teilnehmer, der 2017 sein Debütalbum veröffentlichte, hat offenbar die magische Erfolgsformel gefunden. Jedes seiner Alben knackte die Top fünf der deutschen Charts. Dreimal gelang ihm sogar ein Nummer-eins-Album, zuletzt mit dem jüngsten Wurf „Hast du kurz Zeit“ (erschienen am 22. Januar 2026). Mit dem neuen Album geht Weiss jetzt auf Tournee, kommt dabei unter anderem nach Rastatt, Saarbrücken und Sankt Goarshausen. Unser Autor Benjamin Fiege sprach mit dem 33-Jährigen, der Anfang 2026 heimlich geheiratet hat, vorab über die anstehende Konzertreise (die seine bisher größte werden soll), Erfolgsdruck, überraschende Musikvorlieben und zu hohe Ticketpreise.
Wincent, stimmt es, dass du eigentlich aus der Metal-Szene kommst?
Ja, Metal war auch das erste Genre, in dem ich mich versucht habe. Bei den ersten Cover-Songs, die wir gemacht haben, hat ein Freund geshouted und ich den Clean-Gesang-Part übernommen. Wir haben uns da immer Bands rausgesucht, bei denen das gut Hand in Hand ging. Bei vielen moderneren Metal-Bands ist es so, dass die Strophen geshouted werden und die Hooks poppige Top-Lines sind. Irgendwann möchte ich mal so eine Platte machen!
Welche Bands hast du denn damals gehört?
Die ersten Songs, die ich gecovert habe, waren von Asking Alexandria. Aber auch Sachen von In Flames, Trivium und I Prevail. Ich mag vor allem Nu Metal und Melodic Death Metal, wenn man es denn kategorisieren muss. Gesang sollte dabei sein. Gerade höre ich Bad Omens sehr gerne.
Für viele ist Metal auch ein Lifestyle. War das bei dir auch so? Oder hat es sich aufs Hören der Musik beschränkt?
Das beschränkte sich aufs Hören. Ich bin früher viel Skateboard gefahren, da war ich eher in so einer rockigen Punker-Szene unterwegs. Aber ich habe mich nie über die Kleidung optisch angepasst, sondern habe einfach immer angezogen, was mir gefällt. Ganz schlicht. Wenn wir zu Metal-Konzerten sind, war ich immer normal angezogen. Unauffällig.
Und dadurch eventuell gerade besonders auffällig! Wie bist du denn dann zum Pop gekommen?
Mit 17 habe ich mir meine erste Gitarre gekauft. Die Songs, mit denen ich dann geübt habe, oft aus YouTube nachgespielt, waren klassische Popsongs. Als ich dann die ersten Songs selbst schrieb, habe ich das auf Englisch versucht, was aber nicht so gut funktioniert hat. Ich kann zwar sehr gut Englisch, aber ein Native Speaker würde dann doch anders formulieren als ich mit 18, 19. Ich hab’s dann auf Deutsch probiert – und mich damit direkt pudelwohl gefühlt.
Das war die Zeit, in der es eine richtige Deutsch-Pop-Welle gab. Gerade hat man das Gefühl, dass deutsche Künstler wieder mehr auf Englisch singen. Denkst du auch darüber nach?
Ich bleibe der deutschen Musik treu. Obwohl, vielleicht komme ich mal mit einem Alter Ego um die Ecke, das dann auf Englisch singt, vielleicht mal für ein DJ-Projekt. Aber ich mache mir grundsätzlich keine Sorgen. Das ist einfach so in der Musik, es gibt immer Wellenbewegungen. Als ich anfing, war deutsche Popmusik allgegenwärtig, heute hört man kaum deutschen Pop im Radio. Und das ist auch okay. Als Künstler, der deutsche Musik machen will, sollte man keine Angst haben. Es geht am Ende um deine Zuhörer, deine Fans, deine Community, die du aufbaust. Und so lange die mich gerne hören, mache ich weiter deutsche Musik.
