Tagebuch
Mit dem FCK in Belek: Eine bis zu zwölf Meter hohe Hilfe
Tag 7
Das Ding macht Eindruck und wirft gleichzeitig Fragen auf. Wann immer der 1. FC Kaiserslautern im Trainingslager in Belek auf dem Übungsplatz steht, ist es im Einsatz, wird aufwendig auf- und abgebaut und ist voller Technik. Marvin Manske, der Spielanalyst des FCK, ist für die Verwendung verantwortlich.
Vor den Einheiten der Roten Teufel fährt Manske das Stativ aus, bis zu zwölf Meter hoch kann es werden, das hängt von den Anforderungen, den das Trainerteam hat. Oben ist eine Kamera angebracht, die Teile des Trainings filmt – und die Cheftrainer Dimitrios Grammozis wichtige Perspektiven bietet, wenn er auswerten möchte, wie seine Spieler gearbeitet haben.
Dank moderner Technik kann Manske vom Boden aus die Kamera ausrichten, den Winkel und den Zoom einstellen. Eben das ist die Besonderheit des Stativs, das der Spielanalyst „Hi-Pod“ nennt. In Echtzeit kann er die Aufnahmen auswerten und sie dem restlichen Trainerteam unmittelbar nach der Einheit zur Verfügung stellen.
Ein Hochstativ, wie es die Roten Teufel nutzen, kostet je nach Ausführung einen niedrigen vierstelligen Euro-Betrag. Eine Firma aus Deutschland hat sich auf die Produktion der komplexen Systeme spezialisiert. Es wird in einer großen silberfarbenen Kiste transportiert, wenn das Stativ komplett eingefahren worden ist. Mehr als 30 Kilogramm ist das Stativ schwer, meist braucht es zwei Personen, um es herumtragen zu können.
Spielanalyst Manske hat sich anders beholfen, weil nicht immer eine zweite Person greifbar ist. Er hat kleine Rollen angebaut, um die Kiste hinter sich herziehen zu können. Dadurch ist das Hochstativ noch variabler einsetzbar – und die Profis des FCK sind noch besser im Training zu beobachten.
Tag 6: Königreich für Katzen
Katze müsste man sein – zumindest habe ich mich in den zurückliegenden Tagen ein-, zweimal bei diesem Gedanken ertappt. Während ich in Belek das Privileg genieße, dass es deutlich wärmer als in der verregneten Pfalz ist, geht es den Vierbeinern hier noch deutlich besser. Diesen Eindruck habe ich. Denn auf der Hotelanlage tummelt sich etwa ein Dutzend Katzen und keine von ihnen macht einen unzufriedenen Eindruck.
Entweder liegen die Tiere in einer Ecke, ruhen sich aus und genießen die Sonne, sofern sie durch die Wolken blinzelt. Oder sie sind auf der Suche nach einer Leckerei. Auf die Jagd machen sich die Katzen kaum, zumindest müssen sie es nicht tun, um ihren Hunger zu stillen. Die Hotelgäste versorgen sie schließlich mit vielen Leckereien. Besonders die Kinder, die vor Ort sind, haben große Freude daran, die Katzen zu füttern, um sie während des Mahls der Tiere oder im Anschluss zu streicheln.
Selbst während der Essenszeiten der Menschen im großen Restaurant sind die Tiere geduldet und schleichen unter den Tischen oder zwischen den Beinen der Zweibeiner herum. Immer konzentriert genug, um zur Stelle zu sein, wenn absichtlich oder unabsichtlich etwas Essbares auf den Boden fällt.
Es könnte beinahe der Eindruck entstehen, die possierlichen Tiere sind die Herrscher auf der Anlage und die „großen Tiere“ ihre Erfüllungsgehilfen. In jedem Fall habe ich den Eindruck, dass man es als Katze hier im Hotel in Belek gar nicht so schlecht hat. Da kommt der Gedanke auf: Katze müsste man sein.
Tag 5: Missverständnis mit Schirmen
Das Wetter hat in Belek in den zurückliegenden zwei Tagen eine Kehrtwende vollzogen. Starker Wind und Regen haben das Kommando übernommen, es ist ungemütlich geworden. Wie alle Menschen wollen sich die Profis des 1. FC Kaiserslautern gegen das Wasser von oben schützen – und das hat für ein Missverständnis der humoristischen Art gesorgt.
