Kultur 100-jähriger Architekt: Gottfried Böhm ist eine lebende Legende, eine Schau in Frankfurt zeigt sein Werk
Hundertjährigen begegnen wir mit Vorsicht und Respekt. Ähnlich wie Neugeborenen, als könnte ihnen ein unbedachtes Verhalten Schaden zufügen. Gerade prominente Zeitgenossen, zumal Künstler, stehen unter besonderer Beobachtung. Sie sind Mitwirkende an der Kulturgeschichte, deren Etappen sie lange geprägt haben. Bei den Architekten zählten Margarete Schütte-Lihotzky und Oscar Niemeyer zu den Hundertjährigen. Jetzt gehört auch Gottfried Böhm dazu, er hatte am 23. Januar Geburtstag.
Kirchenbauten bestimmen das Frühwerk
Wenn wir dabei von einem biblischen Alter sprechen, ließe sich bei Böhm, der 1986 als erster deutscher Architekt mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, zu seinem Frühwerk überleiten, dem Kirchenbau. Der war geprägt von einer ausdrucksstarken Abwehrhaltung gegen die Profanierung der Gesellschaft, gleichzeitig ein Gegenentwurf zum aufkommenden „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ der Nachkriegszeit. Einigen Architekten galt Sakralbau als freies Experimentierfeld, anderen als Möglichkeit, ihrem Glauben eine Form zu geben.
Dennoch darf man bei Gottfried Böhm keine Betulichkeit erwarten, seine expressive Architektursprache hat sich keinen kanonisierten Maßgaben untergeordnet. Als es um den Wettbewerb für die Wallfahrtskirche in Neviges ging, bei dem Böhm erst in der Überarbeitungsphase gebührende Beachtung fand, soll sich der halbblinde Kardinal Frings, der etwas „radikal Neues“ haben wollte, im tastenden Nachvollzug des vom Architekten gekneteten Plastilinmodells für dessen Entwurf entschieden haben. Kann man sich ein schöneres Narrativ für das „Begreifen“ dieser skulpturalen Bauplastik vorstellen?
Der Mariendom von Neviges
Böhm hatte als einziger der 15 Teilnehmer einen ansteigenden Pilgerweg vorgeschlagen, dessen Ziel dieser brutalistische Kirchenfelsen war. Von der Größe her konnte er es mit dem Kölner Dom aufnehmen: 800 Sitzplätze, 2200 Stehplätze, ein Gebilde aus einem Guss, Sichtbeton für Wände und Dachschrägen, mit Gottvertrauen geschalt und bereits einige Jahre nach der Fertigstellung (1968) ein Sanierungsfall für die Bauforschung – was die Bewunderung für diese hinreißende Raumschöpfung nicht mindert. Wer sich näher auf diese zeitgenössische Architektur einlassen möchte, hat dazu bis 26. April Gelegenheit im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Passend zum Thema hat man das Atrium wandhoch als Pilgerweg mit der Geschichte des Gebäudes tapeziert, dazwischen Zeichnungen und ein Modell: Neviges stellvertretend für das Lebenswerk des Architekten.
Gottfried Böhm hat nach dem Studium der Architektur und der Bildhauerei zunächst im Büro seines Vaters Dominikus mitgearbeitet. Auch seine Frau Elisabeth war Architektin, und mit dreien seiner Söhne setzt sich die Dynastie der Baukünstler fort: vier Kölner Büros in einem Haus. Neben den wieder aufgebauten und neu geschaffenen Kirchen, beginnend mit der Kapelle St. Kolumba („Madonna in den Trümmern“) umfasst sein Werkverzeichnis zahllose öffentliche Bauten, Büro-, Geschäfts- und Wohnhäuser. Während das Rathaus in Bensberg, zeitgleich und wesensverwandt mit der Klosterkirche in Neviges, beweist, wie sich mit den Mitteln der Gegenwart durch eine Brechung der geometrischen Idealform eine selbstbewusste Einbindung in die historische Umgebung erreichen lässt, behauptet sich das Diözesanmuseum in Paderborn als ein mit Bleibahnen verkleideter hermetischer Behälter.
Böhm-Bauten in der Region
Doch Böhm blieb nicht festgelegt auf massive Materialien oder unregelmäßige Konturen. Bei der Züblin-Hauptverwaltung in Stuttgart, beim Kaufhaus Peek & Cloppenburg in Berlin oder der Stadtbibliothek in Ulm umschließen Glashüllen die Kubatur. Und auch ein wenig Romantik passte in sein Repertoire (was gerne dem Einfluss seiner Frau zugeschrieben wurde). Dazu zählen sein Wohnquartier in Köln-Chorweiler, das Altenheim in Düsseldorf-Garath und das Hans Otto Theater in Potsdam. Hier im Südwesten zu besichtigen wären das sanierte Schloss in Saarbrücken, ein Parkhaus in Landau, die Unibibliothek in Mannheim und das Rathaus in Jockgrim (zusammen mit dem Sohn Stephan).
Bauen hat etwas mit Bekenntnis zu tun
Böhm war auch Hochschullehrer an der RWTH Aachen. Er hielt jedes Semester nur eine Vorlesung und vertraute auf die Selbstständigkeit seiner Assistenten. Wollten Studenten eine Entwurfsbetreuung bei ihm, spendierte er eine Fahrkarte zu seinem Büro in Köln. Das versprach zugleich Praxisnähe. In seinem Lehrstuhl hing am Eingang ein Foto seiner Mitarbeiter, darüber war eine Taube als Heiliger Geist für den abwesenden Professor gezeichnet. Nicht sehen und doch glauben, hatte ein Schalk dazu geschrieben. Ja, Gottfried Böhm – bei ihm hat das Bauen mit Bekenntnis zu tun. Seine Architektur lässt einen nicht im Ungewissen.
Die Ausstellung