Literatur
1989 erschienen, immer noch so frisch: Michael Buselmeiers Pfälzer Landroman „Schoppe“
Vielleicht kann das „forschende Wandern“ seines Protagonisten Schoppe, den man als Buselmeiers Alter ego lesen könnte – vom Autor nicht schön frisiert, sondern mit Knüffen versehen und mitunter bloßgestellt – , nunmehr wirkmächtiger werden als vor 35 Jahren, denn mittlerweile ist, in Zeiten des Anthropozäns, Nature Writing deutlich höher angesehen und auch im deutschen Sprachraum in seiner Relevanz angekommen. Naturwahrnehmungen sind wichtig für dieses Buch, aber es geht nicht darin auf: Wie können wir uns verorten, verwurzeln, mit unserer nahen Umgebung, mit jenen, die vor uns hier waren, mit dem in unserer Kulturgeschichte, was nicht der Macht und dem Geld gehorcht hat? Diese Fragestellungen haben in diesem Stadium der Globalisierung eine noch größere Dringlichkeit als zu der Zeit, in der das Buch entstanden ist. Auch die Neueste Linke, der der globale Süden und die Migrationsthematik sehr viel näher ist als der deutsche Vormärz, trägt unfreiwillig zu seiner gesteigerten Relevanz bei: gibt es denn für „Deutschdeutsche“ (Deniz Yücel) nurmehr Globalisiertsein, Büßertum oder Rechtspopulismus? Buselmeiers Schoppe zeigt ein Terrain jenseits davon.
Wohin man auch blickt, ein anderes Grün
Der „Landroman“, man könnte auch von einer Erzählung sprechen, besteht aus zwölf überschaubaren Kapiteln und ist in einer schlanken, präzisen Sprache geschrieben, in der Buselmeier sein Können in den Dienst der Leser stellt, insbesondere wenn es um die Wiedergabe von Landschaftsverläufen geht und um eine knappe, aber scharfe Charakterisierung der Menschen, denen Schoppe begegnet. Sollte es mal anstrengender sein, seinen Sätzen zu folgen, läge es nicht an ihm, sondern an unseren Verkümmerungen in der Wahrnehmung der Natur und ihrer Benennungen. Diesem Schreiben geht ein Lernprozess voraus: „Einmal mehr wunderte er sich, dass er diese Landschaft, seit er sie mit allen Sinnen wahrnahm, lieben und deshalb auch zur Sprache bringen konnte, die ruhige Linie der Berge, wo er hinblickte ein anderes Grün, gewundene staubige Wege, das heilsame Flöhkraut mit den Blutsflecken am Rand“.
Mit allen Sinnen wahrnehmen und daraus sein Schreiben entwickeln – bei ihm ist das immer wieder etwas Körperliches, ein Sich-Aussetzen. Schoppe, Schriftsteller in einer nahen Universitätsstadt und in einer Lebenskrise, setzt sich „an einem stürmischen Oktobertag“ auf sein Fahrrad, mit ein paar Habseligkeiten auf dem Gepäckträger, darunter seine Schreibmaschine, und fährt damit in die geringe Gegend, nach Edenkoben. Er wollte nicht verreisen, was er verabscheut, sondern „hier sehen lernen, bis zur Erschöpfung arbeiten, um Neues zu erfahren, wollte die Kraft und die Schönheit der Formen, Hitze und Kälte, den Duft der dampfenden Ackererde nach einem Gewitter in sich aufnehmen.“ Diese Radfahrt verläuft alles andere als geruhsam, hat er sich doch am Rand einer feindlich gesinnten Auto-Welt zu behaupten, überall sieht er zerquetschte Tierkörper als Todeszeichen, auf einem Feldweg peitscht eine Frau ihren Scheuklappen tragenden Schäferhund aus und das mehr als widrige Wetter tut ein Übriges. Er kommt von Sturm und Regen verprügelt und als Todfeind aller Autofahrer mit Ach und Krach in Edenkoben an: „Am Straßenrand standen zwei in Schwarz gekleidete Frauen und starrten ihm nach.“
Heimat als Ort der Zuversicht und Dauer
Auch seine dortige Unterkunft ist asketisch, er tauft sie Sibirienzimmer. Von dort aus geht er nicht spazieren, wenn es ihm behagt, sondern macht strapaziöse Gänge, in jeder Jahreszeit, zäh und unbekümmert. Heimat als Ort der Zuversicht und Dauer, das ist für Schoppe etwas, das sich womöglich erst „nach der äußersten, letzten Anstrengung“ einstellt. Buselmeier schreibt: „Der sanft ansteigende, vom Wind der Vor- und Jetztzeit zusammengetragene Lehmboden, auf dem er gerade dahergekommen war, verband ihn mit seinen Vorfahren, die Jahrtausende lang an den Rändern des breiten Stromtals und oft auch am Fluss selbst, von Überschwemmungen bedroht, in Armut gelebt hatten.“ Und: „All die Leibeigenen und Zinspflichtigen, sprach Schoppe laut, Taglöhner, Hauslehrer, im Wald erfrorene Händler und Wilddiebe, nach Amerika ausgewanderte Hungerleider, verschollene Siedler, Kaufleute, Indianerschlächter – die in Leinensäcken im Meer treibenden Toten rumoren in mir fort. Hier, in Baden und der Pfalz, haben sie das Korn geschnitten, geliebt und betrogen“.
