KUNST
Atlantis unter Fettaugen: Otfried H. Culmann und sein „Traumgarten“ im südpfälzischen Billigheim
Die Kunst der Verwandlung, das Durchformen der schnöden Realität mit Mitteln der Phantasie – Otfried H. Culmann hat sich schon als Kind darin geübt. Mithilfe seines „Suppen-Traum-Tellers“ beispielsweise, chinesische Szene in blauer Zeichnung auf dem Grund, verschwommene Exotik unter Fettaugen, die beim Auslöffeln langsam der Suppe entstiegen ist.
„Aß ich eine dünne Nudelsuppe, sah die Szene wie Atlantis unter Wasser aus und die Nudeln verwandelten sich in Algen“, schreibt Culmann. Gibt’s den Teller noch? „Irgendwo wird er wohl noch rumliegen“, sagt Culmann und lehnt sich auf der Bank im Pavillon seines „Traumgartens“ zurück.
Im Prinzip ist Culmann da angekommen, wo er angefangen hat: im südpfälzischen Billigheim und bei der Verwandlung des Banalen ins Besondere, ins magisch Aufgeladene. Der wundersame Teller liegt immer noch irgendwo, auf dem Dachboden vielleicht, oder er ist längst in eines der Objekte des Traumgartens verbaut, wie so viel andere ausgediente Keramik: in den Sphinx-Brunnen vielleicht, die Orakelwand oder den Palast der Königin von Saba. Culmann grübelt noch ein wenig über den Verbleib des wundersamen Geschirrs. Er wirkt wie ein zutiefst zufriedener Mensch.
Dalí kennen gelernt, Gala gesehen
Er hat seine Autobiografie geschrieben, Culmann, phantastischer und surrealistischer Künstler aus der Südpfalz, mit lässiger Balance zwischen Weltläufigkeit und Bodenständigkeit. Er hat in Kaiserslautern, München und Stuttgart studiert. In der bayerischen Landeshauptstadt hat er zeitweise als Hausmeister in der Villa von Franz von Stuck gearbeitet. Er hat als Student 1969 Salvador Dalí in dessen Anwesen im spanischen Cadaques besucht und ist vom Meister sogar empfangen worden, Muse Gala war natürlich auch da. Die Selbst-Stilisierung des großen Surrealisten hat ihn wohl gleichermaßen beeindruckt wie kalt gelassen, Culmann weiß um die Macht der Phantasie und er weiß, dass alle Kunst gemacht ist.
Er war Stipendiat an der Villa Massimo in Rom, hat jahrelang das Italien-Erlebnis gesucht – und 1978 hat er sein Geburtshaus im südpfälzischen Billigheim gekauft, dessen Garten er seit 40 Jahren zum „Traumgarten“ umgestaltet, mit manieristisch geschulter Phantasie-Kunst aus Bauschutt und Baumarkt-Materialien. Alles auf Anfang, sozusagen, bei einem Menschen, dessen frühe Jahre unter der Überschrift „Wie man in der Provinz aufwächst ohne kirre zu werden“, stehen könnten.
Der Sechsjährige baut ein Panoptikum
Er baut schon als Sechsjähriger ein Panoptikum für seine Schulkameraden auf, mit Schmetterlingskästen und anderen exotischen Präparaten, die seine Vorfahren auf dem Dachboden des Pfarrhauses hinterlassen haben. Der früh verstorbene Vater war zeitweise Missionar in Brasilien, ein Hang zum Ausbruch aus und zur Rückkehr in die Provinz scheint in der Familie zu liegen. Die Südpfalz ist schön – ihrer „Metaphysik“ widmet Culmann ein Kapitel –, und sie hat ihre Schrecknis, in Gestalt der Lehranstalten beispielsweise, die der junge Culmann besucht und die seine künstlerische Ader nicht eben fördern. „Meine Schulzeit ist ein Kapitel, das ich am liebsten vergessen würde“, schreibt er, eine Phase, in der künstlerische Begabung „als vollkommen nutzlos“ erachtet wird. Es folgt der Ausbruch nach München, Italien, in die Phantasie, und es folgt eine erfolgreiche Karriere als Maler und Grafiker, von einem, der das macht, was er will, und das, was er macht, gut verkauft.
Und 1978 kehrt er eben zu den Wurzeln zurück, nach Billigheim. „Künstler sind immer dahin gegangen, wo es billig ist – und schön“, sagt Culmann trocken. „Dalí hat ja auch nicht unbedingt in Paris gewohnt.“
Eine „Kulturwüste“, so nennt er sie, sei die Pfalz tendenziell gleichwohl – was wohl auch und ganz schlicht damit zusammenhängt, dass die Region historisch gesehen eine arme Gegend ist. Die Preise, die der Künstler erlösen kann, liegen tendenziell deutlich unter denen der Großstadt, eine Tradition des Mäzenatentums, die da ausgleichend wirken könnte, gibt es kaum. Eine Baumarktkette hat sich jedenfalls noch nicht bei Culmann gemeldet, obschon der Baustoffhandel einiges zu seinem Traumgarten beigetragen hat, Gang 22 beispielsweise, Leuchten.
Dazu kommt wohl, dass die Museums- und Galerienlandschaft der phantastischen Kunst, nach dem Krieg durchaus mit taktgebend, kaum noch Interesse entgegenbringt. So die Realitäten, aber Realitäten lassen sich umdenken, wer wüsste das besser als der von Kindesbeinen an am Suppen-Traum-Teller geschulte Culmann: Seit den 1990ern bringt er eine Internationale der „phantastischen und visionären Kunst“ zusammen, im Netzwerk oder für gut besuchte Ausstellungen wie die von 1998 im Mußbacher Herrenhof.
An Außenseiterkunst orientiert
Uns steht ein phantastisches 21. Jahrhundert bevor“, schreibt eine Zeitung zur Eröffnung. Je nun: Was den Kunstmarkt betrifft wohl eher nicht, – aber vielleicht leidet die phantastische Kunst ja auch darunter, dass inzwischen die Realität mehr als nur ansatzweise surreal ist. Wer hätte schließlich um 2000 imaginiert, dass ein Reicher-Mann-Darsteller aus dem Fernsehen einmal US-Präsident werden könnte.
Auf eine gewisse Art hat auch der Culmann’sche „Traumgarten“ in Billigheim seinen entscheidenden Impuls aus dem Unverständnis der Umwelt gegenüber den Verlockungen der phantastischen Kunst gewonnen: Culmann hat nach eigenem Bekunden der Stadt Landau ein entsprechendes Projekt vorgeschlagen, für die dortige Landesgartenschau. In Landau wollten sie aber nicht, vielleicht weil sich Kunst hinterher nicht hochpreisig vermieten lässt.
Hat Culmann eben die Umgestaltung seines eigenen Gartens vorangetrieben – und ein Kleinod geschaffen, das inzwischen Besucher aus ganz Europa anzieht: Eine Mischung aus Außenseiterkunst, also Phantasie-Architektur, an der ihre Laien-Schöpfer oft jahrzehntelang manisch arbeiten, aus manieristischem Garten und barocker Wunderkammer. Im Grunde das, was er schon als Sechsjähriger gemacht hat, bloß mit wesentlich internationalerem Publikum. Das sich im Übrigen zu benehmen weiß: „Wir hatten bisher vor allem nette Leute“, sagt Gattin Gabriele Culmann, die für den floralen Teil des Gartens zuständig ist. „Bisher hat auch keiner die Himbeeren weggefuttert.“
Die Wahrheit ist im Suppenteller
Wie aus einer anderen Sphäre in die Südpfalz gefallen wirkt der Traumgarten gleichwohl. Was seine Verortung für einige wohl nicht leicht macht: Ein Durchreisender hat seinem fragenden Sprössling angesichts aus dem Straßenraum sichtbarer Objekte jedenfalls schon mal Bescheid getan, dass hier, in Billigheim, „der Herr Hundertwasser“ wohnt.
Worüber sich Otfried Culmann auf der Bank im Pavillon in seinem Traumgarten köstlich amüsieren kann: Realitäten sind fließend und Namen sind Windhauch und die Wahrheit, die liegt sowieso auf dem Grunde eines Suppen-Traum-Tellers: Da liegt Atlantis unter Fettaugen und ist von Nudeln überströmt, die Algen sind.
Infos
Culmanns Traumgarten: Raiffeisenstraße 3, 76831 Billigheim-Ingenheim. Geöffnet Juli und August, sonntags von 13 bis 18 Uhr. Telefon: 06349/5250. Die Autobiografie: Otfried H. Culmann, „Memoiren eines Phantasten“, 35 Euro, Vorzugsausgabe mit handcolorierter Radierung 120 Euro. Bestellbar beim Autor über Telefon oder E-Mail Otfried.Culmann@t-online.de.