Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ariane Matiakh mit Reutlinger Philharmonikern bei den „Big Four“ im BASF-Feierabendhaus

Ariane Matiakh
Ariane Matiakh

„Viel Spaß!“ wird einem floskelhaft oft vor einem Konzerts gewünscht, und manchmal geht der Wunsch auch in Erfüllung, wie jetzt im BASF-Feierabendhaus bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Am Pult: Ariane Matiakh.

Die Französin, seit der Saison 2022/2023 Chefdirigentin in Reutlingen, ist längst international unterwegs und alles andere als ein Geheimtipp „aus der zweiten Reihe“. Die Chemie zwischen dem gut aufgestellten Orchester und der Dirigentin scheint hör- und sichtbar zu stimmen, das Programm tat das sowieso, denn mit Debussys „Prélude a l'après-midi d'un faune“ lässt sich immer so gut wie risikolos beginnen.

Ariane Matiakh und die Reutlinger Philharmoniker taten mehr, nahmen dem als Ballettmusik berühmt gewordenen Stück die ihm oft übertrieben angedichtete Zweideutigkeit und lieferten, musikalischer Symbolismus oder Impressionismus hin oder her, ein blitzblank durchorganisiertes Stück Musik: von der frei schweifenden Kantilene der Soloflöte zu Beginn bis zum Schluss.

Bei Schostakowitsch hört der Spaß auf

Den roten Teppich gab es dann für Daniel Müller-Schott und das erste Cello-Konzert Es-Dur von Dmitri Schostakowitsch, und da hört, wie immer bei diesem Komponisten, der Spaß auf. Und das Skurrile, Melancholische, hoffnungslos Depressive und Bizarre hat (meist) die Oberhand. Darf man sagen, dass Müller-Schott eine von solistischen Mätzchen und Behauptungen ganz unberührte Musterinterpretation vorgelegt hat?

Musikalisch denkwürdig ist die vor dem Finalsatz stehende „Cadenza“, die als weitgehend solistische Reflexion auf das thematische Material fast philosophische Höhen erreicht, die der Meisterschaft sowieso. Zurückgenommener, verständiger und zugleich deutlicher – was keineswegs ein Gegensatz ist – kann man diese Musik kaum spielen. Ob es damit zusammenhängt, dass Müller-Schott ein Jahr lang Privatunterricht bei dem Schostakowitsch-Schüler Mstislaw Rostropowitsch hatte, der 1959 die Leningrader Uraufführung spielte? Wie dem auch sei: Russischer (man verzeihe den Gemeinplatz) und zugleich internationaler geht es nimmer.

Futter für die Musikerseele

Auch erfreuten die Reutlinger durch gänzlich unverschmiertes Mit-Musizieren und viele schöne Details. Riesenbeifall. Und Daniel Müller-Schott quittierte seinen Ludwigshafener Triumph mit zwei (angesagten) Zugaben: Pablo Casals auf einem katalanischen Weihnachtslied beruhenden „Gesang der Vögel“ und Bach (Gigue in C-Dur).

Der Spaß kam dann pünktlich zum Schluss mit Igor Strawinskys „Petruschka“, der nach dem „Feuervogel“ zweiten der drei großen Ballettmusiken, die den Ruhm das Komponisten begründeten und zementierten. Für Dirigenten und Orchester ist das echtes Futter für die Musikerseele. Für erstere, weil sie brillieren können, ohne sich wie in einer klassischen Sinfonie viel um Form und Gehalt scheren müssen, für letztere, weil der Komponist sie mit vielen attraktiven Soli bedacht hat.

Strawinsky war dafür bekannt, das er streng auf Texttreue pochte, romantisches Ausbüxen der Interpreten war ihm ein Gräuel. Da waren Ariane Matiakh und das konzentriert und fast amüsiert aufspielende Orchester tadellos, die ebenso traurige wie komische Geschichte von drei von einem Jahrmarktsgaukler zum Leben erweckten Gliederpuppen, Petruschka, Ballerina und Mohr, lief wie am Schnürl, hatte Bildhaftigkeit und den rechten Zug von vorne bis hinten. Dem folgte großer Applaus.

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