Im Nachhinein Kohl, Popper und die Unvollkommenheit

kari kamm

Nun ist auch München schneller als Ludwigshafen mit der nach dem Kanzler der Einheit benannten Straße.

„Dass auch unsere Zivilisation sehr unvollkommen ist, ist zugegeben. Aber das ist fast selbstverständlich. Eine vollkommene Gesellschaft ist unmöglich, wie man leicht einsehen kann.“ Das hat der Philosoph Karl Popper über die abendländische Zivilisation geschrieben. Und das ist sehr tröstlich für Ludwigshafener. Denn die Stadt am Rhein ist ja nicht nur die größte in der Pfalz, sie hat auch den bekanntesten pfälzischen Politiker hervorgebracht. Das eine hat mit dem anderen deshalb zu tun, weil ein erster Versuch, eine Straße nach Helmut Kohl zu benennen, gescheitert ist. Das ist ein Versäumnis, ganz ohne Zweifel. Denn eine der besten Möglichkeiten, verdiente Bürger einer Stadt in Erinnerung zu behalten, ist die, Straßen oder Plätze nach ihnen zu benennen. Sonst drohen sie, in Vergessenheit zu geraten – aus den Augen, aus dem Sinn.

Ludwigshafen mit einem gescheiterten Versuch

Dass ausgerechnet die Geburtsstadt des Ehrenbürgers von Europa zu den Städten zählt, die einen gescheiterten ersten Versuch in ihrer Historie verbuchen müssen, mag für manche sehr schmerzlich sein. Aber vielleicht ist dies einfach nur der Popperschen Unvollkommenheit geschuldet.

Das Rennen, als erste Stadt an Helmut Kohl zu erinnern, war nach seinem Tod am 16. Juni 2017 auch nicht zu gewinnen. Das hat Usedom noch zu Lebzeiten des ehemaligen Bundeskanzlers für sich entschieden.

Dem Beispiel der Ostseeinsel sind einige Städte längst gefolgt, zuletzt München. Die bayrische Metropole hat nun ein halbes Jahr nach dem Tod ihres früheren Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel entschieden, einen Platz im Olympiapark nach ihm zu benennen. Ehre, wem Ehre gebührt, schließlich hatte Vogel 1972 die Olympischen Spiele nach München geholt. Der Stadtrat hat ein ganzes Paket geschnürt, in dem auch Kohl zum Zuge gekommen ist. In Freimann wird die Helmut-Kohl-Allee im Guido-Westerwelle-Platz münden.

Was Speyer und Ludwigshafen verbindet

In der Pfalz hat die Stadt Speyer, in der der Kanzler der Einheit auch beigesetzt wurde, ebenfalls reagiert. Am Rhein gibt es dort das Helmut-Kohl-Ufer, das am 29. September 2018 eingeweiht wurde. Speyer ist Ludwigshafen so zwar zuvorgekommen, die beiden Städte sind damit auf wunderbare Weise aber auch verbunden worden. Denn was den einen das Helmut-Kohl-Ufer ist, ist den anderen die Hannelore-Kohl-Promenade. Auf der Parkinsel in Ludwigshafen trägt der bei Spaziergängern so beliebte Fußweg am Rhein seit dem 14. Mai 2004 den Namen von Kohls erster Frau. Das war im Nachhinein betrachtet, eine gute Idee. Und es gab keine Opfer, denn der Ufersaum hatte zuvor gar keinen Namen getragen.

Ein weniger guter Einfall ist es gewesen, aus der Rheinallee in Ludwigshafen die Helmut-Kohl-Allee machen zu wollen – der gescheiterte Versuch wenige Monate nach dem Tod Kohls. Die Stadt heißt nun mal Ludwigshafen am Rhein. Einen Teil der parallel zum Rhein verlaufenden Lagerhausstraße nach dem Fluss zu benennen, war die Korrektur eines Versäumnisses. Warum also ausgerechnet die Rheinallee?

Immerhin gibt es den Platz der Deutschen Einheit

Für Helmut Kohl wird sich noch eine angemessene Lösung finden. Doch halt, ist das vor der Rhein-Galerie in Ludwigshafen nicht der Platz der Deutschen Einheit? Und weiß nicht jeder in der Stadt, der etwas älter ist, dass das ein- und dasselbe ist. Also, das wird schon noch in Ludwigshafen mit der Helmut-Kohl-Straße, -Allee oder -Promenade. Es braucht nur Geduld – wie seinerzeit mit der Einheit.

Karl Popper mag mit einem recht haben: „Es kann keine Geschichte der Vergangenheit geben, wie sie tatsächlich gewesen ist. Es kann nur historische Interpretationen geben.“ Bei allem Interpretationsspielraum sind die Verdienste Helmut Kohls unbestritten. Der Pfälzer war maßgeblich daran beteiligt, dass aus zwei Deutschlands eines wurde.

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