Kunst
Basel und Fribourg feiern den Schweizer Künstler Jean Tinguely zu seinem 100.
Seine Beerdigung war ein Volksfest. Als man Jean Tinguely im August 1991 zu Grabe trug, war halb Fribourg auf den Beinen. Mehr als 10.000 Menschen säumten den Straßenrand, die Kinder hatten schulfrei. Die städtische Blasmusik spielte Chopin, die Basler Kuttlebutzer trommelten und pfiffen Fasnachtsmärsche, die Honoratioren hielten Reden. Es gab Böllerschüsse und Wagen voller Blumenkränze. Und am Ende kam sie, des Künstlers „beste Vogelscheuche“, die fahrende, lärmende, rauchende, trötende und furzende Traktorskulptur „Klamauk“. Hinterher gab es Freibier für alle, spendiert vom Verstorbenen, der sich genau so ein finales Happening gewünscht hatte.
In Fribourg wurde Tinguely am 22. Mai 1925 geboren, in Basel ist er aufgewachsen, es waren keine ganz konfliktfreien Jahre. Das ist nun Schnee von vorgestern. Seit 1996 hat der „größte Anarchist der Schweiz“ ein wunderschönes Museum am Rheinufer, eine kulturelle Investition des Pharmariesen Roche, der Fasnachtsbrunnen auf dem Theaterplatz wird von Einheimischen wie Fremden geliebt.
Eine Hassliebe
Der freigeistige Katholik und das (damals) unduldsame reformierte Basel, das ist die lange, oft erzählte und immer wieder neu gewendete Geschichte einer folgenreichen Hassliebe. Denn auf der Art Basel war der undomestizierbare und schon 1952 nach Paris fortgezogene Individualist oft präsent, zuletzt mit seinen späten, erbärmlich vor sich hinwackelnden und knarzenden Tierschädel-Maschinen. Auch Tinguely-Keksdosen, Krawatten und Halstücher waren im Angebot. Mancher Kunstfreund machte da nicht mehr mit.
Man kann es also schon verstehen, wenn selbst heute noch ein bisschen über die nasenrümpfende Unterbewertung des Künstlers gejammert wird, gerade in der kunsthistorischen Zunft. Es ist ein Jammern auf hohem Niveau. Dass das „große Publikum“ seinen Meister liebt, ist nicht zwangsläufig ein Indiz dafür, dass in der Rezeption etwas schief gelaufen ist. Immerhin ist das Museum Tinguely eines der beliebtesten in der Schweiz. Und wenn Klappern von raffiniert konstruierten Anti-Maschinen zum Handwerk gehört, dann ist man in Basel ganz weit vorne mit dabei.
Geisterbahn als Hommage
„Stillstand gibt es nicht!“, war einer von Tinguelys vielzitierten Kernsätzen. Er könnte jetzt auch über den Ausstellungen und Festivitäten stehen, die in Fribourg ganzjährig in und um das Museum für Kunst und Geschichte und im „Espace Jean Tinguely – Niki de Saint-Phalle“ und dem Museum Tinguely Basel stattfinden. Wobei schwer darauf geachtet wird, dass Tinguelys künstlerisches Vermächtnis neu interpretiert und aktiv weitergedacht wird. Alle anderen Beiträger, darunter renommierte Häuser zwischen Mailand und Paris, können da kaum mithalten.
Kurzentschlossene können es sogar noch zur Basler Geburtstagsfeier am Donnerstag schaffen. Die beginnt um 18 Uhr im Solitude-Park am Museum Tinguely mit Geburtstagsessen, Torte, künstlerischen Aktionen und der Eröffnung einer „Geisterbahn“ , die die Engländerin Rebecca Moss und der Schweizer Augustin Rebetez auf das Grundgerüst einer historischen Geisterbahn gesetzt haben – als Huldigung an das „Cocodrome“, eine Gemeinschaftsarbeit, die Tinguely mit Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri und Niki de Saint-Phalle zur Eröffnung des Pariser Centre Pompidou konstruiert hatte. Sie wird zu den Öffnungszeiten des Museums in Betrieb sein – bis zum 30. August dem Todestag des Maschinenkünstlers, der zum Volkshelden wurde.
„Der Traum ist alles“
Er scheint immer noch nicht ordentlich vermessen und eingeordnet. Wo die Könige bauen, haben die Kärrner was zu tun. Dafür steht in Basel dieser Tage eine international besetzte Konferenz, die Tinguelys manifesten Anarchismus im „Licht zeitgenössischer Themen, Theorien und Diskurse betrachten und seine künstlerische Praxis aus der Perspektive von Performance, Gender, Postkolonialismus, sowie Animal Ethics and Aesthetics kritisch hinterfragen“ will. Auch so ein Beitrag zum legendären „Stillstand gibt es nicht“.
In Fribourg geht man es gemächlicher an, gefeiert wird das ganze Jahr an verschiedenen Orten. Die große Fête startet am 15. Juni mit einer Parade durch die Stadt, die von einer riesigen Maschine angeführt wird. Entworfen wurde sie vom Theater als fällige Erinnerung an den wirr tönenden Beerdigungs-„Klamauk“. So schließt sich der Kreis, und viele können sagen, sie seien dabei gewesen. „Der Traum ist alles“, hat Tinguely gesagt. Die Technik? Kann man lernen.