Der Weintipp
Doch nicht nur heiße Luft
Man kennt das aus dem Berufsleben: Da tritt einer auf wie Graf Rotz. Mit seiner Großspurigkeit macht er Eindruck und ist zum Ärger der Seriösen oft erfolgreich. Aber jeder, der ihn durchschaut hat, weiß, dass da vor allem heiße Luft unterwegs ist.
Nein, es geht hier nicht um Bundesverkehrsminister, sondern um Rebsorten. Musterbeispiel Merlot. Das ist eine Sorte, die ihren Ruhm im Bordelais errungen hat. Nur wenige wissen, dass sie nach der Reblauskatastrophe den zuvor vorherrschenden Malbec allein deshalb ersetzt hat, weil sie höhere Erträge brachte. Dennoch: In einer Reihe von tatsächlich großartigen Weinen spielt heute der Merlot in Pomerol oder St. Emilion eine dominierende Rolle. Kein Experte würde das bestreiten. Der Erfolg wurde jedoch unter ganz speziellen Bedingungen erzielt, vor allem: alte Reben, niedrige Erträge, besonderes Terroir.
Massenerfolg im Windschatten
Im Windschatten des Ruhms, den andere verdient haben, präsentieren sich seitdem in der ganzen Welt massenweise Merlots. Sie stammen aus Riesenerträgen, die mit diesem Massenträger auf fetten Böden und bei entsprechender Anbautechnik problemlos wachsen und sind nicht mehr wert als ein Dornfelder aus dem Supermarkt.
Eine Klasse für sich
Die Brüder Julian und Philipp Hof in Klingen erklären frank und frei: „Dieser Merlot hat bei uns den Dornfelder ersetzt.“ Wer nun aber glaubt, die beiden wollten nur den besser klingenden Namen für ihre Zwecke nutzen, sieht sich glücklicherweise getäuscht. Der Merlot für kleines Geld, den sie da auf den Tisch stellen, ist eine Klasse für sich. Die Brüder begrenzen den Ertrag auf 7000 bis 8000 Liter pro Hektar, bauen den Wein traditionell im großen Holzfass aus und gewinnen so einen unkompliziert guten Alltagswein, der alle Vorurteile über Merlot zu widerlegen scheint: rundes, warmes und weiches Kirscharoma, ein Hauch Brotkruste, sanft dunkelfruchtig und zugänglich auch im Mund bei nur zartem Gerbstoff. Ein exzellenter Vorgeschmack auf den noch besseren Merlot, den sie auch im Keller haben.