1. FC Kaiserslautern
Jan Gyamerah: Die Neuverpflichtung des FCK im Porträt
Der Schrei, der an jenem Mittwochmorgen des 11. September 2019 gegen 11 Uhr auf dem Trainingsgelände des Hamburger SV zu hören ist, erschaudert Spieler, Trainer und Zuschauer. Jan Gyamerah bleibt im Rasen hängen und verdreht sich den Fuß. Er sackt zu Boden und brüllt vor Schmerzen. Sieben Minuten dauert es, bis gleich zwei Krankenwagen kommen. Einer bringt den Fußballprofi, der vergangene Woche zum 1. FC Kaiserslautern gewechselt ist, ins Klinikum Eppendorf. Dort wird der Wadenbeinbruch des 24 Jahre alten Gyamerah noch am selben Tag operiert.
Einen Tag nach der OP folgt der nächste Rückschlag: Gyamerah kann seine Zehen nicht bewegen. Der Operateur ist auch nicht gerade zuversichtlich und deutet an, dass es mit der Profilaufbahn vorbei sein könnte. Den Schock muss Gyamerah erst einmal verdauen. Doch Gyamerah wird wieder gesund. Sechs Monate fällt er aus am Ende. „Das Erste, was mir bei der Verletzung durch den Kopf schoss, war mein Laktatwert. Der war mal gut gewesen. Ich dachte nun, dass er wieder schlechter wird“, erzählt Gyamerah im Podcast „Ka Depp“ des 1. FC Nürnberg Jahre später. Die Blessur behindert ihn in seiner Profilaufbahn dann nicht mehr – weder beim Hamburger SV danach noch später beim 1. FC Nürnberg. Aber sie zeigt ihm auf, wie schnell eine Profilaufbahn zu Ende sein könnte.
Als Kind mit Rassismus in Schule konfrontiert
Jan Gyamerah kam am 18. Juni 1995 in Berlin zur Welt. Sein Vater, ein Ghanaer, war wegen des Studiums nach Deutschland gezogen. Die Familie zieht nach Niedersachsen. Da ist Gyamerah fünf Jahre alt. Doch seine Kindheit ist nicht ganz unbeschwert. Gyamerah lernt auf die unverblümte Art, was Rassismus bedeutet. In der fünften Klasse sei er in der Schule rassistisch angefeindet worden, erzählt er im Podcast „Ka Depp“. „Manche Kinder haben das Lied mit dem N-Wort gesungen“, sagt er.
Sein Vater ist sein großer Rückhalt. „Man rastet als kleiner Junge aus, prügelte sich, schluckte es“, schildert Gyamerah: „Aber je älter man wird, desto selbstbewusster wird man.“ Heute ist Gyamerah ein selbstbewusster Familienvater, der sich nicht nur mit Fußball beschäftigt, sondern sich auch zu vielen anderen Themen äußern kann. „Wie gehen Kinder damit um, die keinen großen Rückhalt in der Familie haben?“, fragt er nachdenklich im Podcast „Ka Depp“.
Jan Gyamerah wird schon als Kind mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert. Er lässt sich aber nicht davon zermürben – wohl auch wegen des enormen Zusammenhalts der Familie. Er fängt an, Fußball zu spielen. Rasch wird sein Talent sichtbar. In der Jugend spielt er eine Saison für Arminia Bielefeld und geht dann zum VfL Bochum. Dort gelingt ihm der Durchbruch zum Profidasein. Der Verein steht vor dem Abstieg in die Dritte Liga. Peter Neururer soll den Traditionsklub retten. Er zieht Gyamerah aus der U19 zur Profimannschaft. „Er gab mir das Gefühl, dass ich die Lösung für den VfL bin“, sagt Gyamerah: „Das tat er aber mit jedem Spieler.“
Bochum gelingt der Klassenverbleib. Gyamerah wird 74 Spiele für den VfL absolvieren, ehe er 2019 zum HSV wechselt, dort aber bis 2022 mit dem Verein den Bundesliga-Aufstieg nicht schafft. Dabei ist die Bundesliga das große Ziel des Jan Gyamerah. „Je älter man wird, desto schwieriger wird es, in die Bundesliga aufzusteigen. Man kann es nicht planen“, sagt Gyamerah, für den der Franzose Thierry Henry das große Vorbild ist, im RHEINPFALZ-Gespräch. Er kennt nahezu jedes Tor des Franzosen.
Nicht bei Instagram
Jan Gyamerah ist ein Mensch, der weiß, was er will. Jemand, der nicht mit der Masse schwimmt. Er hat kein Instagram-Konto, verrät er. Andere Profifußballer setzen sich auf dieser Plattform gerne und häufig in Szene. Gyamerah ist das schnuppe. Er verbringt die Zeit lieber mit seiner Familie, die mit ihm nach Kaiserslautern kommen wird.
Die Pfalz wird jedoch bei Gyamerahs kulinarischer Vorliebe eine Herausforderung. Der einstige deutsche U17- und U18-Nationalspieler liebt die japanische Küche. „In Hamburg gab es ein unfassbar großes Angebot an Gastronomie und total viele japanische Restaurants. Da habe mich ausgelebt“, erzählt der 29 Jahre alte Defensivspieler. In Kaiserslautern ist das Angebot an japanischer Kulinarik jedoch überschaubar. „Aber das Schöne an der Region ist, dass andere Städte wie Saarbrücken, Mainz, Mannheim, Frankfurt in der Nähe sind“, sagt Gyamerah.
Jan Gyamerah ist ein Wunschspieler der FCK-Verantwortlichen. Der Kontakt zum 29-Jährigen besteht schon länger. „Es war nur eine Frage, wann es passiert“, sagt er. Gyamerah hatte viele Wochen Exklusivinfos. Er wusste, dass Anfang Trainer beim FCK wird. Weil Gyamerah unter dem damaligen Coach Christian Fiél eine Stütze im Spielsystem war, das auch Anfang präferiert, bemühte sich der FCK um den Deutsch-Ghanaer. In Nürnberg jedenfalls diskutieren die Fans emotional über den Abgang von Jan Gyamerah. Denn er gilt als ein technisch versierter, spielintelligenter und defensiv vielseitig einsetzbarer Spieler. Beim FCN war er vorige Saison zeitweise Kapitän.
„Jan erhöht die Variabilität. Das war auch einer der Hauptgründe, warum wir ihn geholt haben“, sagt FCK-Trainer Markus Anfang. Gyamerah trainierte am Freitag erstmals mit der Mannschaft. „Er ist topfit. Wir müssen ihn erst aber einmal aufbauen, weil in er Nürnberg nicht alles in der Vorbereitung mittrainiert hat. Aber er ist belastbar“, sagt Anfang. Während er am Samstag nach dem 2:0-Testspielsieg gegen 1860 München diese Sätze spricht, trainiert Gyamerah mit den Akteuren, die gegen den Drittligisten nicht oder nur wenig spielten. „Wir haben die Woche ein bisschen Zeit, um ihn heranzuführen“, sagt Anfang.
Dazu gehört auch ein Leistungstest. „Da werden wir seinen aktuellen Fitnessstand herausfiltern“, betont Anfang. In Nürnberg fehlte Gyamerah offiziell wegen Rückenbeschwerden. Davon ist beim FCK laut Anfang nichts zu spüren. Gyamerah sagt: „Ich bin einsetzbar. Ich hatte keine richtige Vorbereitung und brauche jede Einheit, um wieder meine Fitness zu bekommen.“ Ob er auch dieses Mal an seinen Laktatwert wie in Hamburg denkt?
