Kultur
Bauhaus von A bis Z: Über Liebe, Leidenschaft und die Foto-Pionierin Lucia Moholy
14 Jahre existierte das Bauhaus, eine der wichtigsten Bau-, Design- und Lebenskunstschulen der Moderne. Vor 100 Jahren wurde sie gegründet. Ein Mythos. Wir wollen ihm von A bis Z auf die Spur kommen. Unter dem Buchstaben L geht es um die Liebe am Bauhaus. Und insbesondere um Lucia Moholy.
71 Ehen unter Bauhäuslern wurden geschlossen, die Liebschaften, glücklich und nicht, ungezählt. Schüler und Schülerin, Studierende und Meister, Direktoren und Schülerinnen, die Lust- und Leidenschaftsbilanz am Bauhaus: heftig. Manche Paare wurden berühmt, wie Anni und Josef Albers. Lotte Beese war mit Hannes Meyer zusammen, der das Bauhaus von 1928 bis zu seiner Absetzung durch die Nazis leitete. Gunta Stölzl liebte Marcel Breuer, mit dem zusammen die Web-Ikone den „Afrikanischen Stuhl“ entwarf, der Bezug der Rückenlehne ins Stuhlgestell eingeflochten. Sie verließ ihn für ihren Kommilitonen, den jüdischen Architekten Arieh Sharon, mit dem sie 1928 zum Kongress nach Moskau gereist war. Stölzl wurde schwanger, verlor mit der Hochzeit mit Sharon ihre deutsche Staatsangehörigkeit, gewann die palästinensische. Ihr Baby nahm sie mit in die Web-Werkstatt, die sie leitete. Dort stillte sie auch, was ein Skandal selbst am Bauhaus war.
Arieh Sharon verlor, kurz nachdem die Nazis ihren Einflussbereich ausgeweitet hatten, seine Anstellung. Stölzls Arbeitsräume wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. 1931 emigrierte sie in die Schweiz. Das Paar trennte sich, Sharon ging nach Israel und wurde schnell einer der bedeutendsten Architekten des Landes. Die Größe Stölzl dagegen wurde erst spät gefeiert – in Maßen, aber immerhin. Manche Frauen gingen im Schatten berühmter Bauhaus-Männer ganz oder beinahe unter wie auch Lucia Moholy, die erst jetzt eine gewissen Würdigung erfährt.
Sie galt lange nur als „Ehefrau von“
Wie vielleicht niemand sonst prägte die als Lucia Schulz 1894 bei Prag geborene Fotografin das optische Nachleben der Kunstschule. Sie fotografierte die Fassade der Akademie in Dessau, Marianne Brandts Teekannen aus der Metallwerkstatt, die Lampen von Wilhelm Wagenfeld, Marcel Breuers Stahlrohrstühle. Auf ihren Aufnahmen der Meisterhäuser im Kiefernwald ist die Einrichtung noch ganz neu. Ihre funktionalen, gleichwohl hochästhetischen Bilder jedenfalls, in Bauhausbüchern und Ausstellungen verbreitet, trugen maßgeblich zum Mythos bei. Trotzdem ist die kunsttheoretisch und handwerklich versierte Pionierin der neusachlichen Fotografie vor allem als die Ehefrau von Láslzó Moholy-Nagy in die Annalen eingegangen. Und er gilt sozusagen für sie mit als genialer Avantgardist.
Kein Wunder, denn bei zusammen verfassten Publikationen ist meistens nur sein Name genannt, obwohl beide eine symbiotische Arbeitsgemeinschaft pflegten. Auch Gemeinschaftswerke wie „László und Lucia“, ein Doppelporträt-Fotogramm der beiden, auf dem die Schattenrisse ihrer Gesichter zu einem Ganzen zerfließen, Konturen und Flächen sind weiß, wurden bisher immer ihm zugeschrieben. Auch im Victoria and Albert Museum in London ist nur er als Urheber verewigt. Erst jetzt, in einer Lucia Moholy gewidmeten Ausstellung im Kölner Museum Ludwig ist ihre Autorschaft vermerkt.
Ausstellung in Köln rückt ihr Werk ins Bewusstsein
„Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben“, heißt die Schau, die Fotoarbeiten von ihr zeigt, darunter auch drei neuerworbene Vintage Prints. Zudem werden Briefe aus dem Archiv des Museum Ludwig präsentiert, die sie mit dem Fotosammler und -historiker Erich Stenger wechselte. Gemeinsam wollten sie um 1932 ein Buch über die Geschichte der Fotografie schreiben. Der Aufstieg der Nationalsozialisten aber trieb die inzwischen von Moholy-Nagy getrennte, aber weiter mit ihm zusammenarbeitende Moholy in die Emigration, während Stenger in Deutschland als gefragter Experte reüssierte. 1939 dann veröffentlichte Lucia Moholy in London das Werk „A Hundred Years of Photography“, das zum Bestseller avancierte.
Ihre darin geäußerten Gedanken zur Fotografie als abstrakte Malerei, die sie bis an den Anfang des 18. Jahrhunderts zurückführte, waren damals radikal. Und sie feierte darin Moholy-Nagy für die Technik des Fotogramms, die sie ihm selbst nahe gebracht hatte.
Walter Gropis hat sie um Erfolg und Geld betrogen
In England schlug sich Lucia Moholy länger mit eher konventionellen Porträts der englischen High Society durch. Nach dem Krieg arbeitete sie in Prag und bis 1957 im Auftrag der Uno in Nationalbibliotheken des Nahen und Mittleren Ostens. Kurz lebte sich in Berlin, bevor sie 1959 in die Schweiz zog, nach Zollikon, wo sie biografische Sammlungen herausgab und als freie Korrespondentin für Kunstzeitschriften arbeitete. Ihr eigenes, am Bauhaus entstandenes Werk hatte sie auf der Flucht zurücklassen müssen, 500 bis 600 Glasnegative, deren Geschichte die Designhistorikerin Robin Schuldenfrei in einem Sammelband über „Frauen des Bauhauses während der NS-Zeit – Verfolgung und Exil“ aufgearbeitet hat.
Viele Jahre stritt Moholy sich mit dem mittlerweile in den USA lebenden Bauhaus-Gründer Walter Gropius, zu dem ihr Werk-Konvolut 1937 gelangt war. Gropius wollte ihre Arbeiten unbedingt für sich behalten. 1957 wurde er verurteilt, sie zurückgeben. Zu spät. Gropius hatte sie um Erfolg und Geld gebracht. Noch viele Jahre später firmierten Arbeiten von ihr in einschlägigen Publikationen ohne Nennung der Urheberin. Auch ihr Anteil an der Entwicklung der Fotogramm-Technik wurde meist unterschlagen. Bis jetzt? Sie starb 1969 in Zürich.
Die Ausstellung
„Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben“; Museum Ludwig, Köln; bis 2. Februar 2020. Info: www.museum-ludwig.de