Die Reisegruppe des FCK wird von den Gastgebern in der Türkei bestens umsorgt. Gastfreundschaft ist wichtig, und es wird versucht, Spielern und Offiziellen jeder Wunsch von den Augen abzulesen. Das gilt in besonderem Maß, wenn darum gebeten wird, einen Regenschutz zu organisieren – auch wenn es im ersten Versuch nicht gleich funktioniert.
Dienstagvormittag machten sich ein paar Männer des Hotels, in dem die Roten Teufel untergebracht sind, mit einem Elektrowagen, der meist auf Golfplätzen zum Einsatz kommt, auf den Weg und kamen einige Zeit später voll beladen zurück. Sie trugen drei offensichtlich schwere Füße von Sonnenschirmen an den Trainingsplatz und waren anschließend damit beschäftigt, die Schirme daran zu befestigen. Aufgespannt würden die sicher einigen Schutz vor dem Regen geben. Blöd war nur, dass sie nicht für den mobilen Einsatz taugen.
Der FCK hatte klassische Regenschirme im Sinn, mit denen die Spieler den knapp zehnminütigen Fußweg vom Trainingsplatz ins trockene Hotel zurücklegen können. Es wurden eifrig Bilder im Smartphone gegoogelt und den fleißigen Helfern gezeigt. Nach dem „Aha-Effekt“ stellten sie die großen Schirme neben die kleine Umkleide und machten sich an die Aufgabe, „little umbrellas“, kleine Regenschirme, zu besorgen. Auf die Schnelle war das nicht mehr umsetzbar, aber Wettergott Petrus hatte ein Einsehen. Es regnete am Ende der Übungseinheit nicht mehr.
Tag 4: Im Dunkeln herumgetappt
Das Testspiel des FCK am Samstag gegen Gençlerbirliği hatte wenig Abenteuerliches an sich, auch wenn sich die Spieler beider Mannschaften in der ersten Halbzeit mal kurz gegenseitig an die Gurgel wollten. Ansonsten viel Normalität, viele Spielerwechsel, müde Beine und immerhin ein paar Tore. Als ich auf der kleinen Tribüne auf dem Gelände des Calista Sportkomplexes saß, ahnte ich nicht, dass mir auf dem Rückweg noch ein kleines Abenteuer bevorstehen würde.
Ich hatte mich vor dem Spiel zu Fuß auf den Weg gemacht, rund vier Kilometer, knapp 50 Minuten. Bewegung tut während eines Trainingslagers gut, das gilt nicht nur für die Profis, dachte ich mir. Auf dem Hinweg lief alles glatt, auch wenn das Fußwegenetz in Belek – gelinde gesagt – ausbaufähig ist. War aber nicht so schlimm, also lief ich am Straßenrand oder dem sandigen kleinen Seitenstreifen und war beruhigt, dass ich an der gesamten Strecke Straßenlaternen sah. Schließlich würde die Sonne längst untergegangen sein, wenn ich mich auf dem Rückweg machen würde.
Nach dem 4:1, den Interviews und dem Schreiben des Textes war ich mit Ausnahme des Mannes, der das eiserne, automatische Tor und vermutlich auch die Anlage bewachte, allein am Platz und war froh, dass ich mich auf den Heimweg machen konnte. Die Freude vermischte sich schnell mit einem mulmigen Gefühl, denn die Straßenlaternen spendeten kein Licht, sondern standen einfach nur da. Zumindest an einem großen Teil der Strecke. Schnell wurde es stockdunkel um mich herum, unterbrochen wurde die Finsternis nur von meinem Handy und den Scheinwerfern der mir entgegenkommenden Fahrzeuge. Immerhin das.
Dennoch war das kein Spaß, denn zum Teil fehlten die Fußweg, und ich musste auf der Straße laufen. Hinzu kommt, dass wohl automatisch Unruhe aufkommt, wenn man allein im Dunkeln durch unbekanntes Gebiet läuft. Angst vor einem Überfall musste ich aber nicht haben, es konnte mir auch niemand folgen, denn außer mir war niemand unterwegs, der nicht in einem Auto saß und in einem Affentempo an mir vorbeisauste. Vermutlich wussten alle außer mir, dass die Straßenlaternen nicht automatisch dazu da sind, um für Helligkeit zu sorgen.
Mal gucken, ob ich mich am Mittwoch wieder zu Fuß auf den Weg mache, wenn der FCK gegen Dynamo Dresden testet. Der Spielort ist ein anderer, aber der Weg ist beinahe identisch. Andererseits tut Bewegung im Trainingslager gut, nicht nur den Profis. Zudem bin ich letztlich wohlbehalten in meinem Hotel angekommen.
