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Der Antiheld aus der Antike
Brimborium wäre ein guter Name für eines der vier Römerlager gewesen, die das kleine gallische Dorf in Aremorica umgeben. Denn der Begriff beschreibt treffend, was sich mittlerweile immer dann abspielt, wenn ein neues Asterix-Abenteuer ansteht. Internationale Pressekonferenzen wie für einen Hollywood-Blockbuster sind ansonsten jedenfalls unüblich in der Comic-Branche. Verkaufszahlen in den Millionen, die jedes Album mit den pfiffigen Galliern erzielt, gleichermaßen.
Das Geheimnis dieses Erfolgs bei Jung und Alt seit mehr als 60 Jahren lässt sich eigentlich nur so erklären: Die beiden Väter der Serie – der geniale Humorist und Texter René Goscinny und der genauso begnadete Zeichner Albert Uderzo – müssen als Kinder in einen Kessel mit Zaubertrank gefallen sein.
Kein Druidentrunk im Spiel
Als Asterix und Obelix erfunden wurde, war allerdings kein Druidentrunk im Spiel, sondern eine Anis-Spirituose. Die für die Comic-Historie so bedeutende Episode erzählt noch einmal die Zeichnerin Catel Muller in ihrer im Frühjahr erschienenen Graphic Novel „Die Geschichte der Goscinnys“ (Carlsen-Verlag): Wir befinden uns im Jahr 1959. Comics werden noch vornehmlich für Kinder gemacht. Doch Radio Luxemburg will ein Magazin für Jugendliche ins Leben rufen, um damit ein französisches Gegengewicht zu den US-Comics zu schaffen.
In der Kernmannschaft: Goscinny und Uderzo. Goscinny (Jahrgang 1926, Sohn polnisch-jüdischer Eltern) hatte schon „Lucky Luke“ getextet und „Der kleine Nick” geschrieben, Uderzo (Jahrgang 1927, Sohn italienischer Eltern) war der Zeichner für alle Zwecke. Sie kannten sich seit einigen Jahren und hatten unter anderem den Indianer Oumpah-Pah entwickelt. Nun stand die Premiere der Comic-Zeitschrift bevor.
Ursprünglich sollte es um einen Fuchs gehen
Ihre geplante Serie über Reineke Fuchs hatte allerdings schon ein anderer umgesetzt. Die Zeit drängte, eine zündende Idee musste her. Also durchforsteten die beiden Einwandererkinder die französische Geschichte und landeten schnell bei den Galliern. Jeder Schüler in Frankreich hört schon früh von Vercingetorix und seinem später mythisch aufgeladenen, vergeblichen Kampf gegen Julius Cäsar. Während reichlich Pastis floss, wurden die Grundidee und das Personal entworfen. Goscinny wollte einen kleinen listigen Helden, Uderzo durfte dafür den großen, starken (nicht dicken!) Kumpel beisteuern.
Am 29. Oktober 1959 hatte Asterix seinen ersten Auftritt in „Pilote“. Die Figuren aus dem unbeugsamen gallischen Dorf kamen gut an, rasch wurden die Fortsetzungsgeschichten in Albenform nachgedruckt. Deren anfängliche Startauflage von wenigen tausend Exemplaren war noch bescheiden. Erst der sechste Band knackte 1965 die Marke von 100.000. Von da an ging es stetig bergauf, es folgte das gesamte Vermarktungsprogramm: internationale Ausgaben (nur in den USA fassten die Gallier nie Fuß), Kinofilme, Merchandising, ein Freizeitpark.
Kein „Kinderkram“
Goscinnys witzige Szenarien waren gewürzt mit Slapstick, Parodien, wiederkehrenden Gags und Wortspielen. Uderzo setzte das perfekt ins Bild. Das gefiel später den anti-autoritären 68er-Studenten wie den Bildungsbürgern, die ansonsten die Nase über solchen „Kinderkram“ rümpften. Mit dem intelligenten, hintergründigen Humor und nicht zuletzt dank Asterix gelang es „Pilote“, ein älteres Publikum für Comics zu gewinnen.
Bald kam die Serie auch nach Deutschland, mit Asterix wurde überhaupt erst das Albenformat bekannt. Heute hat der französische Held hier fast so viele Fans wie im eigenen Land, was für den universellen Charakter der Geschichten spricht. Wer kann nicht eine Lieblingsanekdote oder einen Spruch aus diesem zeitlosen Klassiker zum Besten geben? Einen entscheidenden Anteil daran trägt die (nach Rolf Kaukas unrühmlicher „germanisierten“ Fassung) erste Übersetzerin Gudrun Penndorf, jüngst mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie nahm die Vorlage ernst, feilte an den Dialogen und fand Entsprechungen für die ausgefallenen Namen und den Wortwitz des Originals.
Das Erbe ist geregelt
René Goscinny starb bereits 1977 im Alter von nur 51 Jahren bei einem ärztlichen Belastungstest an einem Herzinfarkt. „Asterix bei den Belgiern”, das 24. Album, blieb das letzte gemeinsame Werk mit Uderzo. Der gab nach zwei Jahren dem Drängen der Fans nach und veröffentlichte eine neue Geschichte, verantwortete Text und Zeichnungen künftig selbst. Acht Abenteuer folgten, die aber nicht mehr den Esprit der früheren Erzählungen erreichten. Albert Uderzo starb diesen März 92-jährig. Sein Erbe hatte er da schon geregelt, die Serie entgegen früherer Bekundungen in fremde Hände gegeben.
Jean-Yves Ferri und Didier Conrad haben bereits vier gelungene Bände vorgelegt, im Herbst 2021 dürfte dem Zwei-Jahres-Rhythmus gemäß der nächste folgen – mit viel Brimborium.
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