Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Neuer Asterix: Galliens Jugend muckt auf

Geheimnisvolle Besucher aus der Averne bringen das neue Asterix-Abenteuer ins Rollen.
Geheimnisvolle Besucher aus der Averne bringen das neue Asterix-Abenteuer ins Rollen. Motiv: Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2019 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Pünktlich zum 60. Geburtstag kommt heute ein neuer Asterix-Band heraus, „Die Tochter des Vercingetorix“. Es ist bereits der vierte des Kreativ-Teams Jean-Yves Ferri und Didier Conrad. Er bringt jugendlichen Schwung ins gallische Dorf und erscheint mit einer Gesamtauflage von fünf Millionen Exemplaren in 20 Sprachen gleichzeitig. Aber wie schlägt sich die Titelheldin?

Asterix und die Frauen – das ist ein Kapitel für sich. Aber nur ein kurzes. Denn in der Welt des kleinen Galliers haben sie bislang keine große Rolle gespielt. Okay, da war natürlich gleich am Anfang Kleopatra („Eine sehr schöne Nase“). Und die hübsche Falbala verdrehte Obelix schwer den Kopf. Doch in einigen der bisher 37 Bände kamen überhaupt keine namentlich genannten Frauen vor. Die Damen im Dorf fungierten zumeist nur als gute Ehefrauen. Autor René Goscinny erklärte einmal, das geschehe aus Respekt: Man wolle Frauen nicht in grotesken Situationen vorführen. Andere Zeiten waren das.

Zeichner Albert Uderzo, der nach Goscinnys frühem Tod 1977 auch die Szenarios schrieb, wollte dann mit der Figur Maestria und dem Thema Emanzipation feministischer Kritik an Frauenfeindlichkeit im Comic begegnen. Später führte er die Mütter von Asterix und Obelix gemeinsam mit der Schauspielerin Latraviata ein. Leider keine Glanzpunkte der Serie und in der albernen deutschen Übersetzung zusätzlich verhunzt.

Flucht vor den Römern

Nun also Auftritt Adrenaline, die erst vierte weibliche Titelheldin überhaupt. Sie ist die Tochter des Vercingetorix – jenes Fürsten der gallisch-keltischen Arverner, dessen Aufstand gegen die Römer im Jahr 52 vor Christus bei Alesia scheiterte. Er warf dem siegreichen Cäsar die Waffen auf die Füße. So zumindest wird diese historische Begebenheit leicht abgewandelt auf der allerersten Asterix-Seite von 1959 nacherzählt. Jedes Kind kennt, was dann kommt: „Ganz Gallien ist besetzt. Ganz? ...“

Jean-Yves Ferri und Didier Conrad, in deren Hände der heute 92-jährige Uderzo 2013 die Fortführung seines Lebenswerks legte, hatten sogar überlegt, Vercingetorix selbst in ihre mittlerweile vierte Geschichte einzubauen. Doch es zeigte sich, dass die Figur im Asterix-Kosmos nur als „mythologischer Prolog“ (Ferri) funktioniert. Stattdessen lernen wir seine – historisch nicht verbürgte – Tochter kennen. Für die Arverner ist sie ein Symbol des Widerstands, weshalb die Römer hinter ihr her sind. Zu ihrer Sicherheit wird sie ins Dorf der unbeugsamen Gallier gebracht. Doch Adrenaline, ein aufmüpfiger Teenager, hat die Nase voll von den ewigen Kämpfen der Erwachsenen und entwischt ihren Aufpassern Asterix und Obelix.

Goscinny bleibt unerreicht

Zuvor hängt sie mit der Dorfjugend im Steinbruch ab, wo sie gegen das „Wildschweinesystem“ und die Umweltverschmutzung wettern. Die beiden Kreativen bringen durch den Generationenkonflikt geschickt aktuelle Themen ein, ohne die Serie brachial zu modernisieren. Wortwitze, Gags und Slapstick finden ebenfalls ihren Platz. Eine amüsante Story, wenn auch der geniale Goscinny unerreicht bleibt. Schön sind wie schon in den vorherigen Alben die Bezüge zum Asterix-Kanon. So wird die berühmte Vercingetorix-Szene aufgenommen. Und ein Satz des vom jugendlichen Aufruhr genervten Obelix spielt auf den üblichen Wechsel zwischen Reise- und Dorfabenteuern an: „Ich frage mich, ob mir so ein Auslandseinsatz nicht lieber ist.“ Conrads Zeichnungen treffen Uderzos Stil perfekt. Die stimmige Übersetzung liefert erneut Klaus Jöken.

Dass eine jugendliche Frauenfigur eingeführt wird, ist übrigens nicht allein dem Zeitgeist geschuldet. In dem von Goscinny und Uderzo geschaffenen geschlossenen Kosmos müssen sich Ferri und Conrad, wie Asterix beide exakt 60 Jahre alt, Spielräume erarbeiten. Es darf keine Brüche geben, doch man will auch eigene Akzente setzen – frischen Wind durch neue Elemente bringen, wie Zeichner Conrad es formuliert. Nach vier Bänden scheinen sie sich jedenfalls sicher zu fühlen im Umgang mit den Galliern, Uderzo lässt ihnen auch mehr Freiheiten. „Erst jetzt beginnt die eigentliche Erneuerung der Reihe“, verspricht Conrad.

Konkurrenz für US-Superhelden

Eine Gratwanderung. Asterix – diese „durch lateinische Klassikerzitate geadelte Geschichtstravestie“ (Comic-Experte Andreas C. Knigge) – ist allgemeines Kulturgut. Kurz zur Erinnerung: Angeblich bei einem Gläschen Pastis wurden die Figuren des pfiffigen kleinen Kriegers und seines beleibten (nicht dicken!) Kumpels aus der frühen französischen Historie ausgeheckt. Am 29. Oktober 1959 erschien in Frankreich die erste Episode in der neuen Zeitschrift „Pilote“. Unterstützt durch Radio Luxemburg wurde diese gleich ein Verkaufsschlager. 1961 folgte das erste Album. Asterix bot den US-amerikanischen Superhelden Paroli und lief den von belgischen Künstlern stammenden populären Figuren Tintin und Spirou den Rang ab. Das Magazin „Pilote“ begeisterte zudem unter Goscinnys Regie ein breites erwachsenes Publikum für Comics, zuvor vornehmlich als Kinderkram erachtet.

380 Millionen Alben verkauft

Mit dem zehnten Band („Asterix als Legionär“) wurde 1967 erstmals die Millionengrenze bei der Auflage überschritten. 2009 verkaufte Uderzo die Rechte an einen Großverlag und gestand damit zu, dass die Serie nach seinem Tod weitergeführt werden kann. Die Geldmaschine muss weiterlaufen. Dafür sorgen zusätzlich diverse Verfilmungen und ein Vergnügungspark bei Paris.

Bis heute wurden etwa 380 Millionen Alben weltweit verkauft, ein Drittel davon allein im deutschen Sprachraum. Hier erschienen die Gallier 1967 auf der Bildfläche. Nach einem unrühmlichen Start in einer von Rolf Kauka („Fix & Foxi“) germanisierten Fassung – die Helden waren in Siggi und Babarras umbenannt – wurde Asterix in der feinsinnigen Übersetzung von Gudrun Penndorf bei Ehapa zum modernen Klassiker. Von Band 38 kommen heute über fünf Millionen Exemplare auf mehr als 20 Sprachen zeitgleich in die Läden. Fortsetzung folgt bestimmt.

x