Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Aliens versus Descartes: Thomas Lehrs neuer Roman „Manfred“

Gelehrter Autor: Thomas Lehr
Gelehrter Autor: Thomas Lehr

„Manfred“: Im irrwitzigen Science-Fiction-Roman des in Speyer geborenen Großschriftstellers Thomas Lehr besiedelt ein Außerirdischer den Kopf einer jämmerlichen Gegenwartsgestalt. Ein gelehrtes Vergnügen. Ein echter Thomas Lehr. Der Berliner ist der Pfälzer James Joyce.

Manfred ausgerechnet, vom abgestandenen Namen abgesehen, ist der Mann ein Lauch. Abgebrochener Wirtschaftsstudent, Mitte 30, Kleinstunternehmer in Sachen Computerhilfsdienste. Single mit Bauchansatz, „Geschlechtstraurigkeit“ umgibt ihn wie Frittenfett-Geruch. Was das soll und wo das mit dieser mängelexemplarischen Jammergestalt hinführen könnte, ist dem außerirdischen Agenten des „wahren Universums“ selbst nicht klar, der im höheren Auftrag eines „Äußeren Amts“ seit einiger Zeit das manfredische Denken besiedelt.

Thomas Lehr, der Pfälzer James Joyce, vielleicht auch Robert Musil, hat eine hellsichtig-böse, hoch-komische Science-Fiction-Satire über die Gegenwart geschrieben, in der der ZORRGH, wie er sich nennt, präventiv die Außengrenzen bewacht. Der Roman ist ein typischer Lehr, insofern der sprachversessene Breitbach-Preisträger, der demnächst 66 wird, in immer neuen Konstellationen seine Register zieht. Oder, um es wie sein Schriftstellerkollege F. C. Delius zu sagen: „Es gibt nichts, was Thomas Lehr nicht kann“ Der Pfalzpreisträger des Jahres 2010 ist der wichtigste Autor, den Rheinland-Pfalz zurzeit hat.

17 Dimensionen

Drei Mal schon stand der drahtige Denker, der Ende der Siebzigerjahre für ein Biochemiestudium nach Berlin zog, im Finale des Deutschen Buchpreises. Seine Bücher sind immer anders, immer konzeptionell, auf mehreren Ebenen zu lesen, ein Terrain für interdisziplinäre Exegesen, prall voll mit Weltwissen, Physik, Kunst, Philosophie. Sie gründen tief. Berserkerhaft studiert der – eine Zeit lang – Programmierer der Unibibliothek der Berliner FU das, worüber er dann meist jahrelang schreibt.

In „Fata Morgana“ etwa, 2010 nominiert, einem interpunktionslosen Prosagedicht, geht um den Islam, Öl, Terror, Krieg. Eigentlich ein Unding, aber Lehr schafft die Verwandlung von Politik in Poesie, in dem er zwei parallele Vater-Tochter-Schicksalsgeschichten erzählt. Die Schauplätze sind weit voneinander entfernt. Sabrina, eine der Töchter, stirbt am 11. September 2001 im World Trade Center in New York. Muna, die andere, drei Jahre später in Bagdad bei einem Bombenattentat.

In „Schlafende Sonne“, 2018 unter den letzten Sechs für den Buchpreis, vermisst Lehr zwischen „Genie und Wahnsinn“, wie ein Rezensent meinte, an einem Sommertag des Jahres 2011 ein ganzes Jahrhundert. „42“, der Roman war 2005 kurz davor, den Deutschen Buchpreis zu gewinnen, schildert, wie sich eine Besuchergruppe, als sie aus dem Genfer Kernforschungszentrum CERN tritt, plötzlich in der Zeitblase einer „Fotografie der Welt“ befindet. Sie ist genau um 12.47 Uhr und 42 Sekunden entstanden. 42, so heißt die Lösung des Welträtsels in Douglas Adams Genreklassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“. 42, auf Japanisch ausgesprochen, klingt wie „tot“. Wenn man so will, hat Lehrs neues Werk zu der traumwandlerischen Dystopie noch die größte Verwandtschaft.

Lustvoll folgt der Berlin-Speyerer Virtuose in „Manfred“ der gesellschaftskritisch gemeinten Mission. Der auktoriale Außerirdische soll verhindern, dass jemand den Ausgang findet aus unserer minderbemittelten, halb-zivilisatorischen Gefängniszellen-Welt in ihre unvergleichlich bessere, in der man in 17 Dimensionen 1000 Jahre lang lebt. Selbst der ZORRGH weißt nicht so genau, wie gut man es dort hat. Auch wie er aussieht, bleibt Ahnung.

Eine „Blendung“ verwehrt ihm, während er sich im Kopf seiner Zielperson als fortan maßgebliches Über-Ich installiert, den Durchblick, während er auf die kümmerliche Verfasstheit der Menschlinge umso schonungsloser herabschaut – von seinem hohen Ross herab. „Vertikaler Dünkel“ durchzieht die in einer zeitentrückten, astrein barockigen Kunstsprache geschriebenen Schilderungen des wohl ersten extraterrestrischen Ich-Erzählers der Gegenwartsliteratur. Wie der Reiter eines Pferdes, das er zuzurichten hat, kommt sich der ZORRGH vor im Kopf seiner Klientel.

Jahrhundertelang hat er sich als Über-Ich in Geistesgrößen eingeloggt, um sie, wenn es sein musste, durch Manöver des allzu Menschlichen rechtzeitig zu eliminieren – durch tragische Zufälle, Syphilis und Weltschmerz. In Mathegenies, in Mozart, Erfindergestalten, Philosophen und Weitsehern hat der ZORRGH mit seinen Kollegen schon rumort und die Geschichte umgeschrieben, Kaliber Archimedes, der im Altertum die Zahl Pi entdeckt hat. Oder Hieronymus Bosch (ca. 1450 bis 1516), der wegen seiner fantastischen Bilderfindungen zu Lebzeiten als Zeitreisender galt. Und jetzt steckt er also – alles beginnt im Jahr 2020 – bei seinem 100. und letzten Fall in diesem bräsigen Manfred-Niemand, der, wenn überhaupt, allenfalls jemand kennt, der jemand kennt, der in der Lage wäre, die Pforte zu entdecken zu seiner, ZORRGHs Heimatwelt.

Der zutreffende Gedanke

Zwei Bedingungen müssen dazu erfüllt werden. Dazu gehört erstens, dass sich der „zutreffende Gedanke“ einstellt, dass es sich bei unserem Universum um eine Einzelzelle für unreife, halb-barbarische Zivilisationen handelt. Aber erst, wenn sich jemand wie der „Ich denke, also bin ich“-Revolutionär René Descartes (1596 bis 1650) anschickt, durch geistige Manöver die Pforte zu durchqueren, schrillt sehr weit weg beim „Äußeren Rat“ der Alarm. Und bei Manfreds Schulfreundschaften, der Kurzzeit-Ex Sabine, ihrem Unternehmermann Ronald, vor allem dem vergeistigten Axel, scheint die Gefahr zu bestehen.

Das Trio ist kurz davor, sich mit Hilfe eines hochtechnologischen Observatoriums im chilenischen Hochland kühne Einsichten in die Anderswelt zu verschaffen. Sabine ähnelt zudem phänomenal der Mathematikerin und ersten Programmiererin der Weltgeschichte, Ada Lovelace (1815 bis 1852), die auch so ein Fall für Außerirdischen war, dito ihr Dichtervater Lord Byron, über dessen – natürlich inszenierten – Tod sie nicht hinwegkam. Weitverzweigt lässt Thomas Lehr in seiner Neuschreibung der Geistesgeschichte die Diskurse durch die Jahrhunderte mäandern, während der ZORRGH Manfred nach und nach als Verhinderer ermächtigt.

Erst veranlasst er ihn, sich die Zähne zu bleichen, verschafft im Casinogewinne, lukrative Aktiendepots, einen Ferrari und Programmier-Know-how. Derweil springt die Erzählung immer wieder zu Hieronymus Bosch, zu „Albertle“ Einstein, zurück zu Descartes vor allem. Denn dessen Mutmaßungen über die mögliche Trennung von Körper und Geist berühren zukunftsentscheidende Fragen wie: Kann Künstliche Intelligenz selbstständig denken?

So ist das Buch vorwiegend heiter im Heimito-von-Doderer-Sinn, ein Fest für alle Sprachverliebte und gleichermaßen die, die die Feinheiten des Grundwiderspruchs zwischen Quantenmechanik und Relativitätstheorie kapieren. Wie Lehr erzählt, hat er es geschrieben, um für sich das sogenannte Fermi-Paradoxon zu lösen, dass es in den Weiten des Universums notgedrungen Außerirdische geben muss, die uns aber nicht besuchen.

Hilfe, Qualifikationen

Beißend kritisch hat er einen von den Außerirdischen erstellten Dekalog der Qualifikationen eingeklinkt, mit deren Hilfe eine Zivilisation in ihrer Gesamtheit auf eine höhere Entwicklungsstufe klettern könnte. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, Dinge wie die Garantie einer angemessenen Wohnung, wirkliche Gesundheitsvorsorge, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, die Anstrengung, die Welt so zu verlassen, wie man sie betreten hat. Gewaltlos, wie sie vorschreiben, sind die ZORRGHs der Anderswelt allerdings auch nicht, wenn sie im höheren Auftrag Leute über die Klinge oder Klippe springen lassen. Nobody is perfect: So hat selbst der gelehrte Autor Thomas Lehr, wie er erzählt, beim Schreiben seiner Vergnüglichkeitsprosa eine überraschende Wissenslücke entdeckt. Vom Titel eines faustischen Dramas von Lord Byron jedenfalls hat er erst erfahren, als sein eigener Buchtitel schon feststand. Es heißt „Manfred“.

Lesezeichen

Thomas Lehr: „Manfred“, Roman; Hanser, München; 333 Seiten, 26 Euro.

Termin

Thomas Lehr liest am Mittwoch, 8. 11., 19 Uhr, in der Friedenskapelle in Kaiserslautern. Veranstalter ist die Volkshochschule und die Buchhandlung „Blaue Blume“.

Der Außerirdische in den Synapsen.
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