Buch aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel Abdulrazak Gurnahs Roman „Das versteinerte Herz“

Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, der selbst aus Tansania kommt und seit Langem in Großbritannien lebt, schreibt in „Das stein
Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, der selbst aus Tansania kommt und seit Langem in Großbritannien lebt, schreibt in »Das steinerne Herz« über einen Mann, dessen Biografie seiner eigenen zu gleichen scheint.

Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah blickt in „Das versteinerte Herz“ auf ein Leben zwischen Sansibar und Großbritannien. Und überrascht mit einer Wendung, die sein Publikum dann so manches in Frage stellen lässt.

Als die Schwedische Akademie im Oktober 2021 den Namen ihres neuen Literaturnobelpreisträgers verkündete, war die Überraschung groß: Niemand kannte Abdulrazak Gurnah. Die auf Englisch geschriebenen, bis dahin neun Romane des 1948 auf der ostafrikanischen, zu Tansania gehörenden Insel Sansibar geborenen, dort aufgewachsenen und 1968 nach London geflohenen Schriftstellers waren nur in allerkleinsten Verlagen veröffentlicht worden. Auf Sansibar und in London hat der Autor auch die Handlung des im Original 2017 erschienenen und nun auf Deutsch erhältlichen Romans „Das versteinerte Herz“ angesiedelt. Dass Salim, der Ich-Erzähler, dessen Leben die Leser und Leserinnen von seinem vierten bis 40. Jahr darin verfolgen können, schöpft aus autobiografischen Quellen.

Der kindliche und auch der jugendliche und dann halbwegs erwachsene Salim versteht so manches nicht, was sich rund um ihn ereignet: In dem kleinen Haus in der schmalen Gasse, wo er mit seiner Mutter, einer wunderschönen, immer wieder von Männern bedrängten Frau, und zeitweise auch mit seinem Onkel Amin, deren Bruder, zusammenlebt und auch später, als er längst studiert. Warum seine Eltern sich getrennt haben zum Beispiel, sein Vater eines Tages ausgezogen ist vielmehr, und nun unter prekären Verhältnissen, in einer Kammer hinter einer Bäckerei haust, kaum arbeitet und zusehends verkommt, wagt er sich nicht zu fragen.

Die Abnabelung

Weder die Schwindel erregende Karriere seines Onkels, die vom Tagedieb zum Spitzendiplomaten führt, kommt ihm merkwürdig vor, noch die Liebschaft seiner Mutter mit einem Politiker. Er ist froh darüber, dass sein Onkel ihn mit nach London mitnimmt, wo er studieren kann, auch wenn es Nationalökonomie ist, ein Fach, das er hasst, alsbald vernachlässigt und am Ende durchs Examen rauscht. Es kommt zum Streit, Salim verlässt den Haushalt in einem der vornehmsten Viertel der englischen Hauptstadt, verzichtet auf alle Privilegien und arbeitet fortan, um sein Studium zu finanzieren, als Kellner oder auf dem Bau. Er möchte Literaturwissenschaftler werden, legt auch die entsprechenden Prüfungen ab, beruflich aber kann er nicht reüssieren.

Sprich: Besonders zielstrebig ist er nicht, vorläufig wird er auch kein großer Dichter, wenngleich sich in den nicht abgeschickten Briefen an die Mutter ein paar Funken andeuten. Vielmehr reiht er sich fraglos ein in das anonyme Heer der afrikanischen und asiatischen Migranten des ehemaligen Empires. Die Jahre vergehen, er zieht um, er wechselt den Job, er hat Liebschaften. Seine Mutter stirbt. Bis ihm dämmert, dass er in Sansibar noch etwas zu „erledigen“ hat, dauert es ewig.

Der Paukenschlag

Erst nach Salims Rückkehr nach Sansibar geschieht dann der Paukenschlag, den sich Abdulkazak Gurnah für den zweiten Teil seines Romans aufgespart hat, die berühmte Wendung, welche das Leben von Salims Eltern im wirklichen Licht der ihnen widerfahrenen moralischen Katastrophe zeigt. Die Voraussetzung für die neuen Erkenntnisse des Sohnes besteht in seiner Bereitschaft, sich für einige Tage und Nächte als nunmehr „zivilisierter Brite“ in die primitive Unterkunft seines Vaters zu begeben und dort dessen Erzählungen zu lauschen. Deren Ausführlichkeit strengt ihn an, die Berichte über die Verfehlungen seiner Mutter zumal und deren verhätscheltem, kriminellen Bruder kann er kaum ertragen.

Aber es sind natürlich nicht nur die individuellen Verstrickungen der Familie, die Gurnah, der Autor, in der manchmal sehr blumig naiven Sprache des Vaters preisgibt. Auch die grässlich falschen Töne des postkolonialen und sodann postsozialistischen, von der Sowjetunion und nicht zuletzt der DDR indoktrinierten, komplett verrotteten Staates Tansania, der sich nach der Unabhängigkeit 1958 bis weit in die 1980er Jahre von seinen korrupten Strukturen nicht befreien kann, prägen das Verhalten der tief gespaltenen Bevölkerung.

Das Experiment

Nicht zuletzt ein literarisches Experiment hat der Literaturnobelpreisträger seiner Leserschaft „zugemutet“: Sie in fälschlicher Sicherheit über die Integrität seines Erzählers zu wiegen, wenngleich dieser – zumindest anfänglich – nur ein unwissender Junge ist. Durch nichts, keinen Satz, keine Einsprengsel, hat Gurnah angedeutet, dass es womöglich noch eine andere Sichtweise geben könnte, ja, dass es für alles, was Salim sieht und erlebt, auch andere Erklärungen gibt.

Noch lange nach dem Absturz in die neuen Tatsachen ist man beim Lesen wie betäubt. Das Umdenken fällt schwer. Was heißt: Literatur ist mächtig, sie besetzt Territorien im Kopf. Und Gurnah ist ein machtvoller Erzähler, dessen direkte klare Sprache in Eva Bonné eine adäquate Übersetzerin gefunden hat.

Lesezeichen

Abdulrazak Gurnah: „Das versteinerte Herz“; aus dem Englischen von Eva Bonné; Penguin; 368 Seiten; 26 Euro.

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