Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Auch Champignons werden Kunst: Die sehr tolle Pfalzpreisausstellung in Kaiserslautern

„Beständig ist nur der Wandel“: Mischtechnik des Pfälzer Malerjungstars Dominik Schmitt.
»Beständig ist nur der Wandel«: Mischtechnik des Pfälzer Malerjungstars Dominik Schmitt.

Zuckerwattewolken fliegen durch die Luft, Handtaschen sind aus Kombucha, Smartphones werden mutwillig zertrümmert, die Pfalzpreisausstellung im Kaiserslauterer mpk kennt keine Spartengrenzen und ist gut wie nie. Alles anders: Das Thema der Schau lautet „Transformationen“.

Ein Metallarm schwenkt, technisches Equipment, in Regalen gestapelt, Kabel überall, Kompressoren laufen, Luftklappen fallen krachend in sich zusammen. An der Wand: ein Schaltkasten hinter Glas, die Steuerungstechnik. Aus zwei Maschinen quillt es. Dann werden mit Zugluft Zuckerwattewolken aufs Parkett geblasen, die sich bald wieder verziehen. Übrig bleibt: unpoetisches Pappzeug, das an den Schuhen klebt. So viel Aufwand für so was, der Apparat entzaubert sich selbst. Von wegen heile Welt. Von wegen „happy forever“, wie Christine Biehler ihre herrlich allegorische Glücksmaschine zur Umwandlung von Zucker in multisensorische Kunst nennt. Das Teil passt nicht ohne Grund genau. Das Werk der in Landau geborenen Künstlerin gehört zur von Denise Kamm kuratierten Pfalzpreisausstellung, die unter dem vorgegebenen Thema „Transformation“ spartenübergreifend auftrumpft. Unter der Ägide von Direktor Steffen Egle wirkt das Museum Pfalzgalerie selbst wie verwandelt.

Jünger, plötzlich instagrammable, um Nahbarkeit bemüht. Auch der weitläufig begriffenen Pfälzer Kunst verschafft der vife Kunstvermittlungscrack Egle jetzt mit der Pfalzpreisschau einen – so die Selbstauskunft – „großen Auftritt“. Und der sieht gut aus. Qualitätvoller jedenfalls war die Wettbewerbsschau, die erstmals nicht zwischen Bildhauerei, Grafik, Malerei, Video und Performance unterscheidet, kaum je. Ein Novum auch, dass sich 334 Künstlerinnen und Künstler beworben haben, viel mehr als sonst, um schlussendlich die mit 10.000 und 2500 Euro (Haupt- und Nachwuchspreis für die bis 35-Jährigen) zu gewinnen.

Die Zuckerwattenmaschine von Christine Biehler.
Die Zuckerwattenmaschine von Christine Biehler.

Bekannte Namen präsent, ein kleines Who’s who. Von dem inszenatorisch fotografierenden Kunst-Aktivisten Thomas Brenner bis zu Michael Volkmer, ein Pfälzer Heros, Jahrgang 1966, aber for ever young. Der gebürtige Mannheimer aus Winnweiler wettbewerbt unter anderem mit einem eigenwillig Mango-Lassi-farbenen glänzenden, haushohen Turm, der leise an Tatlins „Monument für die Dritte Internationale“ gemahnt und sorgsam gereihte Wein-, Gin- und Pastisflaschen intus hat, die auf Podesten stehen.

Na so was: Handtasche aus Pilzen von Lilith Nikolai.
Na so was: Handtasche aus Pilzen von Lilith Nikolai.

Bazi ist tot

Je drei Werke durften die 32 Auserwählten einreichen. Von Veronika Olma, Enkenbach-Alsenborn, ist auf GPS-Daten-Basis eine der letzten Wanderungen mit Hund Bazi plastisch nachgezeichnet. Bazi ist tot. Das Werk ist jetzt auch Reminiszenz. Im Museum rattert und klingklangt es, das wandgroße Puzzle aus bemalten Fotos der Stadtlandschaft von Gizeh des Kaiserslauterer Ägypters Hamedy Reda flattert bei jedem Luftzug sanft im Wind. Lilith Nikolai, für den Nachwuchswettbewerb nominiert, hat von Baumwollfäden zusammengehaltene Taschen aus Biomaterial hergestellt. Teile aus pürierten und getrockneten Champignons, monatelang fermentiertem Kombucha, ein Exemplar ist aus Tapiokastärke. Die Clutch hat als Grundstoff Apfelpektin. Öfter ist alles anders als man sich das denkt, wie bei Elias Wessel, der die interessante metropole Kombination „lebt und arbeitet in New York und Speyer“ als Modus vivendi angibt und sonst so in Taipeh, Paris oder dem Düsseldorfer NRW-Forum ausstellt. Sein Arbeitsprozess, für viele wie für ihn selbst, er gesteht das freimütig ein: herzgreifend.

Wessel schrottet Smartphones, traktiert sie mit dem Hammer, lässt die allgegenwärtigen Ich-Prothesen vom Bus überfahren. Hinterher werden die leicht (Scherz) veränderten Displays abfotografiert, klein- und großformatig aufgezogen oder mit Video aufgenommen. Bizarr was dabei herauskommt, Querstreifenbilder von einer Farbigkeit wie die Ringelpullover von Paul Smith, krakelige Hieroglyphen auf sandigem Untergrund, organische Formen, Kunst-Updates, aus Wut und Zerstörung entstanden. Das Leitthema Transformation kann eben vieles bedeuten, künstlerisch, gesellschaftspolitisch, ökologisch, technisch gesehen.

Flattert in der Zugluft: Arbeit von Hamdy Reda.
Flattert in der Zugluft: Arbeit von Hamdy Reda.

Mensch foppt die KI

Gabriele Engelhardt zum Beispiel, sie lebt in Karlsruhe, hat mit einem Edenkobener Recyclingunternehmen kooperiert – und per Baggerkralle Plastikfolien aufschichten lassen. Ein, sagen wir es so, ambivalenter Stoff, in diesem Fall ursprünglich für den Gemüseanbau verwendet, jetzt Urgrund eines Müllbergs, der in einer Hundertschaft fotografischer Einzelbilder abgetastet und am Computer neu montiert wird – zum hyperrealen, detailscharfen, multiperspektivischen Abbild unseres folgenreichen Daseins. Nahsichten, nur ganz anders, sind auch die phänomenalen großformatigen Radierungen (!) von Michael Rausch.

Die Steine auf dem Bild, die Vorlage zufällig gefunden am Wegesrand irgendwo in der Vorderpfalz, der vom Grünschnitt übrig gebliebene Reisigwust, sie sehen aus wie fotografiert. Derweil ist der machtsymbolisch konnotierte, historische Spitzenkragen von Gertrud Riethmüller wandfüllend und aus Lautsprecherkabeln geklöppelt. Die Tonspur dazu, ein Soundgeflecht aus Klöppelgeräuschen und Satzfragmenten. Kann sein, es geht um die Sicht des Kragens auf die Ungerechtigkeit der Welt. Riethmüller, 2023 mit dem Rheinischen Kunstpreis ausgezeichnet, gehört unbedingt zu den Favoriten. Die Preisvergabe? Wird freudige Schwerstarbeit für die Hochkarat-Jury, die vorbehaltlos zwischen sehr Unterschiedlichem zu unterscheiden hat.

Aus Kabel geklöppelt: Kragen von Getrud Riethmüller.
Aus Kabel geklöppelt: Kragen von Getrud Riethmüller.

Zwischen der Performance von Constanze und Norbert Illig, bei der Fantasie-National-Flaggen in großen Bottichen vom Abgrenzungs- zum Friedenssymbol „weiß“ gewaschen werden. Und zwischen Rainer Steve Kaufmanns von der Decke schwebenden Tuschzeichnungen, träumerischen Erinnerungsbildern an seine Ur-Großeltern, Tabakbauern mit eigenem Hof, die er gar nicht leibhaftig kannte. Zwei dringende Anwärter noch: Die sehr gegenwärtige Arbeit „Trans-Subtance“ von Claudia Schmitz. Die in Köln lebende Künstlerin nennt sie „Echtzeit-Improvisation“. Ein Ventilator bewegt zwei Papierwolken, die mannshoch von der Decke hängen. An der Wand eine Zwei-Kanal-Projektion, Sound aus zwei Richtungen. Zu sehen: die Zeichnungen einer auf Zeichengeräuschen und -gesten trainierten Künstlichen Intelligenz. Schmitz stört die KI mit Tönen, die sie nicht kennt. Schöne neue High-end-Kunst. Dominik Schmitt, der junge, international gezeigte Pfälzer Malerstar, gebürtig in Neustadt, dagegen hat seine Mischtechnik (Öl, Acryl, Air-Brush, Sprühlack) noch halb feucht angeliefert.

Bis der Krieg endet

Der Mann kann was, echt. Fünf Leinwände bilden ein breites Kreuz. Ein altmeisterlich auf Hochglanz gemalter Affe in Sneakern von Nike reitet ein grimmiges Kuhmenschrhinozeros, das auf Stöckelstehen geht, durch eine Surreallandschaft, wallende Berge im Hintergrund. Farne im Wind. „PANGEA“, wie der sogenannte Ur-Kontinent, heißt das Gemälde, auf dem Text zu lesen ist. Großgeschrieben, oben: „Beständig ist nur der Wandel.“ Stimmt schon, bei manchen Dingen wünscht man sich trotzdem, dass sie aufhören. Markus Kaeslers Work in Progress etwa. Titel: „Vanitas.“ Der in Heidelberg lebende Konzeptfotograf zerstört dafür Tag für Tag in einer Art Selbstkasteiungsritual einer seiner Silbergelatine-Barytabzüge in der Größe 13 mal 18 Zentimeter und verknüpft sie zu einer Art Wandteppich. So lange, bis der Krieg in der Ukraine endet. Er löst das Bildsilber auf, bis nur noch opakes Grau übrig bleibt. Zum Zeitpunkt der Einreichung seiner Arbeit, am 12. März 2024, war er bei 748 Einzelblättern angelangt. Heute sind es 832.

Die Ausstellung

Pfalzpreis für Bildende Kunst 2024 „Transformationen“. Bis 11. August. www.mpk.de

Turm mit Spirituosenflaschen intus: Werk von Michael Volkmer.
Turm mit Spirituosenflaschen intus: Werk von Michael Volkmer.
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