Premiere RHEINPFALZ Plus Artikel Amir Gudarzis neues Stück in Mannheim uraufgeführt

Shirin Ali spielt eine der fünf Rollen in „Als die Götter Menschen waren“.
Shirin Ali spielt eine der fünf Rollen in »Als die Götter Menschen waren«.

Amir Gudarzi ist in dieser Spielzeit Hausautor des Mannheimer Nationaltheaters. Im Herbst hat der Dramatiker hier sein Romandebüt „Das Ende ist nah“ vorgestellt. Auch in seinem Drama „Als die Götter Menschen waren“, das jetzt die Uraufführung erlebt hat, ist die Apokalypse nahe. Seine düstere sozialkritische Anklage findet jedoch ein überraschendes, vielleicht auch komisches, auf jeden Fall aber offenes Ende.

Amir Gudarzis „Als die Götter Menschen waren“ ist Science-Fiction, Zeitkritik und Archäologie in einem. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheitsentwicklung spielen ineinander und fügen sich zu einer scheinbar ausweglosen Dystopie.

Die Zukunft: Vom Planeten Mars aus blickt eine gewisse Eva forschend anhand von Videos aus einer fernen Zukunft zurück auf das einstige Erdenleben. Die Gegenwart: Ein syrischer Flüchtling fotografiert Straßenzüge für Google Earth, ein kurdischer Paketzusteller schuftet unter enormem Zeitdruck für den globalen Online-Versandhändler Amazon, und eine aus dem Irak stammende Ingenieurin entsorgt Industriemüll.

Das Stück spielt auf drei Zeitebenen, die Darsteller – von links: Leonard Burkhardt, Shirin Ali, Larissa Voulgarelis, Sarah Zast
Das Stück spielt auf drei Zeitebenen, die Darsteller – von links: Leonard Burkhardt, Shirin Ali, Larissa Voulgarelis, Sarah Zastrau und Jessica Higgins – bleiben alle die ganze Zeit auf der Bühne.

Der heimwehkranke Google-Earth-Fotograf Johnny träumt sich während seiner Arbeit zurück auf Straßenzüge seiner zerstörten Heimatstadt Aleppo. Der Paketzusteller Mazlum muss nicht nur für ein gestohlenes Paket aus eigener Tasche aufkommen, obendrein wird er zum Sortierer degradiert, weil er einen Betriebsrat gründen wollte. Und der irakischen Ingenieurin Ištar wird bei einem Betriebsunfall das Gesicht verätzt, die Notoperierte wird mit Fotos erpresst, um sie zum Schweigen zu bringen, ermöglicht durch die totale Überwachung der Beschäftigten.

Die Vergangenheit: Nach dem 1800 vor Christus in Mesopotamien entstandenen Atrahasis-Epos erschafft die Muttergöttin Nintu aus Lehm, Blut und Spucke Menschen, um so die Götter von Arbeit zu befreien und zu ernähren. Allerdings werden ihre Geschöpfe den Göttern bald selbst zur Last, weshalb sie Seuchen und Naturkatastrophen über sie kommen lassen, um sie zu dezimieren. Nebenbei stellt das Stück Verbindungen des alten Atrahasis- zum jüngeren Gilgamesch-Epos und zum Alten Testament her.

Das gesamte Zerstörungswerk der Menschheitsgeschichte

Amir Gudarzi lässt keine Krise, keine Katastrophe, keine Todsünde und Grausamkeit der Gegenwart aus. Überbevölkerung, Corona, Krieg, Diktatoren mit ihren Folterknechten, Ausbeutung, Influencer, Konsumrausch, der Mensch als Ware, Robotertechnik, Klimakatastrophe nebst Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ – nichts, das in „Als die Götter Menschen waren“ nicht zur Sprache käme. Und damit nicht genug, scheint auch noch das gesamte Zerstörungswerk der Menschheitsgeschichte namens Zivilisation auf. Neben Anklagen gegen Diktatoren wie Assad in Syrien, Erdogan in der Türkei und Saddam Hussein im Irak vergisst der in Teheran geborene, seit vielen Jahren in Wien lebende Autor und Emigrant auch nicht, das Gottesstaatsregime der Ajatollahs im Iran zu verdammen.