Tag 3: „Dynamo, Dynamo“ im Nachbarzimmer
Mein Hotel in Belek ist etwa 25 Minuten Fußweg vom Teamhotel des 1. FC Kaiserslautern entfernt. Es war eine bewusste Entscheidung, nicht zu versuchen, im gleichen Camp wie die Profis unterzukommen. Schließlich tut es beiden Seiten gut, nicht 24 Stunden aufeinanderzuhocken. Ich möchte beim Frühstück nicht ständig jemanden in Funktionsklamotten der Roten Teufel begegnen – und die Spieler sind sicher dankbar, dass nicht jederzeit der Reporter aus der sportlichen Heimat ums Eck kommen kann, wenn sie zwischen den Einheiten ent- und ausspannen wollen.
Dieses Vorhaben wurde umgesetzt, was aber nicht bedeutet, dass ich ohne Fußball bin, wenn ich meine Hotelanlage betrete. Im Gegenteil. Neben der Mannschaft von MTK Budapest und vielen jungen Tennisspielern, neben vielen Familien, die Urlaub machen, gibt es eine kleine, aber doch auffällige Gruppe: Fans von Dynamo Dresden. Das zeigt sich nicht nur dadurch, dass eine Fahne des Traditionsklubs gut sichtbar am ein oder anderen Balkon aufgehängt wurde. Die Anhänger machen sich auf andere Weise bemerkbar.
Ich habe das zweifelhafte Vergnügen, dass die Dynamo-Fans in meinem Gebäudekomplex untergebracht sind. Zweifelhaft deshalb, weil die Jungs aus Dresden nicht zum Arbeiten hier sind wie ich, sondern gerne und oft feiern. Das gönne ich ihnen von Herzen, aber mitunter stört mich der Lärm, den sie damit verursachen.
Ich weiß nicht, ob es einen besonderen Grund gab, aber in der Nacht von Freitag auf Samstag feierten die Dynamo-Fans ausgelassen. Sie hatten viel Spaß und übten sich in Schlachtrufen, was mir das Einschlafen erschwerte. Als ich am Morgen erwachte, lärmten da immer noch ein paar Männer. Ob sie schon wieder feierten, oder immer noch: ich habe keinen blassen Schimmer. In jedem Fall war ich überrascht von der Konsequenz, mit der sie die Nacht im sprichwörtlichen Sinn zum Tag machten. Nun ja, ich werde es überstehen. Im Grunde mag ich Fußballfans ja, weil ich die Emotionen mag, die sie in den Stadien entfachen. Die „Dynamo, Dynamo“-Gesänge müssen ja nicht unbedingt von meinem Nachbarbalkon kommen.
Vor diesem Hintergrund könnte es meiner nächtlichen Ruhe trotzdem zuträglich sein, wenn der FCK am kommenden Mittwoch in guter Form wäre – dann steht hier in Belek ein Testspiel zwischen den Roten Teufeln und den Dresdnern an.
Tag 2: Mehr Miteinander geht nicht
Das Wortteil „Pflicht“ ließ Dimitrios Grammozis nicht zu. Der Trainer des 1. FC Kaiserslautern suchte nach einer anderen Formulierung und zeigte sich dankbar für den Vorschlag „Wohlfühltermin“. Grammozis ließ seinen Worten Taten folgen, denn er spulte das Treffen mit den Fans nicht einfach nur ab, sondern investierte sichtbar in das Miteinander zwischen Profis und den eigenen Anhängern. Es ist Usus, dass sich Spieler, Betreuerteam und Offizielle einmal während eines Trainingslagers zu den mitgereisten Fans gesellen. Mehr noch, der FCK lädt die Anhänger zu einem Umtrunk ein. Für die Menschen, die während der Saison auf den Tribünen des Fritz-Walter-Stadions sitzen oder stehen, bestand deshalb in Belek eine seltene Gelegenheit, ihren Idolen in ungezwungener Atmosphäre sehr nahe zu kommen.
„Die schöne Zeit ist jetzt vorbei, jetzt geht es wieder rund“, rief ein Fan der Roten Teufel in Richtung von Daniel Hanslik, als der sich knapp zwei Stunden nach dem Fantreffen gemeinsam mit Avdo Spahic auf dem Weg zum Trainingsplatz machte. Die zweite Übungseinheit des Tages stand an, und die Szene zwischen den Fans und Stürmer Hanslik symbolisierte, warum das Zusammenkommen kurz zuvor Sinn machte.
