Kulturgeschichte RHEINPFALZ Plus Artikel 500 Jahre Torre de Belém – Wahrzeichen Lissabons

Auch im Winter und windumtost eine Schönheit: der Torre de Belém in Lissabon.
Auch im Winter und windumtost eine Schönheit: der Torre de Belém in Lissabon.

Lissabons Wahrzeichen ist vielleicht nicht so berühmt wie der Eiffelturm oder Big Ben, doch bereits seit 500 Jahren gehört der Torre de Belém zum Stadtbild der portugiesischen Metropole. 1521 wurde der imposante Bau an der Tejo-Mündung fertiggestellt, sein offizieller Name lautet Torre de São Vicente.

In seiner wechselvollen Geschichte diente der Torre als Leucht- und Wachturm. 1515 war sein Bau von König Manuel I. in Auftrag gegeben worden. Unter Leitung des Architekten Francisco de Arruda begann die Errichtung , sechs Jahre später wurde der Bau abgeschlossen. Er gilt als Sinnbild für das „Goldene Zeitalter“ Portugals im 15. und 16. Jahrhundert, als das Land zu einer der bedeutendsten Seefahrer- und Handelsnationen aufstieg. Mit den Produkten aus seinen Kolonien kontrollierte Portugal die Weltmärkte für Zucker, Tabak, Elfenbein und war einer der Hauptlieferanten von Kaffee, Sklaven und Gewürzen.

1494 hatten die damaligen Weltmächte Spanien und Portugal im Vertrag von Tordesillas ihre Einflussbereiche in eine östliche und westliche Seite des Globus aufgeteilt. Die Grenze zwischen den Hoheitsgebieten verlief 370 Meilen westlich der Kapverden auf einer Linie vom Nord- bis zum Südpol. Alle Inseln und Länder im Atlantik westlich davon gehörten den Spaniern aus Kastilien und Aragonien, sämtliche Gebiete östlich dieser Grenze den Portugiesen.

Vier Stunden Kampf

Ursprünglich war der Torre de Belém ein kleines Fort zum Schutz der Tejo-Mündung, auf der gegenüberliegenden Uferseite gab es einen identischen Turm. Beide bewachten die Hafeneinfahrt und konnten feindliche Schiffe mit jeweils 17 Kanonen ins Kreuzfeuer nehmen. Außerdem sollten sie die Werften im nahegelegenen Restelo schützen, die zu jener Zeit das Zentrum der Schiffsbaukunst Portugals bildeten. Beim großen Erdbeben 1755 wurde der zweite Turm jedoch zerstört, der Torre de Belém überstand die Katastrophe wie durch ein Wunder fast unbeschädigt.

Allerdings war die Anlage nicht stark genug, um dem Angriff der spanischen Armada 1580 standzuhalten. Nach dem Tod des letzten portugiesischen Königs Heinrich I., der ohne Nachkommen geblieben war, machten die Spanier ihren Erbanspruch geltend. Die erbitterten Kämpfe um den Turm dauerten lediglich vier Stunden, bis sich die Portugiesen ergaben und die Spanier Lissabon erobern konnten. Die Niederlage führte zur Entstehung einer „Iberischen Union“, die 60 Jahre lang anhielt. Der Turm wurde später auch als Zollstelle genutzt.

Wie ein steinernes Schiff

Das vierstöckige Bauwerk hebt sich 35 Meter aus dem Tejo empor und wurde auf einem sechseckigen Grundriss errichtet. „Dieses Denkmal in all seiner Schönheit, Originalität und Innovation ist wie eine steinerne Transformation eines Schiffes, das über den Fluss in Richtung Meer fährt“, schwärmt André Teixeira, Professor für Geschichte an der Nova-Universität in Lissabon. Im ersten Stock befindet sich der kunstvoll gestaltete und reich verzierte „Sala dos Reis“, in dem Königssaal wurden früher Bankette und Staatsempfänge abgehalten. Aufgrund der gekrümmten Decke bietet er eine überraschend gute Akustik.

Daran angrenzend liegt der „Sala do Governador“ („Gouverneurssaal“), hier residierten Militärangehörige mit höchster Auszeichnung. Die einfachen Soldaten waren im düsteren und kühlen Raum darunter stationiert, der auch zur Lagerung von Waffen und Lebensmitteln diente. Über den Innenhof gelangten nur wenig Frischluft und kaum Licht ins Erdgeschoss.

Bis ins 19. Jahrhundert wurden hier auch Gefangene untergebracht. Meist unter nicht besonders angenehmen Bedingungen, denn die Räumlichkeiten waren ständigen Überschwemmungen – entweder durch die Flut oder heftige Stürme – ausgesetzt. Regelmäßig standen die Inhaftierten hüfthoch im Wasser. Ab 1865 kam das Bauwerk auch als Leuchtturm zum Einsatz. Die dritte Etage beherbergt ein aufwendig gestaltetes Audienzzimmer und die vierte eine kleine Kapelle mit Aussichtsplattform. Viele Seefahrer beteten vor der Statue „Unserer Lieben Frau der sicheren Heimkehr“ um Schutz für sich und ihre Familien.

Dem Erdbeben getrotzt

Vom obersten Stockwerk aus bietet sich ein schöner Panoramablick über den Bezirk Belém sowie die Flussmündung. Die einzelnen Etagen sind mit engen Wendeltreppen verbunden. Der Turm steht etwa zweieinhalb Kilometer von der Innenstadt Lissabons entfernt. Neben dem zur selben Zeit aus Kalksteinblöcken erbauten und nahegelegenen „Mosteiro dos Jerónimos“ („Kloster des Ordens des Heiligen Hieronymus“) gilt der Turm als eines der wenigen Beispiele der Manuelinik, die das Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert überstanden haben. Der manuelinische Architekturstil ist eine Sonderform der Spätgotik und nur in Portugal sowie den ehemaligen Kolonien zu finden. Das portugiesische Wort Belém bedeutet übrigens Bethlehem. Der Name stammt von einer der Santa Maria de Belém gewidmeten Kirche, die früher am Ort des heutigen Klosters stand.

Die wahre Schönheit der kleinen Bastion liegt in der äußeren Dekoration aus elfenbeinweißem Kalkstein. Sie bietet schildförmige Zinnen, durchbrochene Balkone und maurische Ausgucke, die häufig mit dem Kreuz des Ordens Christi verziert sind. Besondere Berühmtheit erlangte die Plastik des Kopfes eines indischen Panzernashorns, die sich an der Nordwestecke des Turms befindet. Das Tier war in Europa unbekannt, bis der Seefahrer Afonso de Albuquerque 1515 eine Abbildung von einer Indienfahrt mitgebracht hatte. Später wurde sie auch von Albrecht Dürer als Vorlage für seinen berühmten Holzschnitt „Rhinozeros“ verwendet.

Nashorn gegen Elefant

In diesem Zusammenhang fand 1517 in der Nähe des Turms ein bizarrer „Wettkampf“ statt. Die Menschen wollten herausfinden, welches der neuentdeckten Tiere aus Afrika und Asien das stärkste sei. Sie ließen einen Asiatischen Elefanten gegen ein Afrikanisches Nashorn kämpfen. Beide waren Geschenke des Sultans von Gujarat an den portugiesischen König. Das Ergebnis enttäuschte die Menge wie auch den Herrscher: Als der Elefant das Nashorn erblickte, drehte er sich um und suchte das Weite.

Vor 500 Jahren befand sich der Turm auf einer Felsnase, etwa 180 Meter vom Ufer entfernt inmitten der Tejo-Mündung. Im 19. Jahrhundert kam es zu Aufschüttungen am nördlichen Ufer, daher ist er heute nur noch wenige Meter vom Land entfernt. Das Wahrzeichen wurde 1910 zum nationalen Denkmal erhoben und zählt seit 1983 zusammen mit dem nahen Kloster zum Unesco-Weltkulturerbe.

An der Mündung des Tejo gelegen: der Torre de Belém.
An der Mündung des Tejo gelegen: der Torre de Belém.
Der Torre de Belém ist seit 1982 Unesco-Weltkulturerbe.
Der Torre de Belém ist seit 1982 Unesco-Weltkulturerbe.
Architekturdetail des manuelinischen Stils.
Architekturdetail des manuelinischen Stils.
x