Mannheim Pulsmesser der britischen Arbeiterklasse: The Streets in Mannheim
Kreative Musikvideos gab es schon viele, aber nur wenige Künstler haben wahrscheinlich so viel Schweiß investiert wie The Streets, um ein eben solches auf die Kette zu bekommen. Mike Skinner, der Kopf des Projekts, machte sich 2008 auf, um 770 Kilometer von Dover im Süden Englands an einen französischen Strand zu laufen. Ja, richtig gelesen, zu laufen! Zu Fuß! Festgehalten wurde der Marsch für den Clip zur Single „The Escapist“, die 2008 auf dem The-Streets-Album „Everything is Borrowed“ erschienen ist. Das sorgte seinerzeit durchaus für Aufsehen, auch wenn natürlich ein bisschen PR-Geflunker dabei war. So bestritt Skinner damals zur Zeit des Marschs, den er via Internet-Blog dokumentierte, auch Konzerte außerhalb der Route, etwa in Österreich und in der Schweiz, und konnte also dementsprechend gar nicht die ganze Strecke zu Fuß zurückgelegt haben. Aber sei’s drum. Eine gute Idee war’s dennoch, und ein gutes Stück des Weges ist er auch tatsächlich gelaufen.
Michael Jackson entthront
Eigentlich war der Song für einen Spielfilm gedacht. Skinner hatte ihn für das britische Gefängnis-Drama „The Escapist – Raus aus der Hölle“ geschrieben. Regisseur Rupert Wyatt lehnte die Nummer aber letztlich ab, Skinner schmollte ein wenig und verwendete sie dann kurzerhand für sein eigenes Album.
„The Escapist“ ist aber nicht das einzige Musikvideo, mit dem The Streets für Staunen sorgten. Für eine Weile hielt das Projekt auch den Rekord für das längste Musikvideo aller Zeiten. Zum 25. Geburtstag von MTV kooperierte Skinner im Jahr 2006 mit dem Sender und produzierte einen 20-minütigen Clip, zum Song „Deluded in My Mind“, der den damaligen Rekordinhaber „Thriller“ (Michael Jackson) vom Thron stieß. Mittlerweile ist der Rekord aber schon mehrfach gebrochen worden. Aktuell haben ihn die Twenty One Pilots inne. Ihr interaktiver, schier nie enden wollender Clip läuft zirka 178 Tage – und wird wohl schwer zu übertreffen sein.
Um seine Legacy zu zementieren, brauchen The Streets diesen Rekord allerdings auch nicht. Ihren Platz in der britischen Musikgeschichte haben sie sowieso sicher, und das hätten sie wohl auch, wenn sie bereits nach ihren ersten beiden Alben – „Original Pirate Material “ (2002) und „A Grand Don’t Come For Free“ (2004) – die Segel gestrichen hätten.
Das Debüt gehörte zu den einflussreichsten britischen Platten des neuen Jahrtausends. Skinner galt damals als Innovator, verband UK-Garage-Sound mit amerikanischem Hip-Hop und erzählte dabei Geschichten über die britische Arbeiterklasse, die mal düster, mal witzig und mal herzzerreißend sein konnten, wie der geschmackssichere und damals einflussreiche „NME“ den Newcomer rezensierte.
Es war ein Album, das den Nerv der Zeit traf, in der die New-Labour-Begeisterung und der Optimismus in England gerade am Abschwellen waren, 9/11 hatte in der westlichen Welt die 1990er spirituell ja sowieso gerade beendet. Skinner war mit seinem Erstling sozusagen der Pulsmesser der britischen Arbeiterklasse.
Der große kommerzielle Durchbruch gelang mit dem zweiten Album, einem Konzeptalbum, das über die Länge der Platte die Geschichte eines namenlosen Protagonisten (wohl Skinner selbst) erzählt, dem auf mysteriöse Weise 1000 Pfund abhanden kommen, der aber gleichzeitig eine Beziehung zu einer Frau beginnt, die schnell intensiv wird. Eine Rap-Oper, wenn man so will.
Wieder schwer aktiv
Obwohl Skinner The Streets zwischen 2011 und 2017 ruhen ließ, ist das Projekt heute wieder schwer aktiv. Immer wieder haut der Musiker aus Birmingham neue Singles heraus, 2023 erschien nach zwölf Jahren auch mal wieder ein neues Album: „The Darker The Shadow The Brighter The Light“ hieß das gute Stück, von Fans wie Kritikern gleichermaßen positiv aufgenommen. Und Skinner bewies sich damit wohl auch selbst, dass The Streets noch lange nicht auserzählt sind.
„A Grand Don’t Come For Free“ steht jetzt übrigens im Zentrum des Auftritts, den Skinner am 11. Juni im Palastzelt auf dem Maimarktgelände hinlegen wird. Erstmals bringe Skinner die Platte in Deutschland in dieser Form auf die Bühne, so der Veranstalter. Wiederhören mit einem Klassiker – und einem Stück Musikgeschichte.
Info
The Streets: »A Grand Don’t Come For Free« – Do 11.6., 18 Uhr, Zeltfestival Rhein-Neckar, Mannheim, Maimarktgelände, Palastzelt. Tickets: rheinpfalz.de/ticket, reservix.de