„Es ist eine gelungene Abwechslung, und es macht Spaß“, sagte FCK-Kapitän Jean Zimmer. Er genoss das Bad in der Menge: „Hier sind die Fans dabei, die uns immer unterstützen.“ Rund 70 Fans des FCK sind aktuell in Belek dabei und verpassen keine Trainingseinheit ihres Teams. Sie unterstützen ihren Herzensklub, investieren viel Geld und Zeit und sind das, was einen Verein mit großer Tradition ausmacht. Das seltene direkte Aufeinandertreffen zwischen ihnen und den Spielern sorgte im Mannschaftshotel für gute Atmosphäre.
Auffällig unkompliziert gingen Spieler und Fans miteinander um, es gab keine Barrieren, sondern es wurde einfach miteinander gequatscht. Die Profis gaben sich nahbar und keinesfalls als abgehobene Söldner. Bei solchen Terminen haben Fußballer, die viel Geld mit ihrem Job verdienen, die Chance, Vorurteile gegen sich abzubauen. Die Roten Teufel haben sie genutzt. Das war spürbar und an den Reaktionen der Anhänger abzulesen.
Ich habe das Treffen interessiert verfolgt und wurde auch ein Teil des Ganzen. Ein paar Fans, die in den zurückliegenden Tagen bemerkt hatten, dass ich die Mannschaft als RHEINPFALZ-Journalist begleite, sprachen mich an. Die Neugierde war groß, schließlich bin ich ein neues Gesicht, weil ich erst seit Beginn des Jahres in die Berichterstattung über den liebsten Klub der Pfälzer eingestiegen bin. Mein Kollege Marek Nepomucky ist vielen bekannt, ich bin es bisher nicht. Das wird sich ändern.
Tag 1: Hotelmanager im Spagat
Wenn das Jahr beginnt, zeichnet sich in der Ferienregion Belek ein ambivalentes Bild. Die Hotelmanager müssen einen Spagat vollbringen, den sie anhand der Erfahrungen der Vergangenheit aber allem Anschein nach mühelos vollbringen. In den riesigen Clubanlagen, an denen zu dieser Jahreszeit immer irgendwo gehämmert oder gebaggert wird, suchen Touristen die Möglichkeit, sich vom Alltag zu erholen.
Daneben gibt es viele Menschen, die nicht zum Urlauben hier sind, sondern der Arbeit willen. Viele Fußballklubs, nicht nur der 1. FC Kaiserslautern, nutzen das im Vergleich zur eigenen Heimat bessere Klima, um sich fit zu machen für die Rückrunde. In meinem Hotel ist gerade MTK Budapest abgestiegen, ein Traditionsklub aus Ungarn. In der kommenden Woche wird Slovan Bratislava erwartet, der aktuell Tabellenführer in der ersten Liga der Slowakei ist. Am Flughafen haben ich zudem das Team von Universitatea Craiova gesehen, einem rumänischen Erstligisten. Die Jungs haben wie ich lange am Gepäckband auf ihre Koffer erwartet.
Hier in Belek geht es den Profis im Moment aber nicht nur um Fußball. In dem Hotel, in dem ich untergekommen bin, steht Tennis hoch im Kurs. Es gibt mehr als zehn Plätze, von denen sich acht äußerlich in einem tadellosen Zustand befinden. Am frühen Morgen fliegen hier schon die gelben Filzkugeln über das Netz – in einer Geschwindigkeit und einer Präzision, wie sie Hobbyspieler nicht zu erzeugen vermögen. „Es bereiten sich hier viele Profis auf die Saison vor“, hat mir der Hotelmanager stolz berichtet, als er mich zu meinem Zimmer begleitete.
Im März gibt es auf der Anlage sogar ein ITF-Turnier, auf dem sich zumeist Nachwuchsspieler miteinander messen und es neben einem kleinen Preisgeld vor allem Punkte für die Weltrangliste zu verdienen gibt. Die Megasaray-Open bieten für die jungen Cracks die Möglichkeit, sich in der Rangliste zu verbessern, um künftig bei größeren Turnieren mitspielen zu können. Das ist aber Zukunftsmusik, denn während sie sich hier in Belek die Bälle um die Ohren hauen, sind die Besten ihrer Zunft gerade im fernen Australien, wo bald das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres beginnt.