Der Erfolg gibt dir Recht, gerade ist mit „Hast du kurz Zeit“ dein drittes Nummer-eins-Album erschienen. Ist das mittlerweile auch die Erwartungshaltung, die du an dich selbst hast? Oder die vielleicht auch von außen an dich herangetragen wird?
Von außen habe ich zum Glück keinen Druck. Das läuft bei uns alles „in house“, ich habe kein externes Management, niemanden, der mir vorschreibt, du musst jetzt dieses, das und jenes machen. Ich bin aber ein sehr ehrgeiziger Typ, will immer gewinnen, selbst beim Kartenspiel.
Die Charts sind nichts anderes als ein wöchentlicher Wettbewerb. Ich gehe also schon mit dem Ziel da rein, mich gut zu platzieren; ich will, dass eine neue Platte gut ankommt. Es muss jetzt aber nicht unbedingt die Nummer eins sein. Umso toller ist es aber, wenn man mit ihr belohnt wird.
Ehrlich gesagt, wäre es aber wohl am schönsten, wenn man Musik machen könnte ohne diese ganzen Zahlen. Es gibt Streaming-Plattformen, die einem nicht anzeigen, wie erfolgreich ein Album oder Titel sind, was ich gut finde, weil einen diese Zahlen ja auch beeinflussen. Die ganze Musikbranche ist gerade sehr zahlengetrieben. Es geht um Klicks, Likes, Streams. Es wäre doch schöner, wenn man die Musik beurteilen würde: wie sie sich anhört, wie sie sich anfühlt.
Man hört der Platte an, dass du dich gerade in einer guten Lebensphase befindest, du hast ja gerade geheiratet. Und doch hat es da mit „Den Letzten beißen die Hunde“ auch einen gesellschaftskritischen Song. Wie kam’s dazu?
Das Leben ist immer ein Sowohl-als-auch. Ich war bislang niemand, der allzu sehr auf gesellschaftskritische Songs gesetzt hat, weil ich glaube, dass ein Künstler sein Publikum aus dem Alltag entführen darf, um es in eine schöne, positive Welt eintauchen zu lassen. Aber ich finde es schade, wie die Welt sich gerade in diese Höher-Schneller-Weiter-Richtung entwickelt, auch durch KI, auch durch Social Media. Das nervt mich, und das musste raus. Dass es nicht mehr um das Wahre geht, sondern nur noch um Zahlen.
Kannst Du dir vorstellen, in Zukunft mehr auf Gesellschaftskritik in deiner Musik zu setzen? Ist der Song da auch ein Testballon?
Ich hatte einfach Bock auf den Song. Er hat sich beim Schreiben und beim Produzieren richtig angefühlt. Ich glaube trotzdem, dass man den persönlichen Wincent Weiss, mit seinen politischen Ansichten et cetera, von dem Künstler trennen sollte. Ich möchte den Menschen vor allem Positivität schenken. Ich will nicht, dass die Leute ein Konzert verlassen und denken: „Hach ja, da hat er Recht, alles scheiße“, sondern das genaue Gegenteil.
Viele deiner Kollegen setzen gerade mehr auf Singles als auf Alben. Glaubst du weiter an das lange Format?
Ich höre privat fast nur Alben. Wenn ich ins Fitnessstudio gehe, lasse ich ein ganzes Album durchlaufen. Ich bin mit Alben aufgewachsen und habe auch immer auf sie hin gefiebert. Als Künstler überzeugt mich das Konzept, weil sie ja ganze Lebensphasen abbilden und von ihnen erzählen können. Das kann man nicht so gut, wenn man immer nur Song für Song raushaut. Ich werde dem Format daher treu bleiben, auch wenn viele sie als Auslaufmodelle betrachten.
Vielleicht gibt es ja in Zeiten der KI-Überflutung der Streamingdienste auch irgendwann wieder den Trend zum Analogen und damit auch den Trend zum Album …
Ich glaube, man sieht schon, wie Leute durch KI ermüden und die Rufe nach dem Echtem, nach echter, analoger Musik wieder lauter werden.
Du nimmst dein neues Album jetzt mit auf Reisen, es soll die größte Open-Air-Tour Deiner Karriere werden. Wie bereitest du dich darauf vor?
Wenn wir von der Größe sprechen, reden wir vor allem über Zuschauerzahlen. Da ist das wohl schon so. Was die Anzahl der Termine angeht, ist es diesmal gar nicht so wild. Es gab Jahre, da habe ich 120 Konzerte im Jahr gespielt, 2026 sind es zwischen 30 und 40, aber in einem komprimierten Zeitraum. Wir haben uns jetzt für längere Zeit gut vorbereitet, nicht nur die Band und ich, sondern auch alles, was sonst so dazugehört, etwa Ton, Licht et cetera. Ich freue mich auf jeden Fall, auch, dass das Interesse des Publikums da ist und uns das alles ermöglicht.
Zumal viele das Geld nicht mehr so locker sitzen haben, wenn es um Musik geht. Man liest von vielen abgesagten Tourneen bekannter Künstler.
Konzertkarten sind einfach viel zu teuer geworden. Gerade für Familien. Der Veranstalter gibt aber auch seine gestiegenen Kosten weiter, für die Miete des Veranstaltungsorts, der Technik und so weiter. Es ist alles teurer geworden. 2019 habe ich die Arena-Tour für 45 Euro gespielt, das fand ich einen guten Preis. Jetzt ist das Ticket doppelt so teuer.
Hast du da als Künstler Einfluss darauf? Gerade wenn es um so Dinge wie Dynamic Pricing geht, bei dem die Ticketpreise ja durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden und dann oft explodieren?
Dynamic Pricing gibt es bei uns nicht, da machen wir nicht mit. Es gibt feste Preise für die Tour. Ich werde von Veranstaltern gebucht, die oft Konzertreihen bestücken, weil in einer Stadt im Sommer eine Bühne aufgebaut wurde. Ich bekomme eine Gage, der Veranstalter hat den Preis in der Hand. Und da gibt es dann Unterschiede, auch weil mancher Veranstalter von Radio- oder TV-Sendern oder durch die öffentliche Hand subventioniert wird, andere aber nicht. Wieder andere arbeiten mit Sponsoren. Als Künstler hat man den Preis dann in der Hand, wenn man selbst die Arenen bucht, etwa für eigene Tourneen. Da muss man dann kalkulieren, viele Arenen sind mittlerweile dreimal so teuer wie früher. Bei internationalen Künstlern werden hohe Preise vom Publikum eher akzeptiert als bei nationalen Künstlern, so mein Eindruck. Wer aber zu den großen internationalen Stars geht, hat sein Konzertbudget fürs Jahr aufgebraucht.
Was hast du dir konkret für die Alben vorgenommen?
Es wird eine Mischung aus bekanntem Material und ein paar neuen Songs vom neuen Album werden. Wir spielen 23, 24 Titel, etwa acht davon sind neu. Ich habe die Band am Start, mit der ich von Beginn an unterwegs bin, wir sind eine echte Einheit, daher freue ich mich wahnsinnig.
Habt ihr ein Ritual, bevor es auf die Bühne geht?
Ja, wir stehen im Kreis, umarmen uns – und ich rufe laut „Ey, Büffel“. Keine Ahnung, wie das entstand, aber es ist uns wichtig und ohne das gehen wir nicht auf die Bühne. Zu Ehren der Band habe ich mir sogar ein Büffel-Tattoo auf das Bein stechen lassen.
Info
Fr 3.7., 19 Uhr, Rastatt, Schloss, Open Air im Ehrenhof; Fr 10.7., 19 Uhr, Saarbrücken, Open-Air-Gelände am E-Werk; Sa 22.8., 19 Uhr, St. Goarshausen, Loreley, Freilichtbühne; Tickets jeweils über www.eventim
Fr 3.7., 19 Uhr, Rastatt, Schloss, Open Air im Ehrenhof; Fr 10.7., 19 Uhr, Saarbrücken, Open-Air-Gelände am E-Werk; Sa 22.8., 19 Uhr, St. Goarshausen, Loreley, Freilichtbühne; Tickets jeweils über www.eventim