Einem dort zum Tode verurteilten „Frau, Leben, Freiheit“ skandierenden Demonstranten legt er einen bewegenden Appell zu Frieden, Gerechtigkeit und Menschenliebe mit der Hoffnung auf eine Welt ohne Gewalt in den Mund. Danach lässt er die Menschheit in einer Sintflut untergehen.

Larissa Voulgarelis in „Als die Götter Menschen waren“.
Larissa Voulgarelis in »Als die Götter Menschen waren«.

Die Mannheimer Uraufführung spielt abweichend von Gudarzis Vorlage an dieser Stelle das überlebensgroße Gesicht Elon Musks auf einer Leinwand ein. Der Multimilliardär und Weltraumpionier spielt sich in dem Clip als Retter der Menschheit und Befreier von der Herrschaft der Maschinentechnik auf. Ob seine nicht anders als zynisch zu bezeichnende Einlassung authentisch ist oder ein KI-generiertes Fake, bleibt offen. Am Ende klärt sich so in Gudarzis Stück aber Evas Blick aus der Zukunft und vom Mars. In der extraterrestrischen Hauptstadt namens Tesla feiert sie den Propheten und Retter Elon Musk als einen zweiten Noah mit seiner Arche.

Wie mythisch verklärt ist die angeblich so vernunftgesteuerte Gegenwart? Wieviel Aufklärung steckt im Mythos und wieviel Mythos in der Aufklärung? Das ist die Frage, die das Stück stellt. Sein Ende macht jedenfalls den Titel verständlich: Die Götter der Gegenwart heißen Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos. Gudarzis ironischer Blick aus der Zukunft von einem anderen Planeten aus könnte eine distanzierte Haltung zur eigenen Gegenwart ermöglichen, auf dass die Menschheit endlich zur Besinnung käme. Aber sein Stück endet offen und abrupt mitten in einem Satz. Es überlässt die Folgerungen dem Zuschauer.

Wie ein antiker Chor (von links): Shirin Ali, Larissa Voulgarelis, Jessica Higgins, Sarah Zastrau und Leonard Burkhardt.
Wie ein antiker Chor (von links): Shirin Ali, Larissa Voulgarelis, Jessica Higgins, Sarah Zastrau und Leonard Burkhardt.

Der österreichische Regisseur FX Mayr, der auch schon am Deutschen Theater Berlin, am Stuttgarter Schauspiel, am Schauspielhaus Bochum und am Wiener Burgtheater inszeniert hat, gibt mit „Als die Götter Menschen waren“ seinen bravourösen, mit viel Applaus bedachten Einstand am Mannheimer Nationaltheater. Die montageartig zerklüfteten und nicht linearen Geschichten, die sprachstilistische Vielfalt der Vorlage bei ihrem gleichzeitigen Anspruch einer universalgeschichtlichen Gesamtschau sind nicht leicht auf die Bühne zu bringen. FX Mayr lässt daher alle fünf Schauspieler ständig auf der Bühne präsent sein. Bald tanzen sie vor einem spärlichen Bühnenbild zur Musik Martina Berthers in zotteligen, steinzeitlich anmutenden schwarzen Fellen oder tragen gemeinsam Chorpartien vor. Dann wieder schälen sich Jessica Higgins, Leonard Burkhardt, Larissa Voulgarelis, Sarah Zastrau und Shirin Ali aus ihnen heraus, um in Korbinian Schmidts knallbunten, an futuristische Astronautenuniformen angelehnten Kostümen die zwischen Gegenwart und extraterrestrischer Zukunft pendelnden Figuren zu mimen. Starker Applaus im ausverkauften Werkhaus.

Termine

Weitere Aufführungen am Samstag, 3. Februar, und Freitag, 23. Februar, jeweils 20 Uhr (Kurzeinführungen um 19.30 Uhr) im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters.

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