In einer seiner Gesichte sieht er seinen vor der Geburt gefallenen Vater im Jägerkostüm, hört, während er den Aussichtsturm hochsteigt, den Großvater eine italienische Arie singen, ihm war, als wanderten die Vorfahren leise mit ihm: „Ich glaube, ich sollte wieder zu arbeiten anfangen, sprach er sich zu, jetzt, wo ich sehen lerne. Ich werde jeden meiner Vorgänger zu Wort kommen lassen, seine Kräfte und Leiden mit den meinen verbinden und sie so verdoppeln – das ist meine Chance.“ Wie soll das gehen? Schoppe „konnte die Vorfahren Wort für Wort erfinden und wiederfinden, indem er die Landschaft, den Raum, in dem sie gelebt hatten, für sich zurückgewann.“
Schoppe, der Einzelgänger und Sonderling, findet bei seinen von Edenkoben ausgehenden Erkundungen, die ihn keineswegs stets in Idyllen führen, sondern auch zur Totenkopfstraße, zur Nähe von Waffendepots, Begegnungen mit einigen wenigen, die dort Besonderes tun. Wie so manches in dem Buch hat dies etwas Programmatisches. Kurz vor Weihnachten ließ er sich von eisigem Wind und „scharfem“ Schnee nicht abhalten, über den Weg zur Kropsburg „ins Gebirge“ zu ziehen, aber schließlich ging ihm dann doch die Orientierung verloren und er bat, als er ein ausgedehntes Gehöft ausmachen konnte, um Unterschlupf. Im Hausherren, und später dann in Hans, konnte er einen Gleichgesinnten erkennen.
Romantische Gesellschaft im Edenkobener Herrenhaus
Dessen „Herrenhaus“ wurde von einem Landschreiber des Kurfürsten erbaut, kam als beschlagnahmtes Adelsgut in den Besitz seiner Vorfahren, die hier eine Damastweberei begründeten, und ist nun Ort einer losen Gemeinschaft, mit einem Künstler, einem Verleger, einem Philosophen. Wie Schoppe (und Buselmeier) kommt diese post-romantische Gesellschaft aus dem Geist der Studentenbewegung, der Revolte. Sie haben sich hierher zurückgezogen, weil sie keinen Sinn mehr darin sehen, sich politisch zu engagieren, um die Welt zu retten. Sie wollen nunmehr ihre gar nicht immer so kleinen Dinge ganz und gar in die eigenen Hände nehmen, fern von Karrieren, Kommerz, Bürgertum. „Vielleicht gibt es keinen Ausweg“, sagt Hausherr Manuel im Disput mit einem jungen Gast, „und keine Macht des Geistes hilft uns, aber wir sind sinnlos glücklich, weil wir mit Strenge das uns Mögliche getan haben und tun.“
Die Landschaft spüren, damit wir nicht Schwätzer bleiben
Aus dem Heidelberger Revoluzzer ist ein Bewunderer von Adalbert Stifters Nachsommer geworden, aber das hat Buselmeier und die Seinen nicht schwergesäßig gemacht. Er erweist sich in Schoppe als ein renitenter Linkskonservativer, dem Behaglichkeit und Feinschmeckertum wesensfremd sind. Die Düsenjägerstaffel gehört genauso zur Ausstattung wie die Oleanderbäume des Herrenhauses. Buselmeiers Buch ist gerade deshalb eine würdige Antwort auf den Nachsommer, weil dessen Steifheiten hier konterkariert werden. Schoppe ist und bleibt ein gebildeter Rebell und Freund aller im Leben gescheiterten Dichter, dessen eigenes Leben höchstens dann gelingen kann, wenn er in die Landschaft einzugehen vermag, in die er seine Schritte setzt. Aber auch die verständigen Gespräche im Refugium nähren ihn und uns. Hier und beim Erkunden der Landschaft geht es darum, zu spüren und zu begreifen, wie das geschaffen ist, was uns umgibt, und wo es herkommt. Damit wir nicht Gaffer oder Schwätzer bleiben, sondern verwoben sein können mit unserer Umgebung, im Reden wie im Gehen.
Das Überkommene wie das eigene Leben verteidigen, Geschichte im Zeichen der Ungewissheit retten – so formuliert es der Eigentümer des Herrenhauses in seinem Disput mit dem Jüngeren, als es um den versickerten Mühlbach geht, der einst sieben Mühlen angetrieben habe und ein mittelalterliches Kunstwerk sei, das wiederhergestellt werden solle. Aber Buselmeier wäre nicht Buselmeier, wäre alles in seinem beschenkenden Buch dermaßen gesetzt. Das Beste vom Guten ist der fulminante Schluss. Hier dreht keiner eine weiße Blume in der Hand und ist in ihre Symmetrie vertieft, hier gibt es Rabatz.
Die Mächtigen auspfeifen
„Siebenpfeiffer: Die Natur der Herrschenden ist Unterdrückung“, das schreibt Schoppe auf sein Schild und fährt damit, die Schrift nach unten, mit dem Bus die Haardt entlang nach Neustadt, ohne sich vorzumachen, dass dieses agitatorische Zitat charakteristisch sei für den Hambacher Festredner von einst. Nun geht es gegen die neuen Festredner, die sich – wir schreiben das Jahr 1982 – zu einem Staatsakt anlässlich der 150. Wiederkehr des Hambacher Festes versammeln, allen voran Bundespräsident Carstens, eines der Feindbilder der Mehr-oder-weniger-Linken dieser Jahre. In einer bizarren Prozession zieht nun ein Häufchen von sehr seltsamen Demonstranten unter einem orangenen Papierfisch, der wie ein Kinderdrache über ihnen flog, den Berg hoch, um die als Usurpation durch den Biedermannstaat empfundene Feier zu stören. Darunter auch Hans, mit dem er sich im nahen Gleisweiler angefreundet hat, auch einer, der sich fragt, „was denn so frevelhaft sei am Versuch einer Rettung der Welt in As-Dur“ und der sich nun nicht zu schade ist, neben schwäbischen Anarchisten in schwarzen Filzhüten und einem geistesgestörten Greis mit wallendem Haar unflätig zu krakeelen. Mit dabei sind auch nicht wenige aus der Creme südwestdeutscher Literaten, unverkennbar: Arnfrid Astel.
Michael Buselmeiers Plädoyer fürs sanfte Gesetz entlädt sich in Renitenz gegen die Welt „dicke(r) Herren, des Laufens entwöhnt“ und „ältliche(r) Damen in langen Gewändern“, gerade hier setzt er seiner Literatengeneration ein sprachliches Denkmal, frisch und aufmüpfig die Nähe zur Macht und zum Mächtlein meidend. Der Rückweg nach Edenkoben mündet in den Schlusssatz von Schoppe: „Die Mauern waren dunkel, fast schwarz, ebenso die Äste der Bäume und die Drähte der Überlandleitungen, aber das Gebirge glänzte wie grauer Samt, und der ganze westliche Himmel leuchtete.“ Möge dieses Buch des nunmehr 85-jährigen Heidelberger Schriftstellers auch 35 Jahre nach seinem Erscheinen gelesen werden, möge es von Hand zu Hand gehen.
Lesezeichen
Michael Buselmeier: „Schoppe. Ein Landroman“; Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1989; 180 Seiten (gebunden mit Schutzumschlag); 15,20 Euro.