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Asterix bei den Amazonen: Im Osten viel Neues
Der Osten, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 50 vor Christus. Einige tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt dringen zwei uns wohl bekannte Krieger in Gegenden vor, die noch kein Gallier betreten hat. Und auch kein Römer. Doch halt! Eine Kolonne ist unterwegs im Land der Sarmaten, weshalb es auch Asterix und Obelix in die tief verschneiten Landschaften nördlich des Schwarzen Meeres verschlägt. Die römischen Soldaten sind hier im Barbaricum, wo fremde Völker und fantastische Kreaturen leben, auf der Suche nach dem Greif. Dieses legendäre Tier – halb Löwe, halb Adler – würde Cäsar nur zu gern bei Zirkusspielen vorführen, um seine Beliebtheit im Volk zu steigern. Das ruft die unbeugsamen Gallier auf den Plan.
„Asterix und der Greif“ ist das 39. Album der Comic-Reihe und bereits das fünfte, für das Autor Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad verantwortlich sind. 2013 haben die beiden Franzosen das Erbe von René Goscinny (1926-1977) und Albert Uderzo angetreten. Der hatte immer noch ein wachsames Auge auf jedes neu entwickelte Abenteuer – auch wenn seine Nachfolger beteuern, dass er höchstens Ratschläge gegeben habe. Im März 2020 starb Uderzo mit 92 Jahren. Von der aktuellen Geschichte kannte er nur die Grundzüge. Die Frage ist nun, wohin die Reise geht für die gezeichneten französischen Nationalhelden – so ganz ohne ihre beiden „Väter“.
Das gallische Dorf im Spiegelbild
In diesem Fall: ziemlich weit weg. Texter Ferri ist ständig auf der Suche nach neuen Schauplätzen für Asterix und Obelix. „Es ist schwer, sie an einen Ort zu führen, wo sie noch nicht waren“, erzählt er. Also kam er auf den Osten – unbekanntes Terrain für die Figuren aus der Antike und ideal für den Autor. Die Sarmaten im Comic sind angelehnt an das Nomadenvolk, das einst die Steppen vom Ural bis zur Donau beherrschte. „Man weiß sehr wenig darüber, daher war ich frei, damit zu spielen“, sagt Ferri. Ein historisch korrektes Bild strebt er nicht an, erfindet stattdessen ein fiktives Amazonenreich mit Jurten und Schamanen. „Es hat Spaß gemacht, sich eine ganze Region samt ihrer Traditionen auszudenken.“ Und entgegen der Tradition der Serie werden dieses Mal keine nationalen Stereotype verulkt.
Bis auf das klassische letzte Panel – so viel darf man verraten – mit dem Festmahl kommt auch das gallische Dorf nicht vor. Stattdessen sind Asterix, Obelix und Miraculix direkt im Dorf der Sarmaten. Das ist eine Art östliches Spiegelbild ihrer Heimat, ein amüsanter Auftakt. Großer Unterschied: Die Männer kümmern sich hier um Heim und Herd, die weiblichen Bewohner um den Kampf. „Krieg ist nun mal Frauensache“, erklärt Amazone Matrjoschkowa einem verdutzten Asterix, der sichtlich Probleme mit dieser Rollenaufteilung hat. Alter weißer Gallier eben. Nachdem die junge Adrenaline Hauptfigur des letzten Albums war, ist das erneut eine feministische Ansage von Ferri.
Western-Atmosphäre tief im Osten
Druide Miraculix wurde von seinem Freund, dem Schamanen Terrine, zu Hilfe gerufen gegen die vorrückende Armee aus dem bösen Westen, die zudem das Mädchen Kalaschnikowa gefangen hält. Sie soll die Römer zum Greif führen. Die Gallier und die Amazonen wollen das verhindern und die Pläne von Cäsars Einflüsterer Geografus (der Bösewicht ähnelt stark dem umstrittenen Schriftsteller Michel Houellebecq) durchkreuzen. Es entwickelt sich eine actionreiche Verfolgungsjagd, mit vielen visuellen Gags und einigem Sprachwitz erzählt. Dazu eine wohl dosierte Prise Öko-Botschaft und Seitenhiebe gegen Verschwörungsschwurbler, ohne allzu sehr ins Politisch-Satirische zu gehen. Die gelungene deutsche Übersetzung stammt wieder von Klaus Jöken.
Dass sich die Helden in einer komplett anderen Szenerie bewegen, macht den Reiz des Albums aus und war eine Herausforderung für Didier Conrad. Denn der Osten ist im wahrsten Wortsinn ein weißer Fleck auf der Landkarte. Die Kälte in Bilder einzufangen, ohne zu langweilen, sei eine „knifflige Aufgabe“ gewesen, sagt der Zeichner. Das erste Barbaricum-Panel ist noch schlicht eine farblose Fläche, eine Reminiszenz an die Nebelszenen aus dem Band „Die große Überfahrt“ mit einer frühen spektakulären Reise der Gallier. Dann aber zeigt Conrad mit beeindruckenden verschneiten Landschaften, was er kann. Inspirieren ließ er sich von den Kulissen und Naturaufnahmen alter Wild-West-Filme. Er schafft so eine klassische Western-Atmosphäre tief im Osten.
Altes Rezept funktioniert noch
Wie Asterix mit den Amazonen klarkommt, Obelix seinen mit den Wölfen tanzenden Idefix wiederfindet und vor allem, was es mit dem Greif wirklich auf sich hat – das ist bis zum Schluss vergnüglich zu lesen. Wie schon in den vier vorherigen Alben bemühen sich Jean-Yves Ferri und Didier Conrad um eine behutsame Modernisierung des Klassikers. In der aktuellen Geschichte wagen sie sich geografisch und inhaltlich weit vor, dennoch bleiben sie der Grundkonstellation treu. „Goscinnys Genius erlaubt es uns heute, in alle möglichen Richtung zu gehen“, sagt Ferri.
Der Generaldirektor des „Asterix“-Verlags Hachette, Céleste Surugue, wurde auf einer Pressekonferenz in Paris gefragt, ob völlige Freiheit bei der Figurengestaltung denkbar wäre. Als Beispiel wurde „Lucky Luke“ genannt, ein anderer frankobelgischer Comic-Dauerbrenner. Dort sorgen gerade wagemutige Interpretationen des einsamen Cowboys für frischen Wind. Klare Antwort des Managers: „Nein!“ Das sei nur etwas für Serien auf dem absteigenden Ast. Das klingt arrogant, doch gibt ihm der Erfolg ja recht. Die Startauflage für den 39. Band liegt bei weltweit fünf Millionen Exemplaren. Zudem beweist die Geschichte um den Greif, dass das mehr als 60 Jahre alte Rezept noch funktionieren kann.