Kaiserslautern Architektur-Preise für Altes Kesselhaus und Kolumbarium
Die Architektur steht wie eine Erscheinung in einer wüsten Gegend. Das Pfaff-Areal in Kaiserslautern, dort wo das neue Herz der Stadt schlagen könnte, wirkt (noch?) wie eine Landschaft an einem verheerenden Tag danach. Das heißt, das Alte Kesselhaus, eine Imposant-Industriearchitektur aus dem Jahr 1899, ist eines der wenigen Gebäude, die beim (vor-)eiligen Tabula rasa auf dem ehemaligen Vorzeige-, jetzt Entwicklungsgelände noch übrig geblieben sind.
Nur der himmelschießende Schornstein fehlt. Dafür heizt das lange prekär vor sich hin rottende Gebäude wieder Zukunftsfantasien an – in typischen Pfaff-Rot, saniert, um- und ausgebaut, als Arbeitsstätte belebt. Das Kaiserslauterer Architektenduo Gunther Bayer und Peter Strobel ist samt den Familien selbst eingezogen. Wenn man so will, sind die beiden Renommierbaumeister all-in gegangen mit ihrem nachhaltigen, hoffentlich stilprägenden Projekt. Es zeigt, wie es laufen und sein könnte, wenn man ernst macht mit der Bestandserhaltung. Verdiente, wenn auch finanziell erst einmal undotierte Ehre, Bayer & Strobel Architekten sind gestern Abend beim im saarländischen Ensdorf erstmals gemeinsam vergebenen rheinland-pfälzisch-saarländischen Architekturpreis des Bunds Deutscher Architektinnen und Architekten mit einem der drei Hauptpreise ausgezeichnet worden.
Selbst ist der dezente Architekt
Der wichtige Preis wird alle drei Jahre vergeben, er ehrt die Baumeister und gleichermaßen die Bauherrschaft. Wobei: Bei Bayer und Strobel fallen beide in eins. Alles ist so dezent gemacht, als sei’s ein Denkmal, das die eminente Industriearchitektur de facto ja auch darstellt. Von außen betrachtet jedenfalls, sieht die Architektur wieder so schön aus, wie sie nie war.
Nur das Dach inklusive des Tragwerks ist abgetragen. Eine zurückgesetzte Laterne, ein neuer Aufsatz, ist installiert worden. Im Dachgeschoss wohnen die Architekten mit ihren Familien Maisonette und mit den Vorzügen, die zwei private Freisitze so mit sich bringen. Derweil sind im Innern der Halle Holzpodeste und Schiebewände eingezogen, eine Spindeltreppe, Showbiz fürs Auge, führt nach oben. Vieles an dem Um- und Ausbau ist Eigenleistung, von teils kühnem Pragmatismus getrieben wie beim Umgang mit der Ziegelfassade, die von außen ungedämmt geblieben ist.
Etliche neue Elemente haben die Architekten dabei in einer hauseigenen Werkstatt im Erdgeschoss selbst gebaut. Alles ist licht, rough und industriell, dann wieder auch von schlichter Eleganz, Arte povera, eine anfeuernde Arbeitsatmosphäre. Eine Glaswand trennt den Maschinenraum des Büros von der gemeinsamen Küche. Die BDA-Jury lobte gestern Abend den Mut und couragierten Einsatz der Architekten sich einem solchen Ort und einer solchen Bauaufgabe anzunehmen, sie selbst zu entwickeln, weiterzubauen und zu transformieren. Mit dem Umbau des „Alten Kesselhauses“ sei ein Impuls für das ganze Areal gesetzt.
„Es ist“, heißt es, „ein architektonisch vorbildliches Beispiel zum Thema respektvolles Weiterbauen im historischen Kontext in Verbindung mit nachhaltigem und zeitgemäßem Bauen.“ Mit anderen Worten: Es bewegt sich ganz auf der Höhe einer Gegenwart, in der sich große Schnittmengen zwischen dem Notwendigen und dem Schönen ergeben. Ähnliches gilt für das Kolumbarium von bayer/uhrig in der katholischen Gelöbniskirche Maria-Schutz, das zweite Kaiserslauterer Büro, das für ein Projekt in Kaiserslautern mit einer der drei BDA-Landesauszeichnungen geehrt worden ist. Die dritte Auszeichnung ging an die „Kleine Bleibe“ von Fröhlich Gassner Architekten (Diedorf), das Ensemble aus zwei Ferienhäusern und einem Saunahaus, ist zwischen einen Zwetschgen- und einen Walnussbaum an einem Steilhang in Montabaur-Reckenthal gezirkelt. Die wild umblühten Häuser mit massivem Betonsockel, Fassadenkleid aus schwarzem Holz, ein schlichtes Satteldach obenauf, die Fenster wie Bilderrahmen, durch die sich in die Landschaft schauen lässt. Ein Refugium zum Innehalten, was es als Qualität mit dem Kaiserslauterer Kolumbariumsprojekt von Andrea Uhrig und Dirk Bayer gemeinsam hat. Deren Arbeit fußt auf gesellschaftliche Wahrheiten.
Von der Wiege bis über den Tod hinaus
Die Kirchenbindung erodiert, traditionelle Familienstrukturen lösen sich auf: die Eltern sterben, die Kinder leben woanders. So etwas wie Grabpflege ist in fluiden, ortsungebunden Lebensentwürfen un-vorgesehen. Ein Urnengrab, wenn es denn so sinnlich in ein Gesamtkonzept passt, wie das von bayer/uhrig, ist eine sinnstiftende Alternative.
Dafür ist durch den Einbau einer multifunktionalen Trennwand in einen Alkoven des Gotteshauses eine Beichtgelegenheit und ein seelsorgerisches, harmonisches Rückzugsgebiet gleichermaßen entstanden. Im Kirchenraum selbst ist der Taufstein ins Zentrum der Laufwege versetzt – als unaufdringliche Erinnerung an einen Beginn. Vor allem aber haben bayer/uhrig Maria Schutz eine überirdische Grabstätte für Urnenbestattungen verschafft, die in dieser Form – noch – selten ist. Ein Kolumbarium mitten im aktiven Gemeindeleben.
Die zentrale Idee ist, die Urnenwände senkrecht zu den Außenwänden in die nach oben hin ornamental durchbrochenen, illuminierten Seitenschiffe zu platzieren, wie die Zinken eines Kamms. Man sieht die Spitzbögen und die lange Strecke der zehn Seitenschiffe, die dafür profanisiert worden sind. So ist man in dem Gotteshaus seelenvoll umgeben, von der Wiege bis über den Tod hinaus.
Das Ornament der glasierten, cremefarbenen Keramiktafeln, die die über 1300 stählernen Grabkammern verschließen, ist an das Rosenfenster angelehnt. Das Maßwerk eine besondere Art der Kreisbogenornamentik, gestaltet mit Zirkel, Lineal und Winkelmaß. Jede der zurückhaltend individualisierten, handgefertigten Tafeln ist ein wenig anders. Es wirkt, als überziehe die Urnenwände gewebter Leinenstoff. Wie erhellt scheint das Gotteshaus. Nun ein klarer, Ruhe atmender, sinnlich-sakraler, zukünftiger dritter Ort. Nimmt man die BDA-Preise als Maßstab, kann sich die Pfalz momentan architektonisch als gutes Pflaster gelten.
Eine Kapelle mit Sternenhimmel am Teich
So wurden außer den beiden Auszeichnungen zwei Anerkennungen an Pfälzer Projekte vergeben. An die Forschungshalle Diemerstein des t-lab am Fachbereich Architektur der RPTU Kaiserslautern-Landau, ein experimentelles Bauwerk Marke studentischer Eigenbau, bei dem die zerstörungsfreie Demontierbarkeit des Holzbaus erprobt wird. Die andere Anerkennung wurde für die Kapelle von Wandel Lorch Götze Wach (Frankfurt/Saarbrücken) ausgesprochen, die wie selbstverständlich im Belzmühltal in Bruchmühlbach-Miesau an einem Teich steht.
Wald, Wiesen, der Jakobsweg führt vorbei. Die Kapelle ist öffentlich zugänglich. Auftraggeber Klaus Backes hat sie aus Dankbarkeit darüber gestiftet, dass er einen Flugzeugabsturz überlebt hat. Im Innern brennt eine Kerze. Die tragende Hülle besteht aus vier Halbschalen aus unbewehrtem Stampfbeton in Stahlschalung, dem auch aus Gründen der lokalen Verortung Sandstein aus einem nahen Bruch beigemengt worden ist. Die Form des Kleinstgotteshauses nimmt die des Teichs auf. Alles wirkt sehr harmonisch, zeitenthoben – wie eine metaphysische Insel. Architektur, die auf zehn Quadratmetern Grundfläche und mit puristischen Mitteln einen öffentlichen Erlebnisraum schafft. Durch den „Sternenhimmel“ am sieben Meter hohen Zenit, fällt das Licht.
Die Ausstellung
Es gibt eine Wanderausstellung aller Arbeiten, die in die engere Wahl gekommen sind. Darunter sind auch das Haus am Hang in Erlenbach von dury et hambsch und die Revitalisierung Alte Pastetenfabrik in Landau von Bau4 Architekten. Erste Station in der Pfalz ist im Januar/Februar die Architekturgalerie Kaiserslautern. Infos: https://www.bda-rheinland-pfalz.de