Belgien
Auferstanden aus der Asche: Technofestival Tomorrowland in Belgien
Zerstörung kann erschreckend ästhetisch sein. Bizarr ragt eine riesige, verkohlte Konstruktion in den Abendhimmel über Tomorrowland in der nordbelgischen Stadt Boom bei Antwerpen. Zehntausende junge Menschen tanzen vor dieser zu Kunst gewordenen Ruine, angetrieben von den durchdringenden Elektro-Beats des brasilianischen DJ Alok.
Irgendwann dimmt der 33-Jährige die Musik und greift zum Mikrofon. „Wir tragen heute eine unglaubliche Energie in uns“, beginnt er im Tone eines Predigers, denn dieser Abend sei größer als jeder einzelne, gemeinsam entstehe eine neue Erinnerung. Eine Erinnerung an die Kraft der Schöpfung und die Kraft des Mutes und der Träume, dafür stehe Tomorrowland in diesen Stunden. Frenetischer Jubel brandet auf, DJ Alok trifft das Lebensgefühl der Besucher. Jeder einzelne in dieser tosenden Masse fühlt sich an diesem Abend als Teil von etwas Besonderem, von etwas Unmöglichem, das möglich gemacht wurde.
Um diesen Grad der kollektiven Verzückung zu erreichen, bedurfte es zuvor eines emotionalen Absturzes und 36 Stunden des Bangens und Hoffens. Am Mittwochnachmittag machten auf Instagram die ersten, kurzen Videos die Runde, die die Tomorrowland-Fangemeinde – insgesamt rund 400.000 Besucherinnen und Besucher werden zu den beiden Wochenenden erwartet – in einen Schockzustand versetzten. Zu sehen war eine azurblaue Fantasielandschaft, die lichterloh in Flammen stand. Eine gigantische, dunkelgraue Rauchsäule stieg in den Himmel und war noch im zehn Kilometer entfernten Antwerpen zu sehen.
Die 160 Meter breite und 70 Meter hohe Hauptbühne auf dem Festivalgelände hatte aus bisher unerklärlichen Gründen Feuer gefangen. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, konnte am Ende aber nur die ganz große Katastrophe verhindern, dass die Flammen auf die anderen 16 Bühnen übergreifen. Von der einst kunstvoll mit Bergwelt, Steinskulpturen, 65 Springbrunnen und zwei Wasserfällen gestalteten Hauptbühne blieb nichts übrig – bis auf besagten Rest der verkohlte Basiskonstruktion. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. In diesen Augenblick gingen alle davon aus, dass eines der größten Elektrofestivals weltweit mit DJs wie David Guetta, Lost Frequencies, Charlotte de Witte Martin Garrix, Armin van Buuren und Swedish House Mafia nicht stattfinden
.
„Ich musste ein bisschen weinen, als ich das Video von der brennenden Bühne auf Instagram gesehen habe“, gesteht Ramona. Sie hat sich mit ihren Freundinnen Imke und Daniela auf den weiten Weg aus Karlsruhe an die Schelde gemacht. „Mir haben schlicht auch die Veranstalter leidgetan, die sich so viel Mühe gegeben haben.“ Dass das Festival dennoch stattfinden konnte, ist in ihren Augen der helle Wahnsinn und irgendwie auch ein schönes Zeichen, dass man sich nicht unterkriegen lassen dürfe. Die bekannte belgische Techno-DJane Charlotte de Witte postete ein keckes Foto von sich vor dem verkohlten Rest der Hauptbühne. Darunter schreibt sie bedeutungsschwanger: „From the ashes, we will rise“ – Wir werden auferstehen aus der Asche.
Vor dieser musikalischen und spirituellen Ekstase standen allerdings drei Tage harte körperliche Arbeit und ein logistisches Meisterwerk. Nach dem ersten Schock des Brandes gab sich die Festival-Sprecherin Debby Wilmsen von Anfang an kämpferisch. „Das Festival wird stattfinden. Es ist allerdings klar, dass wir ohne die Hauptbühne auskommen müssen. Wie wir das lösen, kann ich noch nicht sagen, aber wir arbeiten daran“, sagte sie am Mittwochabend auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz. Die totale Ratlosigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber man halte an dem Plan mit 600 Auftritten auf 16 Bühnen fest.
Metallica stellt eigene Bühne zur Verfügung
Die beiden ersten Probleme bestanden darin, das Feuer ganz zu löschen und die Reste der verkohlten Bühne stabil zu halten. Über 100 Feuerwehrleute schafften es schließlich, alle Glutnester unter Kontrolle zu bekommen und auch den ausgetrockneten, angrenzenden Wald mit sehr viel Wasser abzusichern. Wie ein Wunder wirkt es, dass innerhalb kürzester Zeit von weit über 200 Arbeitern die 60 Meter breite Ersatzbühne mit unzähligen LED-Monitoren aufgebaut werden konnte. Das Unternehmen Pixelscreen erklärte am Wochenende, dass bei dem Brand rund 1000 Quadratmeter Bildschirme ein Raub der Flammen geworden seien, man aber schnell Ersatzgeräte organisiert habe.
Am Ende half auch noch ein glücklicher Zufall, um das Happy End perfekt zu machen. Die US-amerikanische Metall-Band Metallica hatte offensichtlich ihre Bühnenausrüstung noch transportfertig in Österreich zwischengelagert. Die Mitglieder der Gruppe erklärten sich kurzerhand bereit, alles nach Boom fahren zu lassen und dem Tomorrowland-Festival auszuleihen. So stand der großen Elektro-Party am Wochenende nichts mehr im Wege. Eine Einschränkung gab es allerdings: Auf ein großes Feuerwerk wurde aus Brandschutzgründen verzichtet. Und es sorgte dann noch ein Todesfall für Erschütterung, der allerdings nichts mit verheerenden Brand zu tun zu haben scheint: Eine 35-jährige Kanadierin starb im Krankenhaus, nachdem sie am Freitagabend auf dem Festival über Unwohlsein geklagt hatte.