Kultur Außergewöhnliches Opernprojekt in Ludwigshafen

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Hansgünther Heyme mit seinem Hund Gomez bei einem Spaziergang durch Ludwigshafen.
Das Plakat zu der Produktion hat der Regisseur und Ausstatter Hansgünther Heyme gestaltet.
Das Plakat zu der Produktion hat der Regisseur und Ausstatter Hansgünther Heyme gestaltet.

Gleich mehrere Institutionen sind an diesem außergewöhnlichen Opernprojekt beteiligt: Wenn im Dezember in der Ludwigshafener Rhenus-Halle am Luitpoldhafen Victor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ zur Aufführung kommen wird, dann haben zur Realisierung sowohl das Pfalztheater Kaiserslautern mit seinem Opernstudio als auch die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und die Ludwigshafener Initiative Stolpersteine beigetragen.

Doch an der Produktion der Kammeroper, die 1943/1944 im Konzentrationslager Theresienstadt entstand, wirken noch weitere Projektpartner in Ludwigshafen mit: Schülerinnen und Schüler des Heinrich-Böll-Gymnasiums werden das Programm gestalten, in der Berufsbildenden Schule sollen Bühne und Kulissen entstehen. „Auf diese Weise können wir Jugendliche mit einem so wichtigen Thema erreichen“, betont Johannes Graßl vom Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“. Dieser möchte mit dem „Kaiser von Atlantis“ an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht erinnern und verfolge laut Graßl schon seit Jahren die Idee, die Ullmann-Oper szenisch umzusetzen. „Ich finde das absolut sensationell, wenn wir das hinbekommen.“ Der langjährige Pfalzbau-Intendant Hansgünther Heyme war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Wie man das von ihm gewohnt ist, wird er nicht nur Regie führen, sondern auch Kostüme und Bühne entwerfen. Die Skizzen hat er zum Gespräch gleich mitgebracht. Es ist eine düstere KZ-Welt, die Heyme vorschwebt, in der immer wieder die Symbole des Nazi-Regimes aufscheinen. „In jedem Kostüm verbirgt sich das KZ“, erläutert Heyme, der seine Bühne so konzipieren muss, das sie sich sowohl in die Ludwigshafener Industriehalle einfügt, als auch auf die Werkstattbühne des Kaiserslauterer Pfalztheaters passt. Bei den Aufführungen in Ludwigshafen wird die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz spielen, bei denen in Kaiserslautern das Pfalztheater-Orchester. Es ist nicht das klassische Umfeld eines Opernhauses, in dem Graßl und Heyme den „Kaiser von Atlantis“ zeigen wollen, also nicht in unmittelbarer Nachbarschaft von „Carmen“, „La Traviata“ oder „Zauberflöte“. Diese Oper brauche einen „Unort“, sagt Graßl. Den glaubte man in Ludwigshafen zunächst in der aufgegebenen Untergrund-Straßenbahnstation Danziger Platz gefunden zu haben. Doch die Pläne dort ließen sich nicht verwirklichen, es habe an der notwendigen Infrastruktur gefehlt. Nun also die Industriehalle mit ihrer konkreten Haltung des Abweisens, des Unästhetischen, des Prekären. Der Spielort wird damit Anfang Dezember bei der Ludwigshafener Premiere Teil der Inszenierung, erst Recht, wenn dann auch noch später eine Vorstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen gezeigt wird. Denn diese Oper ist eine KZ-Oper, gleich im doppelten Sinne des Wortes. Sie thematisiert die grauenhaft-unmenschliche Situation der Inhaftierten, indem sie die Lagersituation nachstellt. Aber sie ist eben auch in einem KZ entstanden, in Hitlers perversem Vorzeigelager Theresienstadt, in dem auch der zynische Propagandafilm „Der Führer baut den Juden eine Stadt“ spielt. Ullmann war hier inhaftiert, genau so wie sein Librettist Peter Kien. Die Häftlinge waren für ein eigenes Kulturprogramm verantwortlich, es sollte nach Außen so aussehen, als ginge es in den Vernichtungslagern human zu. Über 30 Werke Ullmanns aus seiner Zeit in Theresienstadt haben sich erhalten, die bedeutendste Komposition ist sicherlich die einstündige Oper „Der Kaiser von Atlantis“. Die Titelfigur der Oper namens Overall ist die personifizierte Grausamkeit. Er fordert einen Krieg aller gegen alle. Den totalen Krieg der Nazis also. Die völlige Auslöschung. Doch der Tod verweigert sich. Die Menschheit leidet, aber sie kann nicht mehr sterben. Und sehnt doch nur den Tod herbei, aber der greift erst wieder in das Geschehen ein, als der Kaiser bereit ist, als erster zu sterben. Man mag sich gar nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen die Oper entstanden ist, die natürlich auch als Parabel auf die eigene Situation, noch mehr aber auf das Naziregime zu lesen ist. Das hat dann sogar die SS eingesehen, die eine Aufführung der Oper nach der Generalprobe verbot. Ullmann wurde wie Kien und alle anderen Musiker und Sänger nach Auschwitz verbracht. In den Tod in den Gaskammern. Nur ein einziger Akteur überlebte – der Darsteller des Todes. Die Uraufführung der Oper fand im Dezember 1975 in Amsterdam statt, die deutsche Erstaufführung zehn Jahre später in Stuttgart. 1995 wurde das Stück dann am Ort seiner Entstehung gezeigt, im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt. Es geht im „Kaiser von Atlantis“ um Kunst, die sich der grauenvollen Wirklichkeit, in der sie entsteht, entgegenstellt, geht um den letzten Rest Würde, den man sich in der Hölle des Lagerlebens bewahren kann. Es geht aber eben auch um die Haltung der Verweigerung. Um die Todes-Verweigerung. Und um die Feier des Lebens, auch wenn die Apokalypse angebrochen scheint. Ullmann hat dazu eine Musik komponiert, die manchmal an Kurt Weill, dann wiederum in ihren fast schon süffigen spätromantischen Linien auch an Gustav Mahler erinnert. Sie ist gemäßigt modern, zitiert aber auch die Avantgarde der zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg. Auf jeden Fall hat Ullmann eine Oper geschaffen, die gezeigt werden sollte. Heute vielleicht mehr denn je. Aufführungen Ludwigshafen: 1., 2., 3. Dezember, Rhenus-Halle im Luitpoldhafen. —Kaiserslautern: Werkstattbühne des Pfalztheaters, Premiere am 26. Januar 2019. Weitere Vorstellungen am 2., 6. und 22. Februar sowie am 6. März.

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