Kolumnen Kolumne: Über das Reisen und Hilfe zur richtigen Zeit
Das ist ja fast schon absurd. Die lahmen Rhein-Schiffe sind inzwischen schneller unterwegs als die Autos, die versuchen, von der einen auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Ein ungewöhnliches Bild: Oben einmal quer rüber stehen Autos und Laster – unter ihnen gurgeln die Schiffe fröhlich vor sich hin.
Die Welt ist ein Dorf? Ja, vielleicht in München, Madrid und New York. Um aber von der Ludwigshafener Gartenstadt in die Mannheimer Gartenstadt zu kommen, braucht man eine gefühlte Ewigkeit, wenn man Pech hat. Vorbei an der Schokoladenfabrik hat das dann was von Milchstraße statt Dorf.
Lost in Ludwigshafen
„Liebe Liesel, eigentlich wollte ich ja zu Deinem Geburtstagskaffee kommen, aber nun ist auf der Brücke die Dunkelheit über mich und die anderen Wartenden hereingebrochen – und ich kehre wieder um. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.“ So ungefähr ging es jedenfalls einer älteren Dame, die unlängst an einem Sonntagnachmittag gegen 15 Uhr durch Ludwigshafens schönen Stadtteil Friesenheim mit dem Auto tuckerte – auf der Suche nach Dannstadt. Sie hatte kein Navi, und auch keinen Mann mehr, weil der gerade verstorben war. Die Wegbeschreibungen verwirrten sie nur noch mehr. Also gab sie die Suche kurzerhand auf und machte sich auf den Weg zurück nach Weinheim. Mit dem Kuchen, den sie eigentlich hatte mitbringen wollen.
Reisen als Lebensform

Wenn die Schiffe schon flotter vorankommen als die Autos? Dann bleibt vielleicht nur noch das Reisen als Lebensform. Sehr angesagt, sind – Schiffe sind echt in Mode – Kreuzfahrten. Neben den Frachtschiffen sind mittlerweile auch ganz schön viele Touristenbomber auf dem Strom unterwegs. Und die Dinger sind so lang, dass man sich fragt, wann das erste auf Grund laufen wird.
Wenn Mutter Erde für einen sorgt
Oder doch die ganz große Freiheit – und die Welt tatsächlich zum Dorf machen? Wenn man jung, blond und blauäugig ist, scheint das Reisen ein reines Vergnügen zu sein. Das legt jedenfalls Christopher Schacht nah, der – der Titel seines Buches verrät alles - „Mit 50 Euro um die Welt“ ist. Nach dem Abitur ist er ohne Plan und Ziel einfach los. Aus Sahms in Schleswig-Holstein ist er zu einer Weltreise aufgebrochen. Getragen haben ihn sein Vertrauen ins Leben, seine Unbekümmertheit und Aufgeschlossenheit. Erst vier Jahre später ist er zurückgekommen. Da hatte er 45 Länder bereist und 100.000 Kilometer zurückgelegt. Es scheint unvorstellbar, aber Mutter Erde hat immer irgendwie für ihn gesorgt. Die Gewissheit, dass sich für alles immer eine Lösung finden wird, hat er auf seiner langen Reise gewonnen. Ein Platz zum Schlafen hat sich immer aufgetan, und wenn es in der Höhle des Löwen – bei einem Drogenkartell – war. Oder auf dem harten Boden in Korea. Aber nicht, weil seine Gastgeber dort unfreundlich gewesen wären, sondern weil es dort immer noch üblich ist.
Wunderbare Weihnachtslektüre
Eine Erkenntnis, die er mitgebracht hat – und die für uns alle gilt: Man muss immer genug trinken. In Indien ist er von Lkw-Fahrern mitgenommen worden, die ihm halfen, als er vollkommen dehydriert war und deshalb zusammengeklappt ist. Sie hätten mit seinem Rucksack einfach weiterfahren können, als er umkippte. Aber sie haben sich um ihn gekümmert und ihm auch noch eine Zwei-Liter-Flasche Cola gekauft. „Wir alle wünschen uns Menschen, die auch dann noch zu uns stehen, wenn es sie etwas kostet. Aber sind auch wir bereit, zu anderen zu stehen, wenn es uns was kostet?“, schreibt er. Eine wunderbare Lektüre für die Weihnachtszeit. Vielleicht was für die Straßenbahn. Mit der geht’s auf alle Fälle in gewohnter Manier über die Brücken.
Die Autorin
Christine Kamm (53) aus Ludwigshafen arbeitet seit 2012 im Sportressort der RHEINPFALZ.
Die Kolumne
Christine Kamm und Sigrid Sebald schreiben abwechselnd in der Online-Kolumne "Ich sehe das ganz anders" über die großen und kleinen Überraschungen sowie Absurditäten des Alltags.