Mannheim
„Babylon Berlin“-Fieber: Die ganze Stadt feiert die 1920er-Jahre
4405 Besucher hatte die Ausstellung, Vernissage am 14. Juni 1925. Gustav Friedrich Hartlaubs Überblick über eine zeitverhaftete Kunstströmung, der er selbst einen zum Epochenbegriff avancierten Namen gegeben hatte, war damals kein Kracher. Krass dagegen, das Nachbeben, das die Schau „Die neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ immer noch entfaltet.
Inge Herold, die Grande Dame des einschlägigen Expertentums, war neulich in Wien bei der Eröffnung einer Schau im Leopold-Museum: „Glanz und Elend. Neue Sachlichkeit in Deutschland“. „Ganz viel“ sei dort die Rede gewesen von Mannheim, von Hartlaub, „natürlich“, erzählte sie jetzt bei einer Pressekonferenz in den Reiss-Engelhorn-Museen (rem). Nicht anders werde es sich in New York verhalten, am Hudson River, nächstes Jahr, wenn im New Museum um Beckmann, Dix, Grosz, Schlichter, Hubbuch etc. geht. Den kalten Blick der Kunst auf die chaotischen deutschen Zeitenwendezeiten der Weimarer Republik, deren Wiederkehr in bösen deutschen Alpträumen gerade ungut dräut. Wobei: Wien, New York, die wohl maßgebliche Ausstellung zum Thema wird Herold, die stellvertretende Direktorin, selbst in der Mannheimer Kunsthalle kuratieren.
Eröffnung im November. Angekündigt ist eine nachholende, ergänzte Rekonstruktion der Jahrhundertschau des 1933 von den Nazis geschassten Hartlaub, in der 32 ausschließlich deutsche Männer vertreten gewesen sind – und bei der dem Nazi-affinen Alexander Kanoldt der größte Raum gewidmet war. Herold dagegen wird auch die Werke von Künstlerinnen wie Lotte Laserstein oder Jeanne Mammen präsentieren, dazu internationale Klassiker der sezierenden Präzisionskunst wie Edward Hopper oder Pablo Picasso, der der Richtung zeitweise auch anhing.
Für Herold, die als Volontärin an die Kunsthalle kam, ist die Schau ein großes Finale. Im nächsten Jahr geht sie in Ruhestand. Spätestens seit Anfang der 1990er-Jahre beschäftigt sie sich mit dem Thema Neue Sachlichkeit intensiv. So war sie 1994, vor 30 Jahren, beim 20er-Jahre-Projekt in der gesamten Metropolregion auch schon beteiligt. Jetzt aber ist ihre Jubiläumsschau die Herzkammer einer umarmenden städtischen Groß-Zelebration.
Maßgeblich initiiert hat den Wumms, bei dem rund 35 Mannheimer Institutionen mitmachen – bis hin zum Privattheater „Schatzkistl“ und dem Modehaus Engelhorn, das seine Schaufenster zeittypisch dekorieren wird –, Inge Herolds Chef. Wie Kunsthallen-Direktor Johan Holten bei der Auftaktpressekonferenz im rem-Zeughaus erzählte, rumort die Idee einer gemeinschaftlichen Huldigungsanstrengung schon seit seiner Zeit als Leiter des Heidelberger Kunstvereins Mitte der Nullerjahre. Jetzt traf sie offenbar einen Nerv.
Nach einer gewissen Zeit, meinte Holten, habe er sich vor Beteiligungsangeboten gar nicht mehr retten können. Inzwischen füllen anstehende Ereignisse wie eine „The Great Gatsby“-Party im Capitol, die Nationaltheater-Inszenierung von Franz Schrekers selten gespielter Zauberoper „Der Schmied von Gent“ oder die Einladung zum Charleston-Tanz (inklusive Tanzkurs) im Technoseum, eine ansehnliche Broschüre. Ein Auftakt allerdings ist schon in der Kunsthalle zu sehen: die Schau „Hart & direkt. Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit“, die prototypisch den kühl rationalen Aufbruch erfahrbar macht, der die Neue Sachlichkeit kennzeichnet (bis 12. Januar 2025). Dazu wird morgen in den Reiss-Engelhorn-Museen eine von Claude W. Sui eingerichtete Schwarz-Weiß-Fotografie-Ausstellung eröffnen.
Gezeigt werden dort – im doppelten Wortsinn dicht gehängt – die betont dokumentarisch inszenierten Werke des Menschen- und Ständefotografen August Sander (1876 bis 1964). „Sieh hier, so sind die Menschen: Klassentiere, jedem kannst du am Gesicht den Beruf ablesen“, schrieb der zeitgenössische Journalist L. Fritz Gruber über die Bilder, auf denen Jungbauern, Handwerker, ein Dienstmann posieren; oder die coole Sekretärin des WDR mit Kurzhaarfrisur und Zigarette in der Hand. Alle in Frontal- oder in Dreiviertelsicht aufgenommen, nüchtern, aber repräsentativ.
Dazu sind die Industrie- und Naturaufnahmen des maßgeblichen Neue-Sachlichkeit-Influencers Albert Renger-Patzsch (1897 bis 1966) zu sehen, dessen kühn geschnittenen, scharfkantigen Zechen-Fotos frösteln machen in ihrer monumentalen Menschenabgewandtheit. Auch die Natur wirkt auf den Bildern des gebürtigen Würzburgers geradezu entromantisiert.
„Es geht mir nicht um Sonnenuntergänge“, ließ sich Renger-Patzsch zu Lebzeiten seine vom Zufälligen befreite Hochpräzisionsfotos kommentierend zitieren. Eine Haltung, die sich später als durchaus anschlussfähig erwies. So führt eine Spur von der neusachlichen Pathetik von Renger-Patzsch, aber auch von der distanten Typenkunde August Sanders stracks zur Propagandafotografie einer Leni Riefenstahl. Weiter verfolgt wird sie in den Engelhorn-Museen-Schau freilich nicht.
Stattdessen probt Ausstellungsmacher Sui den erhellenden Abgleich mit den magisch aufgeladenen Wunderwerken des 1952 aus der DDR nach Käfertal geflüchteten Lokalmatadors Robert Häusser. Der 2013 gestorbene Preisträger der Hasselblad-Stiftung wäre am 8. November 100. In der Ausstellung jetzt sind seine Industrie- und Naturaufnahmen neben die von Renger-Patzsch platziert – und zeigen, bei allen Parallelen zwischen den beiden von Weltkriegen geprägten Männern, wie Häusser den Realismus seines Vorgängers ins Metaphysische wendet. Derweil treten einem im Vergleich zu August Sanders Bildern die Menschen bei Häusser irgendwie näher, melancholisch verschattet wie Elvis, den der Fotograf 1958 bei einem Spontanbesuch in Mannheim abgelichtet hat. Der Bildfonds spielt anders als bei Sander bei Häusser eine tragende Rolle. Dennoch operieren beide subjektiv, wie sich etwa in der Zusammenschau von Sanders „Mädchen im Kirmeswagen“ (1926-1932) und Häussers „Landfahrerkind“, 1946, erkennen lässt.
Das Mädchen bei Häusser sitzt auf der Treppe. Sie hält ein Huhn in den Händen. Sanders Pendant schaut aus dem Türfenster eines Bauwagens, die rechte Hand hat sie schon am Schlüssel. Als wollte sie fliehen. Die neusachlichen Fotos von Sander sind in Wahrheit auch poetisch. Oder wie Häusser das einmal beschrieb: „Kein Objektiv ist objektiv.“
Infos
„SACHLICH NEU. Fotografien von August Sander, Albert Renger-Patzsch & Robert Häusser“, in den Reiss-Engelhorn-Museen, 22. 9. bis 27. 4. 2025.
www.1920er.art