Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Barfuß in der Pfalz: Harald Glööckler spricht über seine Kindheit, die Karriere und Kirchheim

„Ich habe mich in Kirchheim pudelwohl gefüllt“: Harald Glööckler bei der Pompös Iconic Couture Show in Berlin.
»Ich habe mich in Kirchheim pudelwohl gefüllt«: Harald Glööckler bei der Pompös Iconic Couture Show in Berlin.

Modezar Harald Glööckler hat mit „Desaströös bis pompöös“ eine neue Biografie veröffentlicht. Sein Mantra: „Wir machen Erfahrungen, keine Fehler!“ Im Interview mit Wolfgang Scheidt spricht er über seine schwere Kindheit, seine Karriere, über das Dschungel-Camp und darüber, wie pudelwohl er sich in Kirchheim fühlte. Nach dem Ehe-Aus lebt er jetzt wieder in Berlin.

Extravaganz und Glamour lieben Sie, nichts kann glanzvoll genug sein. Im Gegensatz zu Ihrer Kindheit, die Sie in Ihrer neuen Autobiografie als „desaströös“ bezeichnen. Was waren Ihre schlimmsten Kindheitserlebnisse? Haben Sie diese Erfahrungen stark für die Modewelt gemacht?
Meine Kindheit war zu großen Teilen ein Martyrium: Mein Vater war ein gewalttätiger Alkoholiker, der meine Mutter geschlagen hat. Als ich 13 Jahre alt war, hat mein Vater meine Mutter die Treppe hinunter gestoßen. An den Folgen dieses Sturzes ist meine Mutter dann gestorben. Man muss sehr stark sein, um so etwas zu verarbeiten. Aber auch in der Modewelt muss man stark sein, um sich durchzusetzen. Hier braucht es neben Stärke auch Ausdauer, denn Erfolg stellt sich selten über Nacht ein.

In Ihrer Autobiografie schildern Sie einen sexuellen Missbrauch an Ihnen als sechsjähriges Kind durch einen Bekannten der Familie. Machen Sie Ihren Eltern Vorwürfe?
Als Kind habe ich diesen Vorfall komplett ausgeblendet. Erst als ich 35 Jahre alt war, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt schon tot. Da bringt es nichts mehr, ihnen Vorwürfe zu machen. Für mich waren diese Erinnerungen die Initialzündung, mich nicht nur für Kinder in Not einzusetzen, sondern auch Betroffenen Mut zu machen, offen damit umzugehen. Zum Glück gibt es heute diverse Organisationen, wo Kinder eine Anlaufstelle haben, wenn sie Probleme haben oder Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Kein Kind darf mit solch schrecklichen Erfahrungen und Nöten allein gelassen werden.

Schon als 22-Jähriger gestalteten Sie Jeans und Hemden, die Sie in Ihrem eigenen Modegeschäft „Jeans Garden“ in Stuttgart verkauften, das Sie später in „Pompöös“ umbenannten. Wie verliefen Ihre ersten Schritte in der Modebranche?
Schon mit sieben Jahren beschloss ich, die Welt zu verschönern und wünschte mir fast wie eine Prinzessin, selbst ein Modeprinz zu werden. Als ich mit der Schule fertig war, sagte meine Tante: „Was willst du denn lernen?“ Da flog ich erst mal aus allen Wolken. Ich hatte gar nicht vor, einen Beruf zu lernen. Ich hatte ja meine Berufung. Es nützte aber alles nichts, ich musste einen Beruf erlernen! Meine Tante war befreundet mit dem Inhaber eines großen Modehauses, wo sie mich ruckzuck unterbrachte. Dort absolvierte ich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann und war danach als Verkäufer in der Herrenabteilung eines Modehauses tätig. Der erste Schritt für eine Tätigkeit in der Modebranche war getan! Mit 22 Jahren folgte der Schritt in die Selbstständigkeit. Meine ersten Schritte in die Modebranche verliefen holperig, ich lebte oft von der Hand in den Mund. Viele sagten damals zu mir: „Du musst Mode wie Hugo Boos machen, dann wird das was“. Ich entgegnete: Warum soll ich Mode wie Hugo Boss machen, die gibt es doch schon. Ich bin mir immer treu geblieben und habe mein eignes Ding durchgezogen, bis sich nach und nach der Erfolg einstellte. Harry Belafonte sagte einmal: „Ich habe 30 Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden.“ So ähnlich war es auch bei mir, nur dauerte es keine 30 Jahre.

Gibt es unter den Designer Vorbilder? Wie eigensinnig muss ein Modedesigner sein?
Ich bin ein großer Verehrer von Yves Saint Laurent. Er hat wunderschöne Mode für die Frauen gemacht und ihnen den Smoking geschenkt. Ein Modedesigner muss nicht zwangsläufig eigensinnig sein – aber es schadet der Sache nicht.

Wie wichtig sind Schönheitsideale für Sie? Haben Männer gegenüber Frauen Nachholbedarf bei Schönheitsoperationen?
Ich finde den Begriff „Schönheitsideale“ problematisch. Wer bestimmt denn, was schön ist und was nicht? Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Jeder Mensch hat schöne und hässliche Seiten. Ich will aber nur das Schöne sehen, das andere blende ich aus. Gerade was Frauen angeht, ist für mich jede Frau schön, egal ob sie Größe 36 oder Größe 56 trägt. In der Vergangenheit haben sicherlich wesentlich mehr Frauen Schönheitsoperationen durchgeführt als Männer. Was eigentlich verwunderlich ist, denn in der Natur sind es ja meistens die Männchen, die das bunte Gefieder oder andere Attribute haben, um die Weibchen zu beeindrucken. Von daher haben Männer da vermutlich tatsächlich Nachholbedarf. Ja, ich selbst gehe mit dem Thema Schönheit-OPs offen um; ich verstehe die Leute nicht, die daraus ein Geheimnis machen. Der Sinn einer Schönheits-OP ist doch, dass man eine Veränderung sieht. Warum sollte man dies dann verschweigen?

Ihre Modeschauen sind Feuerwerke an Glamour, wie gerade bei eine Fashion-Show am Berliner Wannsee. Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie Ihre Mode präsentieren? Wer kann sich Ihre Mode leisten?
Meine erste Modenschau habe ich vor 30 Jahren im Neuen Schloss in Stuttgart veranstaltet. Damals wie heute ist mir bei einer Modenschau wichtig, dass alles perfekt aufeinander abgestimmt ist. Das heißt, dass die Outfits zu den Models passen, dass die Frisuren zu den Outfits passen, dass das Make-up passt, dass die Musik stimmt, die Choreografie usw. Ich habe schon Haute-Couture- Kleider kreiert, die im fünfstelligen Preisbereich lagen; aber meine Prêt-à-porter Mode bewegt sich üblicherweise in Preis-Ranges, die sich eigentlich fast jeder leisten kann. Meine Mode-Präsentationen sind zum größten Teil Kunst. Das ist etwas, das in Deutschland eher untypisch, in Frankreich aber absolut üblich ist. Sie sind PR-Veranstaltungen und im Grunde genommen vergleichbar mit Operninszenierungen. Daneben war ich ja der erste, der Luxus für den kleinen Preis gemacht hat. Ich habe Prêt-à-porter-Kollektionen kreiert, die zu absolut erschwinglichen Preisen in den Handel kamen und die sich im Grunde genommen jeder Mann und jede Frau leisten konnte.

Als Ikone der queeren Community gehen Sie offen mit Ihrem Schwulsein um. Arbeiten Sie lieber mit Frauen, Männern oder queeren Models zusammen? Finden Sie es gut, dass bei Heidi Klums „Germany“s Next Topmodel“ erstmals sowohl weibliche als auch männliche Models mitmachten?
Für mich ist entscheidend, ob das Model zum Outfit passt, welches es präsentieren soll. Die sexuelle Orientierung spielt für mich keine Rolle. GNTM schaue ich nicht, deshalb fehlen mir die nötigen Fakten, um dies zu beurteilen; grundsätzlich und im Sinne der Gleichberechtigung spricht natürlich einiges dafür, die Show auch mit Männern zu drehen.

Acht Jahre lang bis 2023 lebten Sie mit Ihrem damaligen, eingetragenen Partner in Kirchheim an der Weinstraße. Wie wohl haben Sie sich in Landkreis Bad Dürkheim gefühlt und was vermissen Sie besonders an der Pfalz, seit Sie wieder in Berlin leben?
Ich habe mich in Kirchheim pudelwohl gefüllt. Die Ruhe, die Natur, das alles habe ich sehr genossen. Einfach mal barfuß durchs Gras zu gehen, das war herrlich. Das sind natürlich Dinge, die man in Berlin nicht hat und die man hin und wieder schon vermisst. Ich habe immer noch sehr gute Freunde aus der Zeit und nach wie vor eine große Affinität zur Gegend.

Im Buch beschreiben Sie, dass in Ihrer Ehe nach 35 Jahren die Luft raus war und Sie einen privaten Neuanfang wagen wollten. War Ihre Entscheidung richtig?
Schwerwiegende Entscheidungen sind noch niemandem leicht gefallen, dennoch müssen Sie getroffen werden. So schwer es in dem Moment auch fällt, irgendwann kommt der Zeitpunkt, um loszulassen. Nur so kommt man auch in seiner persönlichen Entwicklung weiter.

Für Überraschungen sind Sie stets gut: Beim RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ belegten Sie 2022 den vierten Platz. Welche Erfahrungen und Eindrücke sammelten Sie? Würden Sie es noch einmal tun?
Das Dschungelcamp ist eigentlich noch viel krasser, als das, was man im Fernsehen zu sehen bekommt. Denn wir sind ja die ganze Zeit dort, auch wenn die Kameras aus sind. Bzw. sind die ja nie aus, nur bekommen sie nicht alles zu sehen. Und entgegen den Gerüchten gibt es dort kein Buffet hinter den Kulissen oder bequeme Betten. Wir haben wirklich die ganze Zeit auf den Pritschen geschlafen und da schläft man nicht wirklich viel. Der Schlafmangel und die körperlichen Anstrengungen waren schon eine extreme Belastung. Ich habe beim Dschungelcamp während der Corona-Zeit zugesagt, weil man PR-technisch ja so gut wie nichts machen konnte. Und nach zwei Jahren Zwangspause musste mal wieder etwas passieren – dafür bot das Dschungelcamp eine geeignete Plattform. Ohne Corona hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Andererseits waren es wundervolle Erlebnisse, denn wann hat man schon einmal die Möglichkeit, mitten im Dschungel sitzen zu können? Ich hatte eine großartige Zeit dort. Ich würde es wieder machen, aber nicht noch einmal.

Herr Glööckler, seit 37 Jahren gibt es Ihr Label „Pompöös“, Sie werden nächstes Jahr 60 Jahre jung. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration und Kraft, um immer weiterzumachen?
Die Inspiration steckt in mir und bricht aus, wie die Lava aus einem Vulkan. Das war bei mir schon immer so, dafür brauche ich keine Muse oder ähnliches. Ich werde wenigstens 100 Jahre alt werden, eher 120, von daher ist bei mir gerade mal Halbzeit.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – was würden Sie wählen?
Ich würde mir Gesundheit und ein gesegnetes Leben für alle Menschen und Lebewesen wünschen. Als zweiten Wunsch, dass alle Menschen und Lebewesen auf der Erde in Frieden und Liebe leben und als Drittes, dass alle Menschen und Lebewesen auf der Erde in Überfluss leben.

Zur Person

Harald Glööckler, bürgerlich Harald Glöckler, wurde am 30. Mai 1965 im schwäbischen Maulbronn geboren, seine Eltern betrieben eine Gastwirtschaft. Nach einer Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Modehaus eröffnete er mit seinem damaligen Lebenspartner das Modegeschäft „Jeans Garden“ in Stuttgart, das er später in „Pompöös“ umbenannte. 1990 gründete er das Modelabel „Pompöös“. Mit seinem Ehepartner lebte er von 2015 bis 2023 in Kirchheim an der Weinstraße, seit der Trennung zog er wieder nach Berlin. Die Biografie „Desaströös bis pompöös“ ist im Molino Verlag erschienen (182 Seiten, 22 Euro). Mehr zu Harald Glööckler unter: https://www.haraldgloeoeckler.vip